Kerzen gibt es nicht. Auf dem Tisch stehen aber ein paar farbenfrohe Törtchen. Eine durchaus angemessene Speise an diesem feuchtkalten Nachmittag Mitte Januar. Anastassiya Dranchuk hat Geburtstag. 29 Jahre wird sie alt. Abgesehen davon gibt es noch etwas zu feiern. Ganz plötzlich hat sich die bizarre Auseinandersetzung zwischen der international erfolgreichen Pianistin und der Berliner Ausländerbehörde entspannt. „Es sieht gut aus“, sagt Anastassiya Dranchuk und lächelt. Das war vor drei Wochen noch anders.

Dafür, dass dieser Fall zu einem guten Ende kommen wird, muss allerdings der Innensenator persönlich eingreifen. Ein ganzes Jahr lang hat Anastassiya Dranchuk mit der Berliner Ausländerbehörde gerungen. Es war eine Auseinandersetzung, die bizarr zu nennen eine Untertreibung wäre. Die Situation war vollkommen verfahren. Anastassiya Dranchuk hätte das Land auf Beschluss der Ausländerbehörde Ende des Monats verlassen müssen. Anderenfalls drohte ihr die Abschiebung. Jetzt kommt plötzlich Rettung von höchster Stelle.

Anträge auf Verlängerung des Aufenthalts abgelehnt

Die Berliner Zeitung hat über diesen Streit Ende Dezember berichtet und mit dem Text eine Menge Wirbel ausgelöst. Kurz vor Weihnachten hatte Anastassiya Dranchuk von der Berliner Ausländerbehörde eine Aufforderung zur Ausreise nach Kasachstan Ende Januar erhalten. Ihre Anträge auf Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis wurden mit dem Schreiben abgelehnt und stattdessen ihre Abschiebung und eine Einreisesperre angedroht.

Der Artikel hat offenbar nicht nur im Büro des Senators für Aufregung gesorgt. Er hat auch einige prominente Musiker veranlasst, bei der Landesregierung nachzufragen, ob das wirklich ihr Ernst sein könne. Ob sie eines der vielversprechendsten Talente im Bereich der klassischen Musik in Deutschland einfach aus dem Land werfen wolle.

Aus formalen Gründen und weil sie etwas zu leichtfüßig nur ihr Künstlerleben und nicht ihren Aufenthaltsstatus in diesem Land im Blick hatte. Diese Anrufe haben wohl weiteren Druck entfaltet. Zwischen der Innenverwaltung und der Ausländerbehörde hat es Ende Dezember einige Telefonate in dieser Sache gegeben.

Robuster Umgang

Zurzeit sieht es so aus, als ob Anastassiya Dranchuk nun doch nicht hinausgeworfen wird aus diesem Land. Die Details dieser Geschichte offenbaren jedoch einmal mehr den robusten Umgang von Berliner Behörden mit den Bürgern, deren Dienstleister sie doch sind.

Der Schriftverkehr in dieser Sache erlaubt einen Einblick in ein Verwaltungshandeln, das den Antragsteller abbürstet, anstatt Wege zur Lösung aufzuzeigen. Da ist die Rede von kriminellem Handeln der Klavierspielerin, vor dem die Gesellschaft geschützt werden müsse. Man sieht eine Unfähigkeit, die Besonderheit dieses Einzelfalles zu erkennen und im Rahmen von Ermessensspielräumen wohlwollend zu behandeln. Man fragt sich am Ende, ob die Verantwortlichen der Stadt Berlin meinen, Eliten nicht nötig zu haben.

Am 16. Januar, ihrem Geburtstag, sitzt Anastassiya Dranchuk in einem kleinen Café an der Sophienstraße in Mitte. Der Inhaber Tobias Eisenberg ist auf Kalten Hund, eine Art Schoko-Kekskuchen, in zahlreichen Variationen spezialisiert. Die Törtchen auf dem winzigen Tischchen hat eine befreundete Konditorin gemacht.

Anastassiya Dranchuk wohnt nebenan. Das Café bezeichnet sie als ihr erweitertes Wohnzimmer. So wirkt es auch, wenn sie durch den Laden spaziert, als wäre er Teil ihrer Wohnung. Sie ist viel hier gewesen im vergangenen Jahr. „Diese ganze Sache hat mich geerdet“, sagt sie.

Anastassiya Dranchuk lebt seit 17 Jahren in Berlin

Sie wirkt seltsam unbeschwert, wenn sie so spricht. Dieses Gefühl, zur Ruhe zu kommen, Wurzeln zu schlagen, ist schließlich eine direkte Folge ihrer beschnittenen Möglichkeiten. Weil die Ausländerbehörde ihr vor mehr als einem Jahr den Pass abgenommen hat, durfte sie weder das Land verlassen noch die Region Berlin-Brandenburg. Zwangsläufig hat sie im vergangenen Jahr die Stadt, in der sie lebt, und auch ihre Nachbarn besser kennengelernt. Aber geerdet? „Ich habe, aus dieser Sache, glaube ich, viel gelernt“, sagt Anastassiya Dranchuk.

Sie hat sich rausgeschlichen aus der Region. Ein-, zweimal für Rundfunk-Konzerte zum Beispiel. Und die Bundesgartenschau hat sie ohne Identitätsnachweis eröffnet. Anastassiya Dranchuk spielt auch für die Bundeskanzlerin und für andere hochrangige Politiker, und bei deren Veranstaltungen gehören Passkontrollen zur Sicherheitsroutine. Zwei Galas in Anwesenheit der Bundesprominenz hat sie begleitet.

Anastassiya Dranchuk lebt seit 17 Jahren in Berlin. Geboren wurde sie 1989 in Kasachstan. Wenn sie für Fotos posiert, die Haare zurückschüttelt, lacht, hin- und hergeht, wirkt sie auch heute mädchenhaft. Nicht allerdings am Klavier. Da fliegen die Finger rasant über die Tasten, nachdrücklich zwingt sie dem Instrument ihren Willen auf, entfesselt eine Energie, die man ihr sonst gar nicht zutraut.

„In der Musik muss die Technik in jungem Alter ausgeformt werden“

Jeder, der schon mal ein normal begabtes Kind am Instrument gesehen hat, weiß, dass das nicht von allein gekommen sein kann „Es hat halt alles gepasst“, sagt Anastassiya Dranchuk am Kaffeehaustisch. Die Begabung, der eigene Ehrgeiz, die Eltern, selbst Konzertmusiker, die das Talent sahen und förderten. Wie viele Tränen es gekostet hat, sagt sie nicht.

Denn es war auf jeden Fall Arbeit: sechs Stunden üben täglich, auch als Kind. Keine Zeit für Freunde oder anderes. „Im Leistungssport und der Musik muss die Technik in jungem Alter ausgeformt werden“, sagt Anastassiya Dranchuk, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre, dass man sich diesem Drill unterordnet.

Mit dem Klavierspielen hat sie im Alter von fünf Jahren begonnen. Mit acht galt sie bereits als Wunderkind und hatte ihre ersten großen Auftritte. „Ich kannte nichts anderes, und ich habe Erfolg gehabt. Dadurch habe ich auch Kraft getankt“, sagt sie. Arbeit und Energie, eine Symbiose aus Leidenschaft, Qual und Belohnung. „Es macht gierig nach mehr“, sagt sie.

Sie hat in Kasachstan eine normale Schule besucht. Seltener zwar als andere Kinder, weil sie für Auftritte üben musste, aber damals hatten die Lehrer dafür Verständnis. Irgendwann schickten ihre Eltern eine Aufnahme eines ihrer Konzerte an Freunde in Deutschland. Und dieser Film landete bei der Berliner Professorin Galina Iwanzowa-Hillenhagen an der Hanns Eisler Hochschule.

„Natürlich bin ich selbst Schuld“

Bei ihr hinterließ das elfjährige Mädchen Eindruck. Sie schickte ihr eine Einladung zu einer Aufnahmeprüfung am Berliner Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach nach Kasachstan. Diese Schule im Berliner Bezirk Mitte ist spezialisiert auf Kinder wie Anastassiya. Dort werden musikalisch hochbegabte junge Menschen aus aller Welt gefördert, wenn sie Musik zu ihrem Beruf machen wollen.

Die Schule kooperiert mit den beiden Berliner Musikhochschulen – der Hanns Eisler Hochschule und der Universität der Künste. Der Verbund ist darauf ausgelegt, aus talentierten Kindern große Künstler zu machen. Am Ende sind es dann deutsche Künstler. Anastassiya Dranchuk bestand die Aufnahmeprüfung und begann im Jahr 2001, erst von ihrer Mutter und später auch vom Vater begleitet, ein Leben in Deutschland.

Was weiter passierte, stieß bei der Ausländerbehörde auf Missfallen. Anastassiya wechselte mehrfach den Studienort. Sie studierte in Köln und Lübeck. Sie besuchte diverse Meisterkurse. Sie gewann Stipendien und Talentwettbewerbe, zum Beispiel den Berliner Hauptstadtpreis. Sie trat auf, wo auch immer sich Gelegenheiten boten: mit der Staatskapelle Berlin, den Berliner Symphonikern, der Klassischen Philharmonie in Bonn, der Staatskapelle Dresden. Sie gastierte in Paris, Brüssel, St. Petersburg, sie verpasste Vorlesungen an der Hochschule.

Sie war viel unterwegs und vergaß darüber, welche Bedingungen den Rahmen für ihr Leben bildeten: die Kopplung des Visums an Schule und Ausbildung, die Regeln eines Hochschulstudiums und die Verpflichtung, eine Aufenthaltserlaubnis von Zeit zu Zeit zu verlängern. „Natürlich bin ich selbst Schuld. Ich verstehe schon Leute, die sagen, diese Tussi, die darf hier alles. Die Hochschule ist mir oft entgegengekommen. Und ich habe gedacht, die Karriere ist wichtiger als das Studium. Da hab ich mich ein bisschen vertan.“

Aber erschrocken war sie schon, als die Hochschule sie im Frühjahr 2016 exmatrikulierte. Sie hat versucht, eine Arbeit nachzureichen, um zu besänftigen. Aber da war kein Entgegenkommen mehr. Ab diesem Zeitpunkt, so sieht es die Ausländerbehörde, ist Anastassiya Dranchuk kriminell. Sie halte sich unerlaubt im Bundesgebiet auf, damit mache sie sich strafbar und auch ihre Tätigkeit erfülle Straftatbestände. Das Klavierspiel von Anastassiya Dranchuk ist laut Behörde kriminell. Spätestens in solchen Formulierungen offenbart sich die Bürokratie als Parallelwelt.

Karriere mit Knick

Die Karriere hat eine kräftige Delle bekommen. Durchaus möglich, dass es Anastassiya Dranchuk bereits sehr geschadet hat, dass sie im vergangenen Jahr reihenweise Konzerte absagen musste, weil sie keinen Pass mehr hatte und nicht reisen durfte.

Dass die Karriere gelitten haben könnte, befürchtet jedenfalls Wolfgang Glemser vom Studiengang Instrumental- und Gesangspädagogik an der Brandenburgisch Technischen Universität. Das Spezialgebiet des Professors ist das Klavier. Ruft man ihn an, ist er gern bereit, über Anastassiya Dranchuk zu sprechen. Sie hat sich bei ihm beworben, und Wolfgang Glemser würde sie schon im kommenden Sommersemester aufnehmen.

„Es steht außer Frage, dass sie außerordentlich begabt ist“, sagt er. Eine Fortsetzung des Studiums täte ihr trotzdem gut, glaubt Glemser. „Eine reine Konzertkarriere ist für jeden Musiker sehr gefährlich“, sagt Glemser. Eine simple Handverletzung reiche aus, eine Karriere zu beenden.

Wolfgang Glemser hat selbst viele Konzerte gegeben. Die Hochschule in Cottbus bildet zwar auch Künstler aus, allerdings kombiniert mit Pädagogik. Die Absolventen erwerben eine Lehrbefähigung. Glemser glaubt, dass die Ausbildung Anastassiya Dranchuk auch künstlerisch weiterbringen würde.

„Der Umgangston der Ausländerbehörde hat sich vollkommen verändert“

„Ich denke, es wäre karrierefördernd, wenn sie sich breiter aufstellen würde“, sagt er. Nicht nur Romantik, auch Moderne und Klassiker wie Beethoven. Aus seiner Sicht müssen jetzt nur noch Formalien geklärt werden. Welche Teile ihres bisherigen Studiums anerkannt werden können. Und natürlich der Aufenthaltsstatus.

In dem kleinen Café in Mitte ist es mittlerweile voll geworden. Auch Burkhart Person, der Anwalt von Anastassiya Dranchuk, ist eingetroffen. Damit der Bescheid aus der Ausländerbehörde nicht rechtskräftig wird, hat er Rechtsmittel eingelegt. Er geht aber davon aus, dass sich alles Weitere nun zum Guten wenden wird.

„Der Umgangston der Ausländerbehörde hat sich Ende Dezember vollkommen verändert. Wie ausgewechselt“, sagt er. Plötzlich säßen in der Ausländerbehörde Freunde und Helfer. Der Fall wird jetzt auf Leitungsebene behandelt. Und einen Vorschlag zur Lösung des Problems gibt es auch: Über die Härtefallkommission soll der Fall Anastassiya Dranchuk auf den Schreibtisch des Innensenators befördert werden.

„Das ist der Weg. Der Fall wird in der Härtefallkommission verhandelt“, sagt Martin Pallgen, Sprecher der Innenverwaltung. Senator Andreas Geisel müsste dann nach einem unterstützenden Votum der Kommission nur noch entscheiden. Ende Januar oder Anfang Februar wird es soweit sein.

Die Signale, die Anwalt Person aus der Innenverwaltung erhält, machen ihn zuversichtlich, dass am Ende ein neuer Aufenthaltstitel für seine Mandantin steht. Für die Dauer des Verfahrens hat Anastassiya Dranchuk bereits eine Duldung erhalten. „Es wird schon von Einbürgerung geredet“, sagt Anastassiya Dranchuk. Das neue Tempo macht selbst sie schwindelig.