Erdbeben: Hightech aus Berlin ortet kleinste Lebenszeichen unter Trümmern

Das in Oberschöneweide entwickelte Bioradar ist seit 20 Jahren weltweit bei jedem Erdbeben im Einsatz. Die Türkei verschleppte den Ankauf.

Hier könnte ein Bioradar helfen: Ein Retter sucht nach Überlebenden in den Trümmern eines Gebäudes im türkischen Kahramanmaras.
Hier könnte ein Bioradar helfen: Ein Retter sucht nach Überlebenden in den Trümmern eines Gebäudes im türkischen Kahramanmaras.Li Zhenbei/XinHua

Ein Mensch liegt unter meterdicken Betontrümmern, ist bereits zu schwach, um zu sprechen oder gar zu rufen. Doch er atmet noch, sein Brustkorb hebt und senkt sich. Mit einem speziellen Ortungssystem besteht noch immer die Möglichkeit, unter den eingestürzten Häusern im türkisch-syrischen Erdbebengebiet Lebende zu finden. Doch die Chancen sinken mit jeder Minute. „Nach drei, höchstens vier Tagen verdursten die Menschen“, sagt Manuel Deimer, Helfer der Ortungsgruppe des THW in Berlin, erfahren in vielerlei Rettungseinsätzen. Den Einsatzkräften läuft also die Zeit davon, vor allem bei Temperaturen von bis zu minus sieben Grad.

Ein solches Ortungssystem namens Rescue Radar, auch Bioradar genannt, wurde Ende der 1990er-Jahre in der Firma Berlin-Oberspree Sondermaschinenbau (BOS) entwickelt. Seit 20 Jahren ist es in jedem Erdbebengebiet der vergangenen 20 Jahre im Einsatz gewesen, sagt Manuel Deimer, und zwar „mit großem Erfolg“. Immer seien Personen gefunden worden. Das THW in Deutschland verfüge über drei Rescue-Radar-Systeme.

Laut THW ist ein Team der Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland in Kirikhan (Region Hatay) im Einsatz. Das Team meldete demnach auch schon eine Lebendrettung, die in der Nacht zu Donnerstag gemeinsam mit Anwohnern gelang. Der WDR-Reporter Jens Eberl, der das THW-Team nach Hatay begleitete, berichtet: „Auch ein Bioradar zum Aufspüren von Menschen gehört zum Equipment.“

Das Rescue-Radar-Ortungssystem, auch Bioradar genannt
Das Rescue-Radar-Ortungssystem, auch Bioradar genanntMeder CommTech

Das Gerät registriert selbst hinter meterdickem Beton die geringsten menschlichen Regungen wie die Atmung. Es durchdringt Materialien wie Stein, Sand, Schnee oder Holz. Manuel Deimer beschreibt aus eigener Erfahrung, wie es funktioniert: „Man geht mit dem Gerät über die Trümmer, Mikrowellen dringen hinein. Wasser reflektiert diese Wellen, also auch ein menschlicher Körper, der zu etwa 70 Prozent aus Wasser besteht. Wenn der Mensch atmet, hebt und senkt sich der Brustkorb und diese Bewegung ändert die Laufzeit der Mikrowellen.“

Das etwa drei Kilo schwere Gerät sende in Echtzeit per Wlan an einen Laptop, der die Daten auswertet und in Grafiken übersetzt. Aus denen müssen die Hilfsteams lesen. „Diese Fähigkeit erfordert etwa drei Tage Ausbildung und viel Erfahrung“, sagt Deimer.

Türkei bestellte drei Geräte – zu spät

Der 42-Jährige ist überzeugt von dem Gerät – im Zusammenwirken mit anderen Ortungshilfen wie akustischen Geräten, Kameras oder auch Spürhunden gebe es den Einsatzkräften wertvollste Hinweise. Mit der Aussicht, Menschenleben zu retten, sei auch ein Preis von, je nach Ausstattung, bis zu 25.000 Euro angemessen.

Die Ausstattung der türkischen Katastrophenschutzbehörde AFAD mit den Geräten zog sich allerdings hin. Dreimal reisten Manuel Deimer und BOS-Gründer Prof. Richard Schimko im vergangenen Jahr nach Ankara und Istanbul, um das Gerät vorzuführen. Beim vierten Mal bestellte die Türkei schließlich drei Geräte. Das war vor drei Wochen. Zu spät für den Einsatz in der jetzigen Katastrophe.

Der Forscher und sein Helfer

Warum das Zögern? Es habe bei den türkischen Partnern den Wunsch nach einem Gerät gegeben, das alles kann und präzise sagt: Dort und dort liegen in drei Metern Tiefe drei Personen. Vielmehr müsse man mit den physikalischen Grenzen umgehen, zum Beispiel Störungen durch Metall.

Zum ersten Mal kam das von dem jungen russischen BOS-Mitarbeiter Sviatoslav Fisun maßgeblich entwickelte Bioradar in Berlin zum Einsatz, nachdem eine gewaltige Gasexplosion am 3. Oktober 1998 ein Wohnhaus in der Lepsiusstraße in Steglitz zerstört und sieben Bewohner unter sich begraben hatte. Der junge Software-Ingenieur stammte aus Moskau, wo er Strahlenphysik studierte.

Richard Schimko, der schon zu DDR-Zeiten unter anderem als Leiter der Forschungsabteilung des Werkes für Fernsehelektronik gute Beziehungen zu Forschern in der Sowjetunion pflegte, hatte Fisun angeboten, in Berlin zu Ende zu studieren. Die Diplomarbeit hatte schließlich jene Software zum Gegenstand, die in dem völlig neuartigen Ortungsgerät zum Einsatz kam – heute in weiterentwickelter Form produziert von der Firma Meder-Commtech.