Berlin - Der Tauentzien liegt an diesem trüben Spätwintermorgen noch im Schlaf. Nur im KaDeWe brennen ein paar Lichter. Um kurz vor 7 Uhr fährt ein Sicherheitsmann die Rollläden an den 20 Schaufenstern hoch. Es ist wie ein Weckruf für die Geschäfte ringsherum. Der Tag kann beginnen. Das KaDeWe jedoch schläft nie. In dem gediegenen Koloss am Wittenbergplatz sind viele der rund 2000 Mitarbeiter außerhalb der Öffnungszeiten und abseits der 60.000 Quadratmeter großen Verkaufsflächen im Einsatz. Sie haben einen großen Anteil daran, dass das 1907 eröffnete Luxuskaufhaus bis heute eine der größten Attraktionen Berlins ist.

In der Konditorei unterm Dach duftet es verführerisch nach Gebäck und Schokolade, und der Lärm ist ohrenbetäubend. Wie Schulglocken läuten die fünf Öfen, wenn die Backzeit vorbei ist. In drei Stunden, um 10 Uhr, müssen die 40 Mitarbeiter 250 Torten, 1500 Petits Fours und zahlloses Gebäck für die berühmte Feinschmeckeretage im sechsten Stock fertig haben.

In einem Rollwagen stehen die ersten Blaubeertorten bereit. Bei einer Raumtemperatur von bis zu 30 Grad zupfen die Konditoren in den weißen Kitteln Erdbeeren oder glasieren Kuchen. Ein Mann schneidet vorsichtig eine Schwarzwälder Kirschtorte auf. Exakt fünf Zentimeter beträgt der Abstand zu jedem Stück.

Die Schicht von Sabine Femfert, der Leiterin der Konditorei, und ihren Kollegen hat eine Stunde zuvor begonnen. Nebenan in der Bäckerei wird bereits seit Mitternacht gearbeitet. Die 43-Jährige könnte jetzt etwas Deftiges essen. „Nach all den Jahren ist mir die Lust auf Süßes ein wenig vergangen“, sagt sie.

Treue Mitarbeiter

Seit 1985 ist sie dabei, die zierliche Frau hat im Kaufhaus des Westens gelernt. Ob Techniker, Dekorateur oder Feuerwehrmann: Die meisten Mitarbeiter halten dem Haus, das sich mit Harrods in London oder Macy’s in New York messen will, die Treue. Wer es in das Premiumhaus der Karstadt-Gruppe geschafft hat, kann in dieser Branche kaum noch weiter aufsteigen.

In der Küche neben der Bäckerei lagern Kartons mit Canapés. Zwei Fahrer bringen sie im Lastenaufzug in den Ladehof zwischen Passauer und Ansbacher Straße und verstauen sie in einem schwarzen Lkw. Es ist 7.30 Uhr. Allein drei große Caterings für die Reisemesse ITB sind bestellt. Viel zu tun für Ringo Wendling, den Chef des Fuhrparks, der den Einsatz der fünf Kühlfahrzeuge koordiniert. „Zu unseren Kunden gehören das Bundeskanzleramt, das Auswärtige Amt, aber auch die Oma, die sich ihren Einkauf nach Hause bringen lässt“, sagt Wendling, der vor 16 Jahren als Fahrer im KaDeWe anfing. Rund 20 Caterings werden täglich ausgefahren. Angeliefert wird sehr viel mehr: bis zu 100 Lkw-Ladungen. Juweliere und Lebensmittelhändler bringen ihre Ware selbst, Textilien werden aus dem Lager des KaDeWe in Oranienburg geliefert.

50.000 Kunden besuchen an einem durchschnittlichen Tag das Warenhaus. 40 Prozent davon sind Touristen. In der Adventszeit sind es bis zu 180.000 Kunden pro Tag. Die ersten stehen schon vor dem Haupteingang am Wittenbergplatz. Es ist 9.45 Uhr, in einer Viertelstunde ist Einlass. Joachim Haase fährt das kunstvoll verzierte Gitter an der Eingangstür hoch. Haase ist der Herr der Schlüssel. Im KaDeWe heißt das vornehm Jourdienstleiter. „Sie können auch Schließdienstleiter sagen.“ Um 5.45 Uhr öffnet er mit seinem Generalschlüssel am Personaleingang in der Passauer Straße die erste Tür. Von Abteilung zu Abteilung, vom Keller bis zur siebten Etage geht es dann weiter.

Stolz auf das Besondere

Doch der Höhepunkt seines Arbeitstages kommt jetzt. Pünktlich um 10 Uhr löst er Holzriegel von den Türgriffen, die den Zugang blockieren. Ein Gong ertönt, etwa 50 Kunden strömen herein. Der erste, ein älterer Mann mit hellem Anorak und rotem Stoffbeutel, steuert entschlossen auf die Fahrstühle zu. Haase geht in sein Büro in der Feuerwehrzentrale in der Passauer Straße. Sie ist 24 Stunden besetzt.

Langsam füllen sich die Verkaufsflächen. Eine Gruppe Wirtschaftsstudenten aus Cochem wird von einem KaDeWe-Guide durchs Haus geführt. Petra Fladenhofer, die neue Geschäftsführerin und langjährige Marketingchefin, eilt in der vierten Etage mit einem Besucher an Olaf Fröhlich vorbei. Fröhlich steht im Blaumann auf einer Leiter und verlegt ein Kabel. Der Facility Manager ist unter den Mitarbeitern als „der fröhliche Herr Fröhlich“ bekannt. Er kommt viel herum im Haus, um die Notstromanlage im Keller zu reparieren oder eine Veranstaltung im Restaurant in der siebten Etage vorzubereiten. „Ich hatte an einem Tag mal einen Schrittzähler dabei, der 13.200 Schritte gemessen hat. Das sind 9,5 Kilometer“, sagt er.

Ohne Mitarbeiter wie Fröhlich würde der Betrieb nicht funktionieren. Das gilt auch für den IT-Experten Hakan Altintel. 12 Uhr. Der gebürtige Oberfranke arbeitet im „Telefongestellraum“ hinter den Verkaufsräumen in der fünften Etage. Hier ist die Telefonanlage mit 1100 Nebenstellen in einer mittelgroßen Kommode untergebracht. Der 44-Jährige betreut auch den Mail- und den Alarmierungsserver. „Mitarbeiter mit einem Erste-Hilfe-Kurs loggen sich ein, sobald sie da sind und werden per Handy benachrichtigt, wenn jemand umgekippt ist.“ Dieses System gebe es anderswo nicht. „Das ist das Besondere am KaDeWe“, sagt er und in seiner Stimme schwingt Stolz mit.

Die Umsätze müssen stimmen

Stolz, das scheint die Corporate Identity, das Gefühl zu sein, das die Beschäftigten an das KaDeWe bindet. Auch Melanie Herrmann geht es so. 14.30 Uhr. Sie blättert im Großraumbüro im siebten Stock in einem Lookbook, einem Katalog für Lederhandtaschen, und wählt Modelle für die Frühjahrskollektion 2014 aus. „Pastelltöne gehen gut“, sagt sie. Aber selbst im KaDeWe, der Institution des Konsums, zählt nicht allein das Design. „An erster Stelle stehen die Umsätze“, sagt sie. Bevor sie Ware bestellt, überprüft sie, welche Taschen, welche Koffer sich am besten verkaufen.

Die 29-Jährige hat im Verkauf angefangen, anschließend ein Wirtschaftsstudium absolviert und ist dann als Einkaufsassistentin ins Warenhaus zurückgekehrt. Ihre Kollegin Theresa Meyer, die nebenan in der Dekoration arbeitet, schmiss ihr Studium, als sie eine Ausbildungsstelle als Store-Designerin bekam.

Auf ihrem Glastisch steht eine große Vase mit weißen Lilien, das Oberlicht lässt ein Stück Himmel hinein. Im Nebenraum sind schon Weihnachtsbäume für die kommende Saison geschmückt. An einem hängen bordeaux-, am anderen türkisfarbene Kugeln. „Das Motto ist warm und kühl. Mehr darf ich noch nicht verraten“, sagt die 24-Jährige. Die Schaufenster dekoriert sie sonntags oder gleich nach Ladenschluss.

20 Uhr: Die Kunden gehen. Das Gitter vor dem Haupteingang fährt herunter. Das Verkaufspersonal hat jetzt Feierabend, für die Reinigungskräfte beginnt die Arbeit erst.