BerlinBerlin ist wieder im Lockdown. Anders als bei den Einschränkungen vor einem halben Jahr, dürfen Kitas, Schulen und Einkaufsläden öffnen, nur Theater, Kinos oder Gaststätten bleiben geschlossen. Laut Senatsbeschluss soll das öffentliche Leben in Berlin herunterfahren, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Die Berliner sollen, so weit möglich, Kontakte in der Öffentlichkeit meiden. Doch die Realität am Montag, dem ersten bundesweiten Lockdown-Tag, sieht anders aus. Man spürt kaum die Folgen der aktuellen Einschränkungen. Das Hauptstadtleben pulsiert weiter. Gespenstisch leere Straßen oder Plätze, wie beim ersten Lockdown im Frühjahr, sind am Montag kaum zu sehen.

Schon am Morgen will sich keine Lockdown-Ruhe einstellen. Die Verkehrsnachrichten im Radio melden die üblichen Staumeldungen im hauptstädtischen Berufsverkehr. Die Zufahrtsstraßen aus dem Umland in Richtung Innenstadt sind gut gefüllt mit Pkw der Pendler aus Brandenburg, wie immer um diese Zeit. Selbst in den S-, U- und Straßenbahnen oder Bussen sitzen kaum weniger Menschen als sonst. Nicht einmal die Fahrscheinkontrolleure der S-Bahn scheinen sich vor Kontakten in der Öffentlichkeit zu fürchten: Mit Mund-und-Nasenschutz ausgerüstet lassen sie sich im gebührenden Abstand von 1,50 Metern die Tickets der Fahrgäste in den Abteilen zeigen.

Im Lockdown gibt es offenbar keine Pausen, auch auf dem Alexanderplatz nicht. Es ist 11 Uhr, als dort Mario Rehse (55) im leeren Brunnen der Völkerfreundschaft steht. In der Hand hält er eine Hochdruckwassersprühpistole, mit der er gleich das Innere des Brunnens säubern will. „Trotz Corona-Regeln, die Arbeit läuft bei mir wie in den vergangenen Monaten weiter“, sagt Rehse. „Die Brunnen müssen nun einmal jede Woche gereinigt werden, dass kann man schlecht aus dem Homeoffice machen.“ Die Firma, für die er arbeitet, hat auch in der Pandemie viel zu tun. „Mein Kollege hat schon zuvor jede Menge Dreck aus dem Brunnen geholt: Papiertüten, Smartphone-Kopfhörer, Dönerreste, Bierflaschen – da haben die Leute am letzten Wochenende vor dem Lockdown noch einmal kräftig gefeiert.“ Rehse ist sicher: Auch im Lockdown werden die Menschen weiter zum Alex kommen, dort sitzen, essen, trinken und den Abfall in den Brunnen werfen.

Polizei-Streifen setzen Maskenpflicht auf dem Alex durch

Ärger mit der Polizei müssen die Sünder nicht wirklich befürchten, auch wenn Beamte nun verstärkt auf dem Platz Streife laufen. Sie sind am ersten Lockdown-Tag auf dem Areal vor allem unterwegs, um Maskensünder zu ertappen und zu ermahnen. Denn auf dem Alex herrscht Maskenpflicht.

An diesem Vormittag ist die Zahl der Alex-Besucher allerdings recht übersichtlich, etwa 200 Menschen sind auf dem Platz. Für Würstchenverkäufer David (59) könnten es mehr sein. „Viele Menschen gab es auch in den vergangenen Wochen nicht. Es fehlen die Touristen, ich verkaufe kaum noch Bratwürste.“ Die Berliner hetzten nur über den Platz, beobachtet er. Entweder wollen sie schnell zu Bus und Bahn oder shoppen - wie Rentnerin Sabine Wegner (68) aus Lichtenberg. „Ich kann jetzt in Ruhe schön meine Weihnachtseinkäufe erledigen“, sagt sie. „Später in der Adventszeit läuft man im Kaufgedränge eher in Gefahr, sich mit Corona anzustecken.“ Doch so wenig Kunden sind gar nicht in den Läden am Alex. Das Kaufhaus und der Elektronik-Markt sind auch am ersten Lockdown-Tag gut besucht.

Einen Kilometer entfernt am Hackeschen Markt sieht es schon anders aus. Dort herrscht tatsächlich gespenstische Leere. Denn der Platz lebt üblicherweise vor allem von Besuchern der Restaurants vor Ort. Obwohl draußen noch die Stühle stehen, als würden die Restaurants gleich öffnen, müssen die Lokale voraussichtlich bis Ende November geschlossen bleiben. Nur wenige Restaurants, vor allem die in den Seitenstraßen, öffnen, um Essen außer Haus zu verkaufen. „Doch das Geschäft läuft schlecht“, sagt Kanda Danzeglocke (48) vom Thai-Inside. „Nur zwei Essen habe ich zur Mittagszeit verkauft. Auch beim ersten Lockdown lief der Außerhaus-Verkauf mäßig. Wir können nur hoffen, dass es besser wird.“

Das sagt auch der Würstchenverkäufer am Potsdamer Platz. Fußgänger sind zwar genügend auf der Straße zu sehen, die zum Bahnhof oder zum Einkaufcenter am Leipziger Platz eilen. „Am Sonntag lief noch das Geschäft einigermaßen, da hatte auch noch die Winterwelt am Potsdamer Platz geöffnet“, sagt der Verkäufer. Doch seit Montag musste der Markt schließen - Lockdown. Einzig die Würstchenbude darf weiter öffnen, in der der Verkäufer nun auf Kunden wartet, während draußen der lebhafte Berliner Großstadtverkehr am Potsdamer Platz vorüberzieht.