Berlin - Berlins Innensenator Frank Henkel hat am Mittwoch den Katastrophenfall ausgerufen. Es gibt eine rätselhafte Seuche, ausgelöst durch einen tödlichen Erreger. 6000 Menschen leiden an Magen-Darm-Erkrankungen oder schwerer Atemnot. Viele sind bereits gestorben.

Henkels Entscheidung ist Teil einer Übung vom Bund und neun Bundesländern, bei der die Fähigkeiten des nationalen Krisenmanagements ausgetestet werden. Die alle zwei Jahre wiederkehrende Katastrophenübung mit jeweils wechselnden Szenarien hat den sperrigen Namen „Länder übergreifende Krisenmanagement-Übung/Exercise“, kurz: Lükex.

Neben Institutionen wie dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und dem Robert-Koch-Institut (RKI) sind acht Bundesländer beteiligt. Berlin, Nordrhein-Westfalen (NRW) und Thüringen sind sogenannte Hauptübungsländer. In dem Planspiel mit 2000 Teilnehmern soll die Kommunikation zwischen Behörden, Einsatzkräften und Medien verbessert werden – anders als bei der Ehec-Epidemie vor zwei Jahren, die 52 Todesopfer forderte.

Verdächtige Orchideenausstellung

Nach Angaben von Beteiligten gibt es dieses Szenario: An diesem Montag wurden in NRW 6000 Fälle von Magen-Darm-Erkrankungen festgestellt. 12 Menschen sind gestorben. In Berlin gibt es 48 Fälle schwerer Atemnot, vor allem in Charlottenburg-Wilmersdorf und in Steglitz-Zehlendorf. Deshalb sind diese Bezirksämter bei der Übung dabei.

Für den weiteren Verlauf gibt es ein exaktes Drehbuch: Am Dienstag nehmen die Erkrankungen und Todesfälle in Berlin, NRW und Thüringen zu. Der Bund-Länder-Krisenrat für Lebensmittel- und Futtersicherheit beruft eine Task Force ein. Zwischendurch fällt der Verdacht auf eine Orchideenausstellung im Botanischen Garten. Denn viele der Erkrankten hatten sie zuvor besucht. Aber diese Spur führt nicht weiter.

Am Mittwoch werden schon 10.000 Erkrankte gezählt und weitere Tote. Vereinzelt werden Salmonellen nachgewiesen, was aber als Ursache der Epidemie bezweifelt wird. Das RKI kann in einer Patientenprobe hochgiftiges Rizin nachweisen. Inzwischen mangelt es an Ärzten und Laborkapazitäten. Apotheken und Großhändler melden, dass Atemmasken ausverkauft sind. Ausländische Botschaften fragen besorgt an. Die Behörden werden mit Presseanfragen bombardiert.

Allein 30 Leute spielen bei dieser Übung Journalisten und Pressesprecher. Die Senatsverwaltungen für Gesundheit und Verbraucherschutz sind beteiligt, als Henkel Katastrophenalarm auslöst. Am Nachmittag geht beim Innenministerium ein Brief ein, in dem ein Mann mit weiteren Rizin-Anschlägen droht. Derweil meldet die Bund-Länder-Taskforce mehr Salmonellen in verdorbenem Fleisch. Gleichzeitig gibt es mehr Patienten mit Rizin-Vergiftungen. Die Behörden gehen von einem Anschlag aus und schalten das Landeskriminalamt wird ein.

Am Donnerstag wird die Zahl der Erkrankungen abnehmen. Und die Polizei wird Wohnungen der Täter durchsuchen. Dann ist die Übung beendet und wird ausgewertet.

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