Warten auf die ersten Fluggäste: Blick in das Hauptterminalgebäude des BER. 
dpa/ Patrick Pleul

BerlinDer erste Spatenstich liegt mehr als 13 Jahre zurück. Pannen und Skandale brachten das Milliardenprojekt immer wieder ins Schlingern, eine Verzögerung folgte der anderen. Doch inzwischen ist das Vorhaben, einen neuen Airport für die Hauptstadt-Region zu errichten, in ruhiges Fahrwasser gekommen. Jetzt gab Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup bekannt, dass der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) als fertig gestellt gilt. „Die letzte noch fehlende TÜV-Bescheinigung liegt vor“, sagte er. Damit ist die Baufertigstellungsanzeige, die dem Landkreis Dahme-Spreewald zu erstatten ist, komplett. „Ein Meilenstein für den BER!“, so Lütke Daldrup, der seit drei Jahren Chef der Flughafengesellschaft FBB ist.

Nun muss sich noch die zuständige Bauordnungsbehörde der Kreisverwaltung äußern. „Es wäre aber sehr überraschend, wenn sie jetzt noch Nein sagen würde“, hieß es am Dienstag in Kreisen des Flughafen-Aufsichtsrats. Das Amt war seit dem vergangenen November in die Vorbereitung der Baufertigstellungsanzeige, die Prüfungen und Gutachten umfasst, einbezogen.

Für elf der zwölf prüfpflichtigen Anlagen im Haupt-Terminal T1 hatte das staatliche Unternehmen FBB bereits die Fertigstellung melden können. Für den letzten verbliebenen Problembereich, die Anlagengruppe 06, stand die nach der Brandenburgischen Bauordnung notwendige Anzeige bislang noch aus. Sie umfasst die Sicherheitsstromversorgung und Sicherheitsbeleuchtung. Um den damals avisierten Eröffnungstermin des BER im Juni 2012 halten zu können, waren Kabelkanäle falsch bestückt worden. In der Hast wurden Kabeltrassen mit Leitungen überlastet, was zu Hitzeentwicklung und zu Kurzschlüssen geführt hätte. Es kam auch vor, dass Kabel, die nicht zueinander passen, zusammengepackt wurden – etwa Stark- mit Schwachstromleitungen.

Zwar wurde damit begonnen, Kabeltrassen zu sanieren. Doch offenbar war der Erfolg mäßig. Dass die zuständige Firma Imtech 2015 Insolvenz anmeldete, stellte einen weiteren Rückschlag dar. ROM Technik übernahm später die heikle Aufgabe, und die Arbeiten gingen wieder voran. Trotzdem trug die Malaise dazu bei, dass Lütke Daldrup kurz nach der Übernahme seines Chefpostens bei der FBB eigene Ankündigungen korrigieren musste – und den Fertigstellungstermin des BER um zwei Jahre auf Herbst 2020 verschob. Wie berichtet wurde zuletzt erwartet, dass das TÜV-Gutachten Ende März 2020 vorliegt. Dieser Termin wurde nun ebenfalls gerissen, aber nur um wenige Tage. Im Maßstab des langjährigen Pannenprojekts, dessen erster Spatenstich am 5. September 2006 gefeiert wurde, nimmt sich diese Verzögerung vergleichsweise klein aus.

Noch nie sei der neue Schönefelder Flughafen einer Inbetriebnahme so nahe gewesen, sagte Lütke Daldrup. "Jetzt wird es konkret", schloss sich Enrico Rümker von der Gewerkschaft Verdi an. Am 31. Oktober 2020 soll die Inbetriebnahme mit ersten Landungen auf dem BER beginnen. Befürchtungen, dass der Airport angesichts des erwarteten Fluggastaufkommens zu klein sein wird, gibt es angesichts der Coronakrise nicht mehr. Derzeit werden in Tegel und Schönefeld täglich nicht einmal mehr tausend Fluggäste abgefertigt. Für die ersten Tage des BER im kommenden Herbst rechnet Verdi-Gewerkschafter Rümker mit höchstens 10 000 Fluggästen pro Tag.

„Über das kommende Sommergeschäft machen wir uns keine Illusionen. Die Zahl der Reisenden wird deutlich unter dem Aufkommen vergangener Jahre bleiben. Erst für den Herbst 2020 rechnen wir wieder mit besseren Zahlen. Wenn wir zur Eröffnung des BER im Oktober 2020 rund 50 Prozent des früheren Niveaus erreichen, wäre das aber schon gut“, sagte Lütke Daldrup. „Ich befürchte, dass wir dann noch unter dieser Schwelle bleiben werden.“

„Wir gehen davon aus, dass der Flugverkehr nach der Coronakrise wieder langsam ansteigen wird“, so der FBB-Chef. „Zu der Frage, wann er das frühere Niveau wieder erreichen wird, gehen die Einschätzungen aber auseinander. Die meisten Analysten rechnen für frühestens 2021 damit, dass die Nachfrage wieder deutlich ansteigt. Pessimisten erwarten dies erst für 2023.“

Einen Vorteil habe der Rückgang der Passagierzahlen, sagte Lütke Daldrup. Die Inbetriebnahme des neuen Flughafens wird erleichtert, wenn der Andrang zu Beginn nicht so groß ist, heißt es bei der FBB. Auf einen Großteil des geplanten Probebetriebs könne nun verzichtet werden. Dass das Terminal T2 möglicherweise im Oktober 2020 noch nicht fertig gestellt ist, weil Bauarbeiter aus Osteuropa auf der Baustelle fehlen, wäre deshalb aus heutiger Sicht kein Problem. 

Wie berichtet werden die Pistenflächen des neuen Schönefelder Flughafens bereits genutzt – ebenfalls dank Corona.  Dort ist viel Platz, um Flugzeuge abzustellen, die während der Krise mangels Nachfrage nicht benötigt wird. „Auf dem BER hat die Lufthansa rund 30 Maschinen geparkt, weitere 20 Flugzeuge von EasyJet und Ryanair stehen ebenfalls dort“, berichtete der Flughafenchef. „In Tegel stehen fast 30 Maschinen. Das Interesse bei den Airlines und bei den Flugzeugherstellen nach Abstellplätzen ist weiterhin hoch.“

Am 29. April wird der Flughafen-Aufsichtsrat während einer Videokonferenz erneut darüber beraten, ob der Flughafen Tegel geschlossen wird – zumindest vorübergehend für zwei Monate. Zuvor kommen die Flughafen-Gesellschafter Berlin, Brandenburg und Bund zusammen. „Der Antrag ist vorbereitet, wir haben ihn aber noch nicht bei der Obersten Luftfahrtbehörde eingereicht“, hieß es bei der Flughafengesellschaft. Auf dem einst wichtigsten Flughafen Ostdeutschlands ist die Zahl der Starts pro Tag unter zehn gesunken.

„Die vorübergehende Einstellung des Flughafenbetriebs in Tegel würde uns um Kosten in Höhe von sieben Millionen Euro pro Monat entlasten. Eine solche Maßnahme würde es auch erlauben, die Mitarbeiter der Tegeler Flughafen-Feuerwehr an anderen Stellen in Berlin einzusetzen“, hatte Lütke Daldrup in der vergangenen Woche der Berliner Zeitung gesagt. Dem Vernehmen nach wäre es dann auch möglich, dass Tegeler Mitarbeiter als Ausgleich für geleistete Überstunden freie Tage nehmen und am neuen Flughafen BER an Trainings teilnehmen können, wurde am Dienstag bekannt.

Doch während das Bundesfinanzministerium nichts gegen eine vorübergehende Einstellung des Flugbetriebs in Tegel hätte, sperrt das Bundesministerium für Verkehr unverändert dagegen – obwohl der Flughafen Schönefeld offen und die Hauptstadt-Region aus der Luft erreichbar bleibt. Berichten zufolge schließt sich das Land Brandenburg weiterhin dem Ministerium von Andreas Scheuer (CSU) an. Das soll für die Gespräche, in denen es um Bundesgeld für Verkehrsprojekte in Brandenburg geht, ein Zeichen des guten Willens sein, hieß es. Damit bleibt weiter ungewiss, ob sich die Flughafengesellschaft mit ihren Schließungsplänen durchsetzt.