In Berlin hätten viele Missbrauchsfälle verhindert werden können, wenn die Jugendämter besser reagiert hätten. (Symbolbild) 
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BerlinDer „krasseste Fall von staatlichem Versagen in den letzten 30 Jahren“ (Grüne), „fassungslos“ (SPD) und „mit voller Solidarität“ (Linke) – so reagieren die Fraktionen der rot-rot-grünen Koalition am Tag nach Veröffentlichung der Recherchen der Berliner Zeitung zum sogenannten Kentler-Experiment, bei dem Heimkinder in Obhut von Pädophilen gegeben wurden

Handeln sei nun angezeigt: Das Land müsse alles tun, um vor Gericht auf die Einrede der Verjährung zu verzichten. Auch neue Wege der Entschädigungszahlungen wollen die Parteien prüfen. Und sie pochen auf Aufklärung. Ein Betroffener des „Kentler-Experiments“, der ab 1991 mehr als zehn Jahre lang bei dem pädophilen Pflegevater Fritz H. in Schöneberg aufwachsen musste, hat vergangene Woche Amtshaftungsklage gegen das Land Berlin erhoben.

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Er will Schmerzensgeld erstreiten und eine Mitwisser- und -täterschaft der Behörden untersuchen lassen. Doch wenn das Land will, kann es den Prozess mit einer sogenannten Einrede der Verjährung verhindern. Mit ihrem Votum, keine Einrede einzulegen, positionieren sich die Regierungsparteien, auch die SPD, deutlich gegen den Kurs von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).

Ihre Verwaltung hatte der Berliner Zeitung noch am Freitag mitgeteilt: „Das Land Berlin kann aus prozessualen, haushaltsrechtlichen und dienstrechtlichen Gründen nicht auf die Einrede der Verjährung verzichten.“ Inoffiziell hieß es aus Kreisen der Verwaltung: Es ginge nicht anders. Erstens verlange das Haushaltsrecht Sparsamkeit. Zweitens könne ein Präzedenzfall, der die Verjährung aushebele, rechtspolitisch Dämme brechen lassen. Marianne Burkert-Eulitz will dieses Argument nicht gelten lassen.

Jugendämter gingen nicht gegen Fritz H. vor

Sie ist bildungspolitische Sprecherin der Grünen und Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Kinder-, Jugend- und Familienrecht. Gewalt- und Missbrauchsfälle betreut sie selbst häufig. Der Fall Kentler sei beispiellos: „Der Staat hat Kinder an Pflegeväter gegeben, obwohl er wusste, dass sie Täter sind – das ist das Wahnsinnige an der Sache.“ Angesichts dieses Ausnahmefalls müssten auch Ausnahmen für die gerichtliche Aufklärung gefunden werden: „Wenn es sie nicht gibt, müssen wir sie schaffen.“

Die Jugendämter Kreuzberg und – nach einem Umzug von Fritz H. – Schöneberg gaben von 1973 bis 2003 neun Jungen in die Hände des vorbestraften, alleinerziehenden Fritz H., gegen den schon 1980 wegen Kindesmissbrauchs ermittelt wurde.

Die Akteure im Kindesmissbrauch von Berlin

Helmut Kentler
(1928 – 2008). Der Hannoveraner Pädagogikprofessor wirkte ab Anfang 60er-Jahre an Büchern mit, die Titel trugen wie „Zeig mal!“ oder „Die Menschlichkeit der Sexualität“. Darin forderte er oft Straffreiheit für Pädophilie. Kentler schrieb in den 70er- und 90er-Jahren mehrere stützende Gutachten für Fritz H., den Pflegevater von Marco und Sven.

Fritz H.
(1941 – 2015).  H. saß bereits dreieinhalb Jahre wegen Tresoreinbruchs im Gefängnis, bevor er 1973 in Kreuzberg das erste Pflegekind bei sich aufnahm. 1980 wurde gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs gegen Kinder ermittelt. In 30 Jahren nahm er neun Jungen bei sich auf, mindestens zwei von ihnen misshandelte und vergewaltigte er jahrelang.  

Die Jugendämter.
Das Jugendamt Kreuzberg sowie das Jugendamt Schöneberg waren für die Pflegestelle Fritz H. verantwortlich und trafen zahlreiche fragwürdige Entscheidungen. Schon 1988 berichtete Kentler der Bildungsverwaltung von seinem Berliner Projekt, Pflegekinder bei Pädosexuellen unterzubringen – und dass das mit Zustimmung einer „Senatsbeamtin“ geschehe.

Außerdem ließen die Jugendämter offenbar zu, dass H. sich seine Pflegekinder aus Heimen, Problemfamilien und von der Straße „mitnahm“, wann immer er wollte. Sie schlossen Fritz H.s Pflegestelle nicht mal, als 2001 in seiner Obhut ein schwerbehindertes Kind starb.

Sie ignorierten außerdem die bereits ab 1979 bei ihnen aktenkundige Verbindung zwischen Fritz H. und dem Pädophilie-Prediger Helmut Kentler. Die Senatsbildungsverwaltung war laut einem 1989 veröffentlichten Gutachten des Pädagogikprofessor Kentler von Anfang an über dessen  krudes Projekt informiert – und hieß es gut. Auch die Linke findet in diesem Fall: „Die Begründung Haushaltsrecht darf hier nicht gelten.“

Das Recht der Betroffenen auf lückenlose Aufklärung und ihre berechtigte Forderung nach Entschädigung müsse Priorität vor finanzpolitischen Überlegungen haben, sagte Regine Kittler, bildungspolitische Sprecherin.

Es müsse außerdem dringend untersucht werden: „Sind da noch Menschen, die man zur Rechenschaft ziehen kann? Sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“

„Wir müssen Mittel und Wege der Entschädigung finden“

Iris Brennberger, Sprecherin der Bildungsverwaltung, teilte am Sonntag mit, man sei für neue Vorschläge jederzeit offen: „Wenn etwas machbar ist, wird die Bildungsverwaltung garantiert keine Steine in den Weg legen.“ Allerdings habe Scheeres sich bereits bemüht, nur deswegen ja die Prüfung veranlasst: „Das Ergebnis war leider eindeutig.“

Dann bliebe den einzigen beiden bisher bekannten Betroffenen Marco und Sven – sowie den möglicherweise vielen noch unbekannten Opfern – des von den Jugendämtern mindestens geduldeten, vielleicht aktiv unterstützten Pädophilie-Netzwerks nur der Weg der außergerichtlichen Einigung oder Entschädigung.

In der Schießstand-Affäre des Landes hat Innensenator Andreas Geisel (SPD) für Hunderte erkrankte Polizisten, die Ansprüche gegen das Land erhoben, einen Entschädigungsfonds eingerichtet. Der steht jetzt zwar wegen seiner undurchsichtigen Vergabekriterien in der Kritik. SPD, Linke und Grüne wollen ihn sich im Fall Kentler dennoch zum Vorbild nehmen.

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„Wir müssen Mittel und Wege der Entschädigung finden“, sagte Melanie Kühnemann, jugendpolitische Sprecherin der SPD. „Wir sollten über einen Entschädigungsfonds nachdenken, den Betroffenen vielleicht auch psychologische Hilfe anbieten.“ Von der Pflicht zu weiterer Aufklärung und Überprüfung der Jugendhilfe entbinde die Politik allerdings kein Gerichtsurteil und kein Entschädigungsfonds – auch darin sind sich Parteien einig.