Berlin - Es ist gar nicht so leicht, dieser Tage einen Termin im Fahrradladen zu bekommen. Ob zum Kauf eines neuen Drahtesels oder nur zur Reparatur – oft ist Geduld gefragt, die Wartezeiten sind lang. Der Fahrradverkehr boomt eben im Lockdown, vor den Werkstätten stehen gerade bei schönem Wetter lange Schlangen, viele Modelle und Ersatzteilte sind vergriffen. Selbst ein Interviewtermin ist schwer zu kriegen: Die meisten Läden winken am Telefon direkt ab, es sei einfach zu viel zu tun derzeit.

Thomas Heppner hingegen hat Zeit. Der 65-Jährige führt seit 1991 den Fahrradladen Zentralrad in der Oranienstraße in Kreuzberg. „Es stimmt ja nicht, dass alle Räder vergriffen sind, hier stehen gut 150 Modelle“, sagt Heppner und zeigt seinen Laden. Allerdings kosten Räder hier von 700 Euro aufwärts. „Wir sind ziemlich sicher, dass der Boom eher bei günstigen Fahrrädern stattfindet“, sagt er. Firmen wie Stadler oder Radhaus und größere Fahrradkaufhäuser hätten so zugelegt, dass sie im Lockdown teils keine Räder auf Lager hätten.

Laut Fahrradfahrer-Verband ADFC wächst der Radverkehr in Berlin schon seit Jahren, wie Umfragen zeigen. Im letzten Jahr verzeichnete die Stadt jedoch einen massiven Anstieg beim Radverkehr. Von Januar bis November 2020 registrierten die Radverkehrszählstellen der Stadt im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr ein Plus von 18 Prozent. 26 Prozent sogar, wenn man nur die Sommermonate rechnet.

„Viele Menschen, die noch kein Rad hatten, kaufen sich nun eines, als kurzfristige Reaktion, wie früher bei mehrwöchigen BVG-Streiks“, sagt Thomas Heppner von Zentralrad Kreuzberg. Allerdings gebe nicht jeder viel dafür aus. Bei ihm werde man aber keine Räder für 299 Euro finden. „Wir sind halt ein Fahrradgeschäft, wo es um Qualität geht, das kann schon mal 1000 Euro kosten“, sagt Heppner. Er selbst habe seinen Umsatz im Corona-Jahr um 10 bis 15 Prozent gesteigert, aber von einem Boom könne man da nicht sprechen.

Lieferengpässe in Asien

Was allerdings allen Läden derzeit Probleme bereite, sei die Bestellung von neuen Rädern oder Ersatzteilen. Heppner zeigt auf ein Manufakturfahrrad für 1500 Euro. „Wer das in Blau bestellen möchte, hat Glück, wenn er noch nicht verstorben ist, bis es kommt“, scherzt er. Grund seien Lieferengpässe in Asien, vor allem in China.

„Erstens fahren die Menschen in Asien nun auch mehr Fahrrad, zweitens haben sich die Transportkosten für Container verzehnfacht“, sagt Heppner. „Es kommen kaum Teile, die man ans Fahrrad schrauben kann.“ Auch europäische Hersteller könnten so ihre Modelle nicht komplettieren und verkaufen. „Es ist ein kompliziertes Gebilde“, sagt Heppner und drückt es prosaisch aus: „Kapitalismus kaputt, Lieferketten im Arsch.“

Foto: Sabine Gudath
Viel zu tun in der Werkstatt: Anne (l.), Charlie (M.) und Mishiko vom Kollektiv Fahrrad-Kultouren in Kreuzberg.

Auch beim ADFC stellt man fest, dass in der Pandemie mehr Menschen ganzjährig aufs Fahrrad umsteigen. Doch erfahrungsgemäß „ist es im Frühling immer etwas schwieriger, Termine in Werkstätten zu bekommen, da bei den ersten Sonnenstrahlen viele ihre Räder aus dem Keller holen, die im Winter nicht damit gefahren sind“, sagt eine Sprecherin. In diesem und im letzten Jahr gebe es einen besonders großen Andrang.

Das ist in der Werkstatt Fahrrad-Kultour Kreuzberg am Mariannenplatz zu merken. Nur einige Hundert Meter entfernt vom Laden Zentralrad, der Service-Termine nur an Kunden vergibt, leistet das von Frauen geführte Kollektiv Höchstarbeit. Selbst für ein kurzes Interview hören sie nicht auf zu schrauben, zu spannen und Räder zu drehen. „Wir hatten dieses Jahr keine Winterpause, haben einfach durchgearbeitet“, sagt Radmechanikerin Charlie. Ihre Kollegin Anne berichtet, es gebe kaum Ersatzteile. „Wenn man ein Hinterrad mit schwarzem Reifen bestellen will, wird einem als Liefertermin September angegeben.“ Das Kollektiv hingegen mache die Erfahrung, dass die Leute eher mehr als weniger für ihr Lockdown-Gefährt ausgeben, auch als Urlaubs-Ersatz.

Doch wie behilft man sich, wenn man kurzfristig im Frühling noch ein Gefährt mit Pedalen auftreiben möchte?  Der Gebrauchtmarkt jedenfalls boomt mit, allein beim Internetportal Ebay-Kleinanzeigen finden sich unter dem Stichwort „Fahrrad“ in Berlin gut 25.000 Anzeigen. Dort gibt es viele Räder schon für unter 100 Euro.

Auch hier rät Thomas Heppner vom Fahrradladen Zentralrad zur Vorsicht. „Wenn man sich nicht mit Fahrrädern auskennt, kann man durchaus mal ins Klo greifen“, sagt er und fragt, wo denn die Räder alle herkämen. „Im Gebrauchtmarkt ist natürlich ein Anteil gestohlener Räder dabei. Das ist auch ein Markt, den man damit füttert. Ich kann nur raten, beim Kauf auf Belege zu bestehen.“

Im Gegensatz zum ersten Lockdown, als Fahrradläden ganz regulär öffnen durften, sind derzeit offiziell nur die Werkstätten geöffnet. Die sind allerdings überlastet, gleichzeitig Fahrräder zu reparieren, zu verkaufen oder zu vermieten. Der ADFC fordert die Bezirke in Berlin auf, fahrradfreundliche Angebote zu schaffen, die über Straßeninfrastruktur hinausgehen.

Selbsthilfe-Werkstätten als Alternative

„Mehr Werkstätten und nachbarschaftliche Selbsthilfewerkstätten in den Kiezen, mobile Fahrradwerkstätten, digitale Angebote, um selbst Hand anzulegen“, nennt eine Sprecherin. Viele solcher Angebote sind jedoch derzeit wegen der Hygienevorschriften geschlossen. Der ADFC Berlin arbeitet gerade an einem Konzept, die Selbsthilfewerkstatt in der Möckernstraße in Kreuzberg bald wieder öffnen zu können.

Dennoch rechnet der Verband damit, dass der Trend zum Fahrradfahren klar anhalten wird. „Viele Menschen erkennen gerade, dass das Fahrrad oft das schnellste, flexibelste und kostengünstigste Verkehrsmittel in der Stadt ist.“ Zusätzlich tue man durch die Bewegung etwas für die eigene Gesundheit und für gute Laune – und könne in der Pandemie Abstand zu anderen einhalten. „Eine Win-win-Situation, gerade im Lockdown.“

Auch Thomas Heppner vom Laden Zentralrad hofft, dass etwa die 25 Kilometer Pop-up-Radwege, die während der Pandemie entstanden sind, erhalten bleiben. „Es geht eigentlich nicht, dass Autos den Menschen in der Stadt weiter so viel Platz wegnehmen wie seit Jahrzehnten“, sagt er. Mittlerweile gebe es Angebote für fast jeden, Leihfahrräder von Minuten bis Monaten oder E-Fahrräder für Menschen, die am Stadtrand wohnen.

Und für diejenigen, die bisher nicht auf ihr Auto verzichten wollten, weil sie schwere Dinge oder Personen befördern müssen, sind Lastenräder eine Alternative. „Wir haben in den letzten zwei, drei Jahren unsere Verkäufe mehr als verdoppelt“, sagt zum Beispiel Stefan Ottjes, Mitarbeiter im Laden Velogut in der Skalitzer Straße, der sich ganz auf Transportfahrräder spezialisiert hat.

Foto: Sabine Gudath
Alternative zum Auto. Stefan Ottjes vom Fahrradladen Velogut bietet Lastenräder für große Transporte an.

„Viele Leute entdecken Lastenräder als Alternative im privaten Bereich, Familien mit Kindern etwa“, sagt Ottjes. Mit einem Startpreis von 2500 Euro aufwärts, 4000 Euro mit Motor, sind Lastenräder zwar eine große Investition, aber immer noch günstiger als ein Auto. „Gerade im Lockdown gab es viel Nachfrage, viele Lieferdienste können so Boten ohne Führerschein beschäftigen.“ Selbst der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg habe zuletzt 14 Lastenräder bestellt.

Velogut ist dabei aber kein klassischer Krisengewinner: Gut 80 Prozent seines Umsatzes macht das Kreuzberger Geschäft im gewerblichen Bereich, wo viele Unternehmen im Lockdown derzeit große Investitionen scheuten. Aber die Lastenräder sind auf dem Vormarsch. Wie Fahrräder insgesamt, wenn man denn eines bekommt.