Der Regen hat Erhard Fydrich vom Balkon vertrieben. Eigentlich sitzt der 72-Jährige gern auf seinem blumengeschmückten Logenplatz im dritten Stock. Von dort aus kann er dem Baustellen-Treiben im Hof der ehemaligen Roten Kaserne in Frankfurt (Oder) zuschauen. Heute muss er sich mit dem Blick durch die Scheibe der geschlossenen Balkontür zufrieden geben. Was er sieht, erfreut ihn trotzdem. Die Umbauarbeiten auf dem Areal des neu entstehenden „Wohnpark West“ gehen zügig voran, lobt Erhard Fydrich. Genau so, wie es ihm und seiner Frau beim Einzug im letzten Herbst versprochen wurde. „Ich freue mich schon darauf, wenn unten demnächst der Park gestaltet wird und ich meine Frau zum Kuchenessen ins Hofcafé einladen kann“, sagt der neue Mieter.

Seit drei Jahren entwickeln die beiden Frankfurter Unternehmer Carola Leschke und Michael Schönherr auf dem Areal eines ehemaligen preußischen Kavallerie-Regiments, das zu DDR-Zeiten von der Sowjetarmee genutzt wurde, ein neues Wohnviertel.

Nach dem Abzug der russischen Truppen 1994 standen die Gebäude bald zwei Jahrzehnte leer. Heute ist der „Wohnpark West“ eines der bemerkenswertesten aktuellen Konversionsprojekte im Land Brandenburg. Dort haben sich zwei Einheimische in privater Initiative an eine Altlast herangewagt, an der bis dato mehrere wechselnde Eigentümer scheiterten.

Kleine Schritte

„Wir haben nicht den großen Wurf versprochen“, erzählt der Elektriker, Zimmerer und Hochbauingenieur Michael Schönherr, der schon zuvor ein paar Häuser in Frankfurt (Oder) saniert hatte. „Wir haben in kleinen Schritten gedacht, jeder Teilerfolg hat uns zum Weitermachen ermutigt.“

Aus den Ställen, der Krankenstation und der Apotheke für die Pferde sind inzwischen attraktive Reihenhäuser geworden, die alle längst verkauft und vermietet sind. Die Hausgärten drum herum blühen zum Teil schon in allen Farben. In eine 80 Meter lange Reithalle fügten die Bauherren ein transparentes Gewerbegebäude ein, so dass der historische, denkmalgeschützte Brettbinder-Dachstuhl weiterhin sichtbar bleibt. Solch architektonische Bonbons wurden schließlich zur besten Werbung in eigener Sache, um Begeisterung für die Wohnungspläne in einem der alten Mannschaftshäuser zu wecken.

Kasernencharakter abgelegt

Aus dem Gebäude mit seinen ursprünglich langgestreckten Fluren und uniformen Soldatenstuben wurde ein Wohnhaus, das mit den neuen Balkonen, Loggien und offenen Laubengängen schon äußerlich jeglichen Kasernencharakter abgelegt hat. Alle 52 Wohnungen sind schon bezogen. Erhard Fydrich und seine Frau waren mit die Ersten, die zugegriffen haben. Der Rentner, in dessen freundlichem Wohnzimmer mit gewölbter Decke einst bis zu 24 Soldaten ihre müden Häupter betteten, zeigt die moderne Küche und das helle Bad. Er verweist auf Holzfußböden, schwellenlose Raumübergänge, extra breite Türen, hohe Fenster, den Fahrstuhl vor der Wohnungstür. „Wir haben es noch keine Minute lang bereut, hier her gezogen zu sein.“

Die Mischung aus kleineren und großzügig geschnittenen Wohneinheiten, aus Miet- und Eigentumsobjekten, aus alten- und familiengerechten Angeboten sorgt inzwischen für den besonderen Ruf des neuen Lebens im alten Kasernenareal. Dazu passt auch die Integration von sozialen Wohnprojekten. „Als ich zum ersten Mal über dieses Gelände lief und sah, wie die Bewohner ihre Gärten anlegen, dachte ich gleich, hier könnte doch auch etwas für unsere Wohngruppen entstehen“, erzählt Susanne Morgenstern, Abteilungsleiterin Psychosoziale Hilfe bei der Wichern Diakonie Frankfurt (Oder) e.V.

Der diakonische Verein hat mittlerweile drei Kasernengebäude übernommen. Im einstigen Offizierskasino rollen zum Beispiel gerade einige Bewohner der Wohnstätte für psychisch Erkrankte in ihrer Küche fleißig Rouladen fürs gemeinsame Abendbrot, während andere im Gruppenraum kunstvoll den Tischtennisball übers Netz schnippen. „Die Rekonstruktion der Häuser wurde perfekt unseren Bedürfnissen angepasst, die Nachbarschaft zu den übrigen Bewohnern entwickelt sich“, sagt die einstige Krankenschwester und heutige Sozialarbeiterin Susanne Morgenstern. „Jetzt träume ich davon, hier mit unseren Leuten noch ein kleines Terrassencafé betreiben zu können.“

Bauherr Michael Schönherr steht auf dem Treppenabsatz am Eingang des ehemaligen Küchenhauses, in dem die Fenster und Türen noch brüchig sind und das Regenwasser innen wie außen an den Wänden herunterrinnt. „Hier machen wir bald den nächsten Schritt“, sagt der 42-jährige Unternehmer unbeeindruckt vom maroden Aussehen des Gebäudes. Arztpraxen, eine Apotheke und eine Sozialstation sollen hier unter anderem einziehen.

Allgemeinmediziner gesucht

„Wir haben schon zahlreiche Mieter zusammen“, so Michael Schönherr. „Aber wir brauchen noch einen Allgemeinmediziner.“ Wenn der gefunden sei, könne man loslegen. „Hier wäre auch der Platz für ein Café“, sagt der Frankfurter. Er steckt mit einer raumgreifenden Bewegung seiner Arme die Umrisse der Terrasse ab, auf der die Visionen des Bauherren, von der Sozialarbeiterin Susanne Morgenstern und von dem Mieterehepaar Fydrich womöglich schon bald vortrefflich zusammenfinden.