Wohnungssuche mit Drillingen: „Wir werden sogar für unsere Flyer angefeindet“

Die fünfköpfige Familie Schröder aus Steglitz braucht dringend mehr Platz, sucht intensiv. Bilanz: über 2000 Absagen. Berlin und die Wohnungsnot – unsere Serie.

November 2022, Berlin Familie Schröder und ihren Drillingen, in ihrer viel zu kleinen Wohnung.
November 2022, Berlin Familie Schröder und ihren Drillingen, in ihrer viel zu kleinen Wohnung.Maurice Weiss/Ostkreuz

„Los, beeilt euch.“ Maria Schröder* klatscht in die Hände, der Tonfall ihrer Stimme klingt resolut und macht klar: Ausnahmen werden nicht geduldet, das nächste Kind soll sich gleich die Zähne putzen. Die Schröders – Mutter, Vater, Drillinge – teilen sich zu fünft ein winziges sechs Quadratmeter großes Badezimmer. Es muss morgens schnell gehen bei ihnen. Sie leben auf engem Raum. Und brauchen dringend mehr.

Während Jan Schröder die fünf Müslischalen vom Frühstückstisch abräumt und in den Geschirrspüler stellt, schaut er nebenher immer wieder nervös auf sein Smartphone. Er wartet auf den Anruf seines Steuerberaters, der ihm eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung erstellen soll. Die Schröders benötigen sie für den Makler, den sie vor wenigen Tagen eingeschaltet haben. Er soll ihnen bei ihrer mühsamen Wohnungssuche behilflich sein.

Suchen eine neue Wohnung mit mehr Platz: Familie Schröder.
Suchen eine neue Wohnung mit mehr Platz: Familie Schröder.Berliner Zeitung. Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz

Maria, 44, und Jan, 41, Schröder sind beide freiberufliche Schauspieler und Sprecher. Daher fehlen ihnen die regelmäßigen Gehaltsnachweise, sie müssen ihren monatlichen Verdienst über die Aufstellung des Steuerberaters nachweisen. Die Kosten dafür müssen sie allein tragen. Alle drei Monate benötigen sie zudem eine neue Schufa, für die sie 30 Euro zahlen müssen.

„Das kostet uns alles viel Geld, aber wir wissen uns nicht mehr anders zu helfen und sind jetzt auch bereit, zusätzliche Kosten für eine teure Vermittlung zu bezahlen“, sagt Jan Schröder. Viel Hoffnung gibt es wohl nicht, ergänzt er.

Bisher leben die Schröders in einer Dreizimmerwohnung am S-Bahnhof Feuerbachstraße auf 85 Quadratmetern Wohnfläche. Die Drillinge – Hanna, Charlotte und Louis – sind inzwischen sieben Jahre alt, und es ist dort zu eng geworden.

Serie: Wohn-Wahnsinn Berlin
Die Lage auf dem Wohnungsmarkt der Stadt ist mehr als angespannt. Politiker aller Parteien sprechen vom größten Problem, das Berlin zu lösen hat. Doch wie ergeht es denen, die mittendrin stecken, weil sie umziehen müssen oder nach Berlin kommen wollen?
Wir treffen Menschen, die mit oder ohne WBS suchen, die ins Umland fliehen, weil sie in Berlin nichts finden oder die mit der Familie in zu kleinen Wohnungen ausharren. Und lassen die Glücklichen erzählen, die eine neue Wohnung aufgetan haben: Welche Tipps und Tricks haben wirklich geholfen?
Wenn auch Sie uns Ihre Wohnungssuche schildern wollen, können Sie uns gerne schreiben.
Kontakt: leser-blz@berlinerverlag.com

Die Eltern sind vor kurzem aus ihrem Schlafzimmer ausgezogen, um ihren Kindern mehr Raum zu geben. „Unser Sohn braucht viel Rückzug und hat sich mit den beiden Schwestern in einem Zimmer nicht mehr wohlgefühlt“, erklärt Jan Schröder. Die Eltern haben sich nun eine Empore als Bett im Wohnzimmer gebaut und darunter ein Mini-Büro eingerichtet. Dort, wo einst der Esstisch stand, ist jetzt ein kleiner Schreibtisch mit Drehstuhl aufgebaut. Doch eine dauerhafte Lösung ist das nicht, betont die Mutter. „Es liegt überall etwas rum, und wir haben keine Sitzgelegenheiten mehr für Gäste. Besuch können wir nicht mehr einladen.“

Die Familie aus Steglitz ist bereit, das Doppelte an Miete pro Quadratmeter zu zahlen

Eine Altbauwohnung wie diese – in unmittelbarer Nähe zu Einkaufsmeile Schloßstraße und mit einer Miete von knapp unter sieben Euro den Quadratmeter – werden sie nicht wieder finden, das ist dem Ehepaar bewusst. Sie sind inzwischen sogar bereit, das Doppelte für einen Quadratmeter zahlen. Wie sieht die Traumwohnung aus? „Am liebsten fünf Zimmer, zwei Bäder, 120 Quadratmeter“, sagt Maria Schröder. Und am liebsten auch noch in ihrem Kiez. Es ist ein Traum, und es ist schwer, eine solche Wohnung in Berlin zu finden.

Der Familie geht es wie vielen anderen Mietern, die sich in Berlin räumlich verändern wollen. „Die Problematik ist seit langem bekannt, da der Wohnungsmarkt, unabhängig von der Wohnungsgröße, seit Jahren extrem angespannt ist“, sagt Wibke Werner, Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins. Viele Familien stünden vor ähnlichen Herausforderungen. Sie litten unter engen Wohnverhältnissen, suchten schon lange und oft vergeblich. Im vertrauten Kiez gebe es meistens keine bezahlbare Alternative.

„Wir hören häufig, dass mit Raumteilern Abhilfe geschaffen wird, um mehr Platz zu schaffen“, erklärt Werner. Gerade in diesen Krisenzeiten verstärke sich der Konflikt, da die steigenden Energiekosten für Verunsicherung sorgten und Umzugspläne zunächst einmal zurückgestellt würden.

Trotz Mietendeckel gehen die Mieten am Berliner Wohnungsmarkt seit dem vergangenen Jahr wieder nach oben. Die Angebotsmieten stiegen laut „Wohnmarktreport Berlin 2022“ des Dienstleistungs-und Investmentunternehmens CBRE im Durchschnitt um 3,4 Prozent auf 10,50 Euro pro Quadratmeter und Monat. Von 44.850 aktuell in der Entwicklung befindlichen Wohnungen sind 73 Prozent als Mieteinheiten geplant. Lediglich 19 Prozent aller Neubauten entstehen innerhalb des S-Bahn-Rings.

Weil der Berliner Wohnungsmarkt derart angespannt ist, entstand das Bündnis für Wohnungsneubau und bezahlbares Wohnen, das im Sommer unterzeichnet wurde und Vereinbarungen aus dem Koalitionsvertrag umsetzen soll – mit dem Ziel, durch konkrete wohnungspolitische Maßnahmen den weiteren Anstieg der Mieten zu stoppen und das Bauen in Berlin zu beschleunigen.

Die Vereinbarung, die aus 22 Seiten besteht, sieht unter anderem vor, dass bis Ende 2026 in der Hauptstadt mindestens 100.000 neue Wohnungen, davon 50 Prozent im unteren und mittleren Preisniveau, fertiggestellt werden sollen. Außerdem sollen pro Jahr etwa 5000 Sozialwohnungen staatlich subventioniert werden, hierfür sollen  in diesem und im darauffolgenden Jahr insgesamt 740 Millionen Euro im Haushalt veranschlagt werden. 

Wohnungssuche mit Kindern: Die Familie Schröder fühlt sich allein gelassen

Den Schröders hilft das nicht, sie werden allein gelassen. „Wir fühlen uns so schutzlos, weil wir an der Situation nichts ändern können“, sagt Maria Schröder. Als sie vor sieben Jahren ihre Drillinge zur Welt gebracht hat, hatte der damalige Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Patenschaft für die Babys übernommen. Die Urkunde liegt seitdem in einer Klarsichthülle in der Schublade. Ein Geschenk gab es damals noch für jedes Kind dazu, erinnert sich die Mutter. „Das ist ja alles ganz nett, aber weitergebracht hat uns das nicht“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Sie wünscht sich mehr Engagement für Eltern und auch Unterstützung bei der Wohnungssuche.

Zwischenzeitlich hatten sie auch mal einen Wohnberechtigungsschein (WBS), der sie dazu berechtigte, eine Sozialwohnung beziehen zu können. Doch auch der habe sie nicht weitergebracht, sagt Jan Schröder. Sie hätten keine Wohnung für fünf Personen angeboten bekommen. Ein einziges Mal gab es eine Chance, bei der Besichtigung stellte sich heraus, dass die Wohnung ungeeignet war.

Ein Neubauprojekt eines städtischen Wohnungsbauunternehmens am Innsbrucker Platz hatten sie im Auge, die Lage gefiel ihnen. Wohnungen mit fünf Zimmern wurden nicht angeboten. Sie gingen dennoch zur Besichtigung. Jan Schröder berichtet: „Wir hätten auch vier Zimmer genommen, weil die Wohnung sehr groß war. Doch das Wohnzimmer, das meine Frau und ich dann als Raum genutzt hätten, hatte eine offene Küche. War als Schlafzimmer also ungeeignet.“

Berliner Familie: Mehr als 2000 Absagen in drei Jahren

Seit nun mehr drei Jahren bewirbt sich die Familie täglich ohne Erfolg auf bis zu fünf Wohnungen, die sie auf Immobilienportalen im Internet oder in sozialen Netzwerken entdecken. Manchmal erfahren sie auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda, dass in ihrer direkten Nachbarschaft eine größere Wohnung frei werden soll. „Aber sobald wir uns an den Eigentümer wenden, bekommen wir zu hören, dass er schon einen Interessenten hat. Das ist ganz schön frustrierend“, sagt Maria Schröder. Mehr als 2000 Absagen haben sie bereits bekommen.

Die Schröders geben sich viel Mühe, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Auf einem zweiseitigen Anschreiben mit Familienfotos stellen sie sich ihrem potenziellen Vermieter vor. Erklären ausführlich, warum sie gern in seine Wohnung ziehen wollen und auch, dass sie vorhaben, längerfristig zu bleiben. Sogar bereit sind, für die nächsten zwölf Monate die komplette Jahresmiete im Voraus zu zahlen.

Gelohnt hat sich der Aufwand bislang nicht, sagt Jan Schröder und schaut zerknirscht. Von vielen Bewerbungen hören sie gar nichts. Ab und zu schauen sie sich mal eine Wohnung an, die meist in einem völlig heruntergekommenen Zustand ist. „Dann bekommen wir immer zu hören: Sie können die Renovierung frei nach ihren Wünschen gestalten. Als ob das etwas Besonderes ist“, erzählt seine Ehefrau. Dabei müssten sie dann erst einmal 20.000 Euro in die Wohnung reinstecken. Die meisten Vermieter lassen aber gar nichts von sich hören, sagen ihnen noch nicht einmal ab.

Zuletzt haben die Schröders einen Flyer gedruckt, auf dem ist ein von Tochter Charlotte gemaltes Bild der Familie zu sehen. Sie haben den Zettel im ganzen Kiez und im Nachbarkiez aufgehängt. „Wir, eine fünfköpfige Familie mit Drillingen, suchen eine neue Wohnung. Bitte meldet Euch unter traumbutze@gmx.de“, steht darauf geschrieben. Sie haben die Zettel in Steglitz und Friedenau an Laternenmasten und an Bäumen angebracht. Bislang kam ein Angebot, es hat nicht gepasst.

„Wir sind für unsere Flyer sogar angefeindet worden. Uns wurde vorgeworfen, die Natur zu schädigen und unsere Nachbarschaft zu vermüllen. Sogar beim Ordnungsamt wollte man uns dafür anzeigen“, sagt Jan Schröder. Manche Menschen hätten ihnen vorgeworfen, ein Luxusproblem zu haben. Warum muss man über die Sorgen seiner Mitmenschen ungefragt urteilen und sie bewerten, fragt sich der Familienvater.

Unsere Gedanken kreisen täglich darum, wir kommen gar nicht mehr zu Ruhe.

Maria Schröder, Schauspielerin und Mutter von Drillingen

Für Maria und Jan Schröder und ihre drei Kinder ist die unerfüllte Wohnungssuche zur starken Belastung geworden. „Unsere Gedanken kreisen täglich darum, wir kommen gar nicht mehr zu Ruhe“, sagt die Mutter. Jeden Morgen um 5.30 Uhr müssen sie und ihr Mann aufstehen, um ihr tägliches Pensum zu schaffen. Die Organisation des Alltags der Familie auf so engem Raum, die Betreuung der Kinder nach der Schule, die Suche nach neuen Inseraten und Bewerbungen und ihre Arbeit als Selbstständige erfordern viel Kraft und Disziplin. 

Aus Verzweiflung haben sie auch schon mal überlegt, Berlin zu verlassen. „Aber dann verlieren wir auch unsere Jobs. Unsere Arrangements entstehen oft von einem auf den anderen Tag und sind alle in Berlin. Da müssen wir schnell vor Ort sein und können nicht erst aus einer anderen Stadt anreisen“, erklärt Maria Schröder.

Außerdem sind die Drillinge in Steglitz fest verwurzelt, haben dort ihre Schulkameraden und Freunde. Es habe mehr als ein Jahr gedauert, bis ihre Tochter einen Platz in der nahe gelegenen Reitschule bekam und der Sohn im Sportverein aufgenommen wurde. Die Kontakte und die Hobbys wollen die Eltern ihren Kindern ungern nehmen.

Das Steglitzer Mehrfamilienhaus, in dem Maria und Jan Schröder mit ihren drei Kindern leben, wurde gerade vom Eigentümer verkauft. Dadurch ist ihre Lage noch unsicherer geworden. „Wir wissen nicht, was mit dem Haus passiert. Wir haben zwar gerüchteweise gehört, dass ein Dachausbau angedacht ist und neue Maisonettewohnungen entstehen sollen, aber wir fragen seit Monaten beim neuen Eigentümer nach und bekommen keine vernünftige Antwort“, erklärt Jan Schröder.

Seine Familie braucht Planungssicherheit, um endlich zur Ruhe kommen zu können. Er hofft, dass der Makler ihnen jetzt ein Objekt vermitteln kann oder ein Vermieter diese Geschichte liest und sie doch noch an eine neue Wohnung kommen.

*Alle Namen wurden geändert.