Es ist eine schlichte E-Mail, acht Absätze lang, die Jann Jakobs noch melancholischer werden lässt, als er ohnehin ist. Der Potsdamer Oberbürgermeister hat sie am Nachmittag bekommen, „um vier rum“, sagt er. Das Ostfriesische klingt oft noch durch bei ihm.

Woher die Mail kam, will Jakobs nicht sagen; von wem sie kam und was drin steht, das weiß jetzt ganz Potsdam und die halbe Republik dazu: Hasso Plattner, Ingenieur und Software-Unternehmer aus Berlin, Milliardär und Mäzen, zieht sich von einem Projekt zurück, das der einstigen Preußenstadt neuen Glanz und ein bisschen Gloria verleihen sollte.

Insofern hat Jakobs allen Grund, betrübt zu schauen, obwohl das gar nicht so leicht ist, weil er in die Sonne blinzeln muss. Der Oberbürgermeister steht vor seinem schönen neobarocken Rathaus und muss einen Rückschlag erläutern. Denn einen Kilometer Luftlinie weiter im Süden, wo Potsdam am hässlichsten ist und am schönsten werden soll, bleibt erstmal alles beim Alten.

Keine Kunsthalle von Plattner im ehemaligen Lustgarten, kein Abriss des früheren DDR-Interhotels, das heute Mercure heißt und einige in der Stadt gewaltig stört, kein schickes Umfeld für das Landtagsschloss, das nebenan entsteht. „Ich bedauere diese Entscheidung“, sagt Jakobs, sommerlich leger im schwarzen Polohemd. „Ich hätte es gerne gesehen, dass wir die Kunsthalle in der Mitte haben.“

Großzügiges Geschenk

Plattner aber hat gesprochen, wieder einmal. Seit Monaten geht es hin und her mit seiner Kunsthalle, im wahrsten Sinne des Wortes. Seit Mitte April durch eine Indiskretion bekannt wurde, dass der Mitgründer und Aufsichtsratschef des Software-Konzerns SAP Potsdam ein großzügiges Geschenk machen will, drehte sich das Karussell der möglichen oder unmöglichen Standorte. Und dabei kam auch die Stadtpolitik derart auf Touren, dass man sich ernsthaft Sorgen machen musste um das Potsdamer Binnenklima.

Sehr schnell nämlich ging es nicht mehr vordergründig um die Kunsthalle, ein Vorhaben, dass alle Fraktionen im Stadtparlament begrüßen. Stattdessen entbrannte ein erbitterter Streit über die Frage, wo das Gebäude hin soll und ob ihm das Mercure-Hotel weichen muss.

Ja, sagte Jakobs, der kein Hehl daraus macht, dass dies für ihn eine Gelegenheit war, den Betonklotz aus den Sechzigerjahren loszuwerden. „Wir haben jetzt die Chance, die sollten wir dann auch beim Schopf ergreifen“, sagte der Oberbürgermeister noch wenige Stunden, bevor er Plattners E-Mail erhielt. Sechs der acht Parteien in der Stadtverordnetenversammlung stimmten ihm zu.

Immer mehr Mahnungen

Nein, sagten anfangs nur ein paar von der Linkspartei und der Sponti-Fraktion „Die Andere“. Im Stadtparlament haben sie keine Mehrheit. Und was die Bürger so denken weiß niemand genau. Immer mehr aber, die weder ostalgisch veranlagt sind noch eine Erneuerung der Stadt ablehnen, meldeten sich mit Mahnungen zu Wort.

Hartmut Knitter ist so einer. Der 78-Jährige hat die Entwicklung Potsdams über Jahrzehnte genau verfolgt und studiert. Von 1957 bis 1999 arbeitete er als Historiker am städtischen Museum, zuletzt als Abteilungsleiter. Er hat die Rekonstruktion des Hohenzollern-Schlosses befürwortet und freut sich darüber, dass Potsdam seit einigen Jahren blüht.

Aber er sagt auch: „Die wirklich alten Potsdamer fühlen sich bevormundet in bestimmten Fragen.“ In die SED ist er nie eingetreten, deshalb blieb ihm eine Karriere in der DDR verwehrt. Auch deshalb zeigt sich Knitter erbost darüber, dass Gegner des Mercure-Abrisses als Altstalinistern verunglimpft werden.

Wasser und Wald

Das Wort fiel auf einer Kundgebung vor knapp drei Wochen, als die Kunsthalle in Mitte schon einmal vor dem Aus stand. Plattner hatte sich, entnervt von den ersten Protesten gegen den prominenten Standort, anders entschieden. Er wolle statt in der Mitte am Rande Potsdams bauen, teilte er mit, auf einem Grundstück im Norden, das ihm sowieso gehört.

Auf dem früheren Gelände der Grauen Kaserne am Jungfernsee baut SAP ein Innovationszentrum, sonst ist weit und breit nicht viel außer Wasser und Wald. Hier könne er in Ruhe seine Vorstellungen verwirklichen, ließ Plattner Mitte Juni wissen, denn er sehe „keine Chance der gütlichen Einigung, die Kunsthalle an einem geeigneten Standort in der Innenstadt zu errichten“.

Die Befürworter der Mitte-Lösung reagierten erschüttert auf diese erste Absage – und organisierten sofort einen Gegenschlag. Der Verein Mitteschön, der sich die Aufhübschung des alten Potsdam möglichst nahe am Original zur Aufgabe gemacht hat, rief zur Kundgebung, und die Potsdamer Prominenz folgte diesem Ruf: Fernsehmoderator Günter Jauch, die Schauspielerin Nadja Uhl und der Modemacher Wolfgang Joop, der seinen zwischenzeitlichen Frust über die Schickimickisierung der Stadt überwunden zu haben scheint. Es war eine Demonstration des anderen, des schicken Potsdam, insgesamt kamen rund 1 000 Menschen auf den Alten Markt vor der Stadtschloss-Baustelle.