Die Berliner Mischung aus Wohnen und Gewerbe ist zwar typisch für die Stadt, wird aber immer seltener.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinSchön ist es nicht, das Gewerbegebiet an der Rhenaniastraße im Spandauer Ortsteil Haselhorst: ein paar Flachbauten für kleine Klitschen, die meisten unsaniert, ziemlich durcheinander und struppig, aber in seiner Mischung doch typisch für Berlin. In vielen Bezirken gibt es solche lange vernachlässigte Ecken.

Ein gutes Dutzend kleiner bis mittlerer Firmen hat sich im Laufe der Jahrzehnte auf dem landeseigenen Grund an der Rhenaniastraße angesiedelt: Tischlereien, Autoschrauber, ein Motorradclub, ein Gartenmöbelcenter und – ganz dem Zeitgeist folgend – eine Honigabfüllanlage sowie ein Laden für Imkerzubehör. Insgesamt rund 170 Mitarbeiter auf 9500 Quadratmetern Fläche. Sie alle müssen raus.

Das Spandauer Neubaugebiet Wasserstadt Oberhavel weitet sich aus, auf dem Gewerbegelände sollen Wohnbauten und eine Schule entstehen. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die wachsende Stadt nicht nur alteingesessene Bewohner bedroht, sondern auch Gewerbetreibende vertrieben werden, wenn ihre Flächen für Verdichtung gebraucht werden.

Viel Verständnis, keine Hilfe

Die Firmeninhaber suchten Hilfe beim Bezirksamt Spandau, schrieben Briefe an den Regierenden Bürgermeister, die Senatsbau- und Wirtschaftsverwaltung. Dabei stießen sie durchaus auf Verständnis, doch Rettung gab es trotzdem nicht.

Auch Versuche, das Grundstück unter das Dach der landeseigenen Wista – der Betreibergesellschaft des Technologieparks Adlershof – zu nehmen, scheiterten. Der Ruf nach Wohnungen und sozialer Infrastruktur war stärker.

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Die landeseigene Gewobag soll in Haselhorst bauen, da ist keine Platz für Gewerbe. Der Verdrängungsfall aus Spandau spielt zwar umsatzmäßig ein paar Ebenen unterhalb, erinnert aber doch an den der Causa Hypoport. Das Technologieunternehmen der Finanzwirtschaft mit einem Jahresumsatz von mehr als 200 Millionen Euro muss noch in diesem Frühjahr seinen Firmensitz an der Klosterstraße in Mitte verlassen – nach zwölf Jahren.

Dreieinhalb Jahre lang hatte Hypoport versucht, das Haus zu kaufen und zehn Millionen Euro in einen Umbau zu investieren – um dann am letztmöglichen Tag zu hören, dass das Land Berlin sein Vorkaufsrecht geltend macht.

Hypoport: Neuer Standort fast doppelt so teuer

Tatsächlich braucht die ebenfalls in der Klosterstraße ansässige Senatsinnenverwaltung mehr Raum, Flächen in unmittelbarer Nachbarschaft werden natürlich gerne genommen. Am Ende half selbst eine Intervention der Wirtschaftsverwaltung nicht.

Hypoport musste klein beigeben, im Mai soll der Umzug in einen Neubau an der Heidestraße in der Europa-City erfolgen. Dort – auf einer größeren und fast doppelt so teuren Fläche – sollen alle 350 Berliner Mitarbeiter unterkommen.

Gewerbe

Mieten: Die Gewerbesiedlungsgesellschaft GSG legt regelmäßig Studien zur Entwicklung der Gewerbemieten vor. Demnach lag Berlin 2015 mit einer Spitzenmiete von 24 Euro pro Quadratmeter hinter Hamburg auf Platz 4. Im ersten Halbjahr 2019 lag der Spitzenwert in Berlin bei 36,50 Euro. Nur in München (37 Euro) und in Frankfurt/Main (40 Euro) war’s teurer. Inzwischen werden in Berliner Top-Lagen sogar 50 Euro verlangt.

Mangel: Die Industrie - und Handelskammer IHK beklagt in der jüngsten Ausgabe des regelmäßig veröffentlichten „Berliner Gewerbe-Pulsschlag“ einen eklatanten Mangel an zentralen Gewerbe- und vor allem Büroflächen. Das führe zu überhöhten Preisen. Nur ein größeres Angebot an Gewerbe- und Büroflächen werde den vielen kleinen und mittelständischen Betrieben in Berlin helfen, heißt es in der Studie.

Einen Seitenhieb erlaubten sich die Tech-Bänker aber noch. Ihr Stammhaus steht in Lübeck. Also verlegte man den rechtlichen Hauptsitz kurzerhand in die Hansestadt an der Ostsee. Für Hypoport war dies ein rein symbolischer Schritt – doch für das nach börsennotierten Unternehmen gierende Berlin bedeutete er den Verlust eines SDAX-Unternehmens. In dem Börsenindex sind kleinere bis mittlere Unternehmen gelistet.

Walter Lang: „Ich hoffe weiter“

Der Fall Hypoport hatte ein Schlaglicht auf den scharfen Verteilungskampf um knapper werdende Flächen geworfen. Die CDU-Opposition warf dem rot-rot-grünen Senat „Halsstarrigkeit“ vor, die Verlegung des Firmensitzes sei ein Tiefschlag für die Wirtschaftsstandort Berlin. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) sprach von einem Armutszeugnis und „einem weiteren fatalen Signal mit Blick auf die Investorenfreundlichkeit“.

In Haselhorst ist es keine Verwaltung, sondern Schul- und Wohnungsbau, der Gewerbe verdrängt. Einige Betriebe sind schon ausgezogen, andere haben Angebote.

Walter Lang in seinem Center für Gartenmöbel in Haselhorst.
Foto: Berliner Zeitung/Walter Lang

Walter Lang kann und will mit seinen Gartenmöbeln nicht in eines der vielen neuen Büroensembles ziehen, die derzeit scheinbar überall in der Stadt entstehen. Er braucht 600 Quadratmeter im Gewerbegebiet. „Doch das gibt es zumindest in West-Berlin nicht mehr – und da kommen nun einmal die meisten meiner Kunden her“, sagt er.

Er hatte ein Angebot aus Marzahn-Hellersdorf. „Aber das geht nicht“, sagt er und hofft jetzt auf eine Zukunft im Speckgürtel westlich von Spandau. In Falkensee habe er etwas an der Angel gehabt, doch die Pläne zerschlugen sich. „Aber ich hoffe weiter.“

Ramona Pop (Grüne) soll sich durchsetzen

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) spricht bei der Verdrängung von Gewerbe von „einer besorgniserregenden Entwicklung“. Seit Jahren fordert sie eine Regulierung nicht nur des Wohnungs-, sondern auch des Gewerbemarktes.

In einem Interview mit der Berliner Morgenpost machte die Senatorin dieser Tage erneut die Bundesregierung dafür verantwortlich, dass es noch immer keine Regelung gebe, obwohl „wir im Bundesrat eine Mehrheit für eine Initiative zur Regelung der Gewerbemieten haben“, wie sie sagte. „Aber die Bundesregierung lässt uns im Regen stehen.“

Christian Gräff fordert einen Runden Tisch

Der CDU-Wirtschaftspolitiker Christian Gräff will die Senatorin nicht aus der Verantwortung entlassen. „Ich kenne tatsächlich keine Initiative der Senatorin, die dieses Problem löst, indem etwa neue Flächen geschaffen oder gar die Rahmenbedingungen verbessert werden.“ Er fordert einen Runden Tisch mit Wirtschaftsverbänden und landeseigenen Unternehmen.

FDP-Mann Florian Swyter erkennt für die Wirtschaftssenatorin „eine düstere Bilanz bei Erhalt und Ausweisung von Gewerbeflächen“. Im Fall der Rhenaniastraße habe Pop „wie auch in vielen anderen Fällen nichts ausrichten“ können. Es werde Zeit, dass sie sich „bei wichtigen Fragen der Gewerbeflächen endlich durchsetzt, statt auf Hilfe von oben zu hoffen.“