Berlin„Es tut uns leid“, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Wegen Corona werde es zum Abschied vom Flughafen Tegel am Wochenende keine öffentliche Veranstaltung geben. Von Sonntag an sind die Gebäude für das Publikum geschlossen. „Wenn überhaupt, werden wir in einem sehr kleinen Rahmen feiern“, bedauerte Lütke Daldrup – und verabschiedete sich, um sich im BER auf das Coronavirus testen zu lassen. Bis das Ergebnis vorliegt, harrt er zu Hause in der Quarantäne aus. Der Anlass: Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), mit dem er am Sonnabend die Eröffnung des neuen Schönefelder Flughafens gefeiert hatte, ist an Covid-19 erkrankt.

Eine halbe Milliarde Fluggäste wurden seit 1948 in Tegel abgefertigt, 375 Millionen Koffer bis heute befördert, 3,8 Millionen Currywürste in den vergangenen zwei Jahrzehnten verkauft. Am 7. Juni vergangenen Jahres gab es 90.266 Passagiere, der Spitzenwert. Am 12. April 2020, mitten im ersten Lockdown, waren es 250 – das ist der Negativrekord. Nutzten im vergangenen Jahr 24,2 Millionen Passagiere den innerstädtischen Flughafen, wird sich ihre Zahl 2020 nur auf 5,9 Millionen summieren.

Demnächst ist es mit Tegel vorbei. An diesem Wochenende endet mit dem Flugbetrieb ein weiteres Kapitel der Berliner Verkehrsgeschichte - nach dem Aus des Flughafens Tempelhof 2008.

Mit der Eröffnung der Südbahn ist der BER nun komplett

Nachdem Easyjet und andere Airlines bereits zum BER umgezogen sind, sind am Dienstag weitere Fluggesellschaften gefolgt. So startete Sun Express am Mittag zum letzten Mal in Tegel. Eurowings verabschiedete sich am Abend mit einem Flug nach Düsseldorf und fliegt nun vom BER.  Mit der Landung eines Airbus A350 von Qatar Airways aus Doha (Flug QTB018) ist an diesem Mittwoch kurz vor 10 Uhr auch die Südbahn des BER in Betrieb gegangen. Damit ist der neue Flughafen der Hauptstadt-Region komplett - und die Uhr für die endgültige Stilllegung des Flughafens Tegel tickt nun noch lauter als bisher. In sechs Monaten ist er keine Luftfahrtanlage mehr. Dann werden der Widerruf der Betriebsgenehmigung und der Planfeststellung wirksam.

So sieht das Programm für das große Finale aus: Am Sonnabend finden in TXL die letzten regulären Starts und Landungen statt. Lütke Daldrup: „Für den 7. November sind 40 Abflüge und 34 Ankünfte geplant.“ Prominente Fluggäste werden ankommen - zum Beispiel Volkwin Marg, einer der Architekten des Flughafens. Gegen 20 Uhr soll die Mannschaft von Hertha BSC eintreffen, nachdem sie ihr Bundesligaspiel gegen den FC Augsburg absolviert hat, sagte Betriebsleiter Andreas Deckert.

Auch besonderes Fluggerät wird erwartet. So hat die Lufthansa angekündigt, dass sie bei ihrem letzten Start in Tegel anstelle eines A320 eines ihrer modernsten Langstreckenflugzeuge einsetzen wird: den Airbus A350-900. Die Großraummaschine soll gegen 20.10 Uhr aus München eintreffen. Um 21.20 Uhr geht es wieder dorthin zurück, so eine Sprecherin. Mit Flug LH1955 endet nach 30 Jahren der Linienflugverkehr der Lufthansa von und nach Tegel. Um 22.50 Uhr soll dann der letzte Start vor der Betriebseinstellung am Abend stattfinden. Dann hebt eine Maschine der Eurowings, Teil der Lufthansa-Gruppe, in den Himmel über Berlin ab - Flug EW5239.

Am Sonntag darf in Tegel aber noch einmal ein Flugzeug starten. Die Ehre gebührt der Air France, mit der an diesem Luftfahrtstandort einst der Linienflugbetrieb begann. Am 24. Februar 1960 startete in Tegel eine Caravelle nach Paris, beim allerletzten Flug am 8. November wird ein Airbus A321 eingesetzt. „Für den Flug AF1235 wird im Terminal C, Gate 38/39, eingecheckt“, sagte Air-France-Sprecherin Susanne Freitag. „Abflug in Tegel ist um 15 Uhr, Ankunft in Paris Charles de Gaulle um 16.50 Uhr. Und ja, es gibt noch Tickets.“ Eintrittskarten für die Besucherterrasse in Tegel sind dagegen schon lange nicht mehr verfügbar. „Ausgebucht“, bedauert die Flughafengesellschaft.

Mit historischen Bussen zum Terminal

Ab 8. November, 18 Uhr, gilt der Flughafen Tegel offiziell als geschlossen. Doch die Anlage muss noch knapp ein halbes Jahr betriebsbereit und planfestgestellt bleiben - so hat es die Senatsverwaltung 2004 und 2006 festgelegt. Für den als unwahrscheinlich geltenden Fall, dass es am BER gravierende Probleme gibt, mussten Vorkehrungen getroffen werden. „Sechs oder sieben unserer Techniker werden weiterhin dort arbeiten“, so Flughafenchef Lütke Daldrup. Außerdem sind Sicherheitskräfte im Einsatz, um Umzäunung und Eingänge zu bewachen. Das koste monatlich 200.000 bis 300.000 Euro, hieß es. In einem halben Jahr übergibt die Flughafengesellschaft das Gelände dem Land Berlin. Ab dem 4. Mai, 0 Uhr, gehört es nicht mehr ihr. Starts und Landungen sind dann nicht mehr erlaubt. Wo bald zum letzten Mal Flugzeuge starten, sollen Wohnungen sowie ein Forschungs- und Gewerbestandort entstehen.

Einst gehörte er der BVG, nun der Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin: Bus 2000 aus dem Jahr 1985 soll am Sonntag wieder nach Tegel fahren.
Foto: Alexander Heller

Auch die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin (ATB) möchte sich gebührend von Tegel verabschieden. Weil die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vom 8. November an nur noch mit der Buslinie 109 dorthin fahren, die dann zudem bereits an der Haltestelle Luftfracht endet, sollen fünf historische Fahrzeuge am Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr das Angebot ergänzen. Eingesetzt wird unter anderem ein hellblauer Mercedes-Benz von 1985 mit der Aufschrift „Airport–City“ und ein Büssing „Präsident“ von 1962. Ein Aufpreis wird nicht kassiert, reguläre BVG-Tickets reichen aus für die Fahrt in die Vergangenheit. „Um unseren Beitrag zur Eindämmung des Coronavirus zu leisten, werden wir den Verkehr verstärken“ sagte ATB-Geschäftsführer Stefan Freytag.

„Der Flughafen Tegel darf nicht auf dem Müll landen!“

„Endlich! Der BER hat eröffnet, mehr als 300.000 Anwohner*innen in Spandau, Reinickendorf und Pankow sind vom Fluglärm befreit. Auf dem ehemaligen Flughafengelände in Tegel können völlig neue Quartiere für Wohnen, Arbeiten und die Beuth-Hochschule sowie ein neuer Landschaftspark entstehen“, freute sich der Spandauer SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz am Mittwoch. Doch klar sei auch: „Der Flughafen Tegel darf nicht auf dem Müll landen!“

Aus der Antwort des Senats auf eine parlamentarische Anfrage von Buchholz gehe hervor, dass die Innenausstattung der Flughafengebäude durch eine Fachfirma verwertet werden soll. „Einiges wird am neuen Flughafen BER weitergenutzt werden, einiges soll von der Nachnutzerin Tegel Projekt GmbH genutzt werden, anderes soll über einen vertraglich gebundenen Auktionator versteigert werden - vermutlich nur an Groß-Abnehmer“, so der Abgeordnete.

Buchholz‘: „Ich setze ich mich dafür ein, alle weiteren Einrichtungsgegenstände in einer öffentlichen Publikums-Auktion zu versteigern.“ Dann können alle interessierten Berlinerinnen und Berliner für einzelne Gegenstände mitbieten. „Die Flughafengesellschaft sollte dazu schnellstmöglich ein Corona-konformes Konzept entwickeln“, so Buchholz. Das wäre ein angemessener Abschied und ein kleines Geschenk für alle Menschen, die mit Tegel mehr als nur einen Flughafen verbinden.“