Potsdam - Sie dürfen nun also doch. Die umstrittene, erzkonservative katholische Organisation Opus Dei darf ein privates Gymnasium nur für Jungen in Potsdam gründen. Das hat am Mittwoch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden. Die Gründung sei durch die Privatschulfreiheit gedeckt, urteilten die Richter. Reine Jungenschulen seien zudem mit dem Grundgesetz vereinbar.

Das setze zwar voraus, dass das Erziehungsziel – die „Verinnerlichung der Gleichberechtigung der Geschlechter“ – beachtet werden müsse. Die Methoden dafür dürften jedoch frei gestaltet werden. Das Land und auch die Stadt Potsdam hatten mehr als fünf Jahre lang versucht, das katholische Jungengymnasium zu verhindern. Sie scheiterten nun in dritter und letzter Instanz. Das Gymnasium wäre die erste reine Jungenschule in Ostdeutschland.

Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) nahm das Urteil mit Bedauern auf. Das Gericht sei der Rechtsauffassung des Landes nicht gefolgt. „In der Landesverfassung ist festgelegt, dass niemand wegen seines Geschlechtes bevorzugt oder benachteiligt werden darf und dass das Land verpflichtet ist, für die Gleichstellung von Mann und Frau in Bildung und Ausbildung zu sorgen“, sagte die Ministerin.

Dazu gehöre auch das gleiche Recht auf Zugang zu Bildungseinrichtungen. Für das Land Brandenburg sei eine gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen von zentraler Bedeutung. „Hiervon sollten auch freie Schulträger nicht abweichen dürfen“, sagte Münch. Sie ist Mutter von sieben Kindern – die alle an staatlichen Schulen lernten oder lernen. Münch kündigte an, man werde die schriftliche Urteilsbegründung abwarten und dann weitere Konsequenzen prüfen.

Suche nach Immobilie

„Wir sind natürlich sehr froh, dass ein Bundesgericht Eltern nun die Möglichkeit gibt, zwischen einer Jungen- aber auch einer reinen Mädchenschule zu entscheiden“, sagte dagegen Horst Hennert, der Geschäftsführer der Opus-Dei-nahen „Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft“. Es sei eine Entscheidung für die Wahlfreiheit. Das Urteil habe über Brandenburg hinaus Signalwirkung.

Hennert sagte, er sehe durchaus Bedarf für ein Jungengymnasium in Potsdam. „Es gab eine Reihe von Anfragen nach speziellen Schulformen von Eltern, die nach Berlin oder Potsdam gezogen sind. Viele kamen aus dem Rheinland“, sagte der 68-jährige Lehrer für Deutsch und katholische Religion. An der Schule sollen Werte auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes vermittelt werden.

„Zudem kann man auf einer solchen Schule viel besser auf die Unterschiedlichkeit von Jungen und Mädchen eingehen“, sagte er. Jungen hätten auch im Unterricht einen größeren Bewegungsdrang als Mädchen. Sie seien meist in naturwissenschaftlichen Fächern besser, dafür schlechter in Sprachen. „Das kann an einem monoedukativen Gymnasium viel besser berücksichtigt werden.“ Erfahrung habe man bereits. So gebe es in Jülich (Nordrhein-Westfalen) seit 40 Jahren ein Mädchengymnasium seiner Fördergemeinschaft mit derzeit 700 Schülerinnen.

Viel Gegenwind für die Schule

Im Schuljahr 2014/15 soll das Jungengymnasium mit zwei Klassen öffnen. Später sollen einmal 300 Schüler dort lernen. „Jetzt aber müssen wir eine geeignete Immobilie und auch Lehrer finden“, sagte Hennert. Auch die Finanzierung stehe noch nicht. Hennert räumte ein, dass es durchaus Kritiker des Projekts in der Landeshauptstadt gebe. „Ich rechne nicht unbedingt damit, dass in Potsdam heute ein Freudentag ist“, sagte er.

Die Stadtverwaltung sieht kaum einen Platz für die Schule in der Stadt. „Es gibt zwei Beschlüsse der Stadtverordneten von 2004 und 2007, dass alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden sollen, damit kein öffentliches Grundstück – egal ob es der Stadt gehört oder einem städtischen Unternehmen – zum Zwecke dieser Schulgründung bereitgestellt wird“, sagte Sprecher Jan Brunzlow. Das Areal, das die Opus-Dei-nahe Gruppe bislang wollte, sei nicht mehr frei. „Dort werden nun Wohnungen gebaut.“

Allerdings kann die Verwaltung nicht verhindern, dass Privatleute ein Grundstück verkaufen. Die Stadt muss aber über den Bauantrag entscheiden, das Land muss das Gymnasium auch als „Ersatzschule“ zulassen. Bislang wurde das Erziehungskonzept daraufhin noch nicht geprüft. Selbst die Katholische Kirche setzt sich nicht gerade für diese neue Schule ein, sondern fördert ihre Marienschule – ein katholisches Gymnasium – in Potsdam.

Gegenwind bekommt die Fördergemeinschaft auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. „Wir sind konsequent für das gemeinsame Lernen von Jungen und Mädchen“, sagte Bundesvize-Chefin Marianne Demmer. Dies sei eine große Errungenschaft. Es gebe auch Schulen, in denen Mädchen getrennt unterrichtet werden, um sie in den Naturwissenschaften zu fördern. „Aber bei einer Opus-Dei-Schule würde es nicht um Jungen-Förderung, sondern um handfeste ideologische Hintergründe gehen.“