In den Wirrsalen der Welt: Was Berliner dem Papst ins Kondolenzbuch schreiben

Konservativ, brillanter Theologe und vielleicht Wähler der Grünen. Benedikt XVI. hat bei den Berlinern Eindruck hinterlassen.

Kondolenzbuch in der Apostolischen Nuntiatur: Dieses Buch ist mittlerweile geschlossen.
Kondolenzbuch in der Apostolischen Nuntiatur: Dieses Buch ist mittlerweile geschlossen.Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Nicht ohne Widerspruch und gewiss nicht ohne so manche Konflikte in mir hervorzurufen … Und dennoch – vielleicht gerade auch deshalb: Papst Benedikt XVI. – Joseph Ratzinger – er war und ist für mich ein Jahrhunderttheologe.“ So ist es jetzt im Kondolenzbuch des Berliner Erzbistums über den verstorbenen emeritierten Papst zu lesen.

Ein solches Buch ist sicher nicht der geeignetste Ort für ausufernde Kritik. Es sind eher warme Worte, liebevolle Erinnerungen und die Bedeutung des Verstorbenen, die üblicherweise dort hervor gehoben werden. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. bildet da keine Ausnahme.

In Berlin gibt es gleich drei Kondolenzbücher für Benedikt XVI., eins online auf der Seite des Erzbistums, ein gebundenes, das gerade durchs Bistum wandert und ein drittes bei der Apostolischen Nuntiatur. Zumindest online kann man jetzt schon stöbern in den Einträgen.

Blättert man hier durch, fällt vor allem auf, welch gegensätzliche Eindrücke Joseph Ratzinger hinterlassen hat und wie stark er manche Menschen positiv geprägt hat. Sein bewahrender, sehr konservativer Anspruch, für den er zu Lebzeiten vielfach kritisiert worden ist, wird hier gelobt. Sowohl im Hinblick auf die Kirche und ihre Struktur als auch in Bezug auf die Welt. Einer sieht ihn als „Lichtgestalt in den Wirrsalen und der Finsternis dieser Weltzeit“. Was er der Kirche in ihrer schweren inneren Krise gewesen sei, würden erst künftige Generationen ermessen können.

Es gibt auch recht Unerwartetes zu lesen: Ratzinger habe sich politisch außergewöhnlich mutig für den Umweltschutz eingesetzt und „aus diesem Grunde die Grünen“ gewählt, schreibt zum Beispiel eine Frau. Viele Einträge gleichen dem eines Mannes, der schreibt, Ratzinger habe ihn in seinem „theologischem Denken bestärkt“. Immer wieder werden auch persönliche Begegnungen beschrieben und der bescheidene Mensch hervorgehoben.

Ratzingers eigene Verfehlungen kommen ebenfalls vor. So schreibt etwa Berlins Erzbischof Heiner Koch: „Sein Einsatz für die Aufarbeitung des Skandals des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche als Präfekt der Glaubenskongregation und als Papst wurde verdunkelt durch irritierende Aussagen über seine Zeit als Erzbischof von München-Freising.“ Jemand anderes schreibt: „Er hat viele Wunden gerissen, bei Missbrauchten, Homosexuellen und bei von Gott berufenen Frauen. Möge ihm die Gerechtigkeit Gottes zu teil werden und seine Barmherzigkeit.“ Und ein anderer: „Leider hat mich Dein Umgang mit den Missbrauchsfällen nicht glücklich gestimmt.“ Aber prägend ist das Thema bei den Einträgen nicht.

Es melden sich Katholiken, aber auch evangelische und orthodoxe Christen zu Wort. Am Ende entsteht ein vielschichtiges Bild. Am Montag lädt das Erzbistum gemeinsam mit der Apostolischen Nuntiatur und der Katholischen Militärseelsorge zu einem Requiem in die St. Johannes-Basilika, Lilienthalstraße 5 in Neukölln. Eins der drei Kondolenzbücher wird dort ausliegen.