Krankenhäuser machen nicht immer gesund: Mindestens 500.000 Menschen handeln sich pro Jahr in deutschen Kliniken eine Infektion ein, gut 10.000 Patienten sterben daran. Für Berlin liegen die geschätzten Zahlen bei 25.000 Erkrankungen und 500 Toten – oftmals ausgelöst durch antibiotikaresistente Keime. Der Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses hörte sich am Montag vier Fachleute an, die über Ursachen und mögliche Abhilfen sprachen. Ihre Kernaussage: Es gibt zu wenig Personal und Zeit, um Hygiene-Regeln auch wirklich einzuhalten.  Denn die Belastung ist hoch. Laut Amt für Statistik  hat eine Pflegekraft in Berlin  pro Jahr  62  vollstationäre Fälle  zu betreuen. Das sind fast doppelt so viele wie noch 1991.

Dana Lützkendorf,  Schwester auf einer Charité-Intensivstation und ver.di-Vertreterin, führte  eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung an. Demnach besteht ein Zusammenhang zwischen der  der Anzahl der Infektionen und der Personalstärke.  Und da stehe Deutschland schlecht da: Kommen in den USA auf eine  Pflegekraft 5,3 Patienten, sind es in den Niederlanden sieben und hierzulande 13. Aus eigener Erfahrung  wisse sie, dass für eine Hände-Desinfektion keine Zeit sei, wenn ein Patient sich die Beatmungssonde  aus dem Hals zieht und gleichzeitig ein zweiter versuche, sein Intensivbett zu verlassen. Bei einer Umfrage in der Charité kam heraus, dass jeder vierte Beschäftigte, der nachts in der Pflege arbeitet, aufgrund derHektik gar nicht zum Desinfizieren der Hände komme. Schwierigkeiten mache auch die Vergabe der Reinigung an externe Firmen, deren Mitarbeiter die  Arbeiten oft nicht schafften. 

„Jede dritte Krankenhaus-Infektion ist vermeidbar“, sagte Hedi Francois-Kettner, ehemalige Pflegedienstleiterin der Charité und jetzt Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit.   Auch sie wies darauf hin, dass in über 22 internationalen Studien  ein Zusammenhang zwischen der Zahl qualifizierter Pflegekräfte und der Zahl der Klinik-Infektionen festgestellt worden sei und dass Deutschland im europäischen Vergleich hinten liege. Als Problem sieht Francois-Kettner dabei auch die finanzielle Belastung: Die 2015 ermittelten 88.000 Krankenhaus-Infektionen auf deutschen Intensivstationen hätten Kosten von 590 Millionen  Euro nach sich gezogen.

Sie bemängelte, dass viele Krankenhäuser, Pflegeheime und niedergelassene Ärzte sich nicht an der Aufklärungskampagne „Saubere Hände“ beteiligen, und dass das Thema Hygiene nur  in den Lehrplänen von zwei der 13 Gesundheits-Fachberufe auftauche. Abhilfe schaffen könnten Francois-Kettner zufolge feste Quoten beim Pflegepersonal: Zwei Patienten pro Fachkraft auf Intensivstationen, nur einer bei Krankheiten mit besonders hohem Betreuungsaufwand und sieben  auf Normalstationen. Bei Schwerkranken, die nicht der Intensivstation bedürfen, müsste das Verhältnis bei eins zu vier liegen.

Ungeregelte Ausgabe von Antibiotika

Prof. Dr. Klaus-Dieter Zastrow, Hygiene-Chef des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes, sieht das Problem eher im Hygiene-Bewusstsein. Natürlich fehle es den Krankenhäusern an Personal, aber selbst wenn es genügend Mitarbeiter gebe, würden sich etliche davon nicht 30 Sekunden Zeit für eine Hände-Desinfektion nehmen. Kritisch ist laut Zastrow auch die ungeregelte Ausgabe von Antibiotika: Zu oft würden diese bei Infektionen auf Verdacht verabreicht.

Das sei kontraproduktiv, weil so der vorhandene Keim nur zufällig getroffen werde, gleichzeitig  aber andere Erreger Resistenzen entwickeln könnten. Zastrow plädierte dafür, bei jeder Infektion sofort ein „Antibiogramm“ in die Wege zu leiten: Über Abstriche oder Bluttests sei   binnen 48 Stunden feststellbar, um welchen Keim es geht. Und dann könne er auch gezielt bekämpft werden. Welche Rolle Krankenhaus-Besucher bei der Hygiene spielen, war unter den Fachleuten umstritten. Dem Einwand von Vivantes-Gefäßchirurg Dr. Colin M. Krüger, dass sie    mit   ungewaschenen Händen Erreger einschleppen würden, widersprach Zastrow: Dafür gebe es keinerlei Belege. Die Behauptung sei ein „Ablenkungsmanöver“ von der eigenen Verantwortung des medizinischen Personals. Besucher seien immerhin gar nicht dabei, wenn  Katheter gelegt oder Wunden verbunden werden.

Vielmehr seien Berlins bezirkliche Gesundheitsämter nicht gut aufgestellt, die die Hygiene in den Kliniken eigentlich überwachen müssen. Sie kümmerten sich  mehr um   das Mobiliar anstatt zu überprüfen, dass  bei der Behandlung auch auf Hygiene  geachtet wird. Einig waren sich die Anwesenden im Ausschuss über die Eigenverantwortung der Patienten:  Diese  drängten Ärzte bei Virus-Infektionen  wie Erkältungen oft  zur Verschreibung von Antibiotika, obwohl  sie dabei nicht helfen, sondern unerwünschte Bakterien resistent machen. Welche Schlüsse Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) aus den  Empfehlungen der Experten  zieht, muss sich noch zeigen. Die nächste Sitzung des  Gesundheitsausschusses findet am 13. März statt.