Bus 255. Ich lese Gedichte der polnischen Autorin Marzanna Kielar. Der raue Pappeinband liegt stabil und tröstlich in der Hand und die Verse tun das ihre, um die rasante Fahrweise des Busfahrers etwas abzumildern. Dennoch rappelt das Gefährt beachtlich. Die Poesie ficht das nicht an. Sie stammt aus einer anderen Zeit. Aus einer Zeit, als die Steine noch aufeinanderlagen. Aus einer Welt, die keine Zeiten braucht. Eine der wenigen Konstanten ist die Lektüre von Lyrik im Bus. Der Mann mit der Wollmütze auf dem Platz schräg hinter mir regt sich und hält ein Smartphone hoch. Ich kann es nicht sehen, aber spüren. Die Augen am Hinterkopf sehen manchmal besser als die vorderen. Ein leises „Plück“ verrät kurz darauf, dass er ein Foto gemacht hat.

Von meinem Nacken? Oder fotografiert er das Gedicht? Während ich noch grübele, sagt er: „Was ist das für ein Buch?“ Ich zeige ihm das Cover und erkläre, dass die Autorin aus Polen stamme. Er wendet ein, dass „Kielar“ nicht polnisch klänge und schon stecken wir in einer Diskussion über den Sound von Namen. Er gesteht, dass er etwas mitgelesen habe und fragt, ob er auch das Cover fotografieren dürfe. Ich halte den Band höher und lasse ihn dort schweben, damit er mitlesen kann. Leider muss er jetzt aussteigen. Jedoch nicht, ohne mir zu versichern, dass er die Gedichte „total cool“ finde. Dann geht er seines Weges, ein Bild der Poesie in seiner Tasche.

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