Für Autodiebe ist die Corona-Pandemie vorbei. Es wird wieder so viel geklaut wie vor Corona. Auch die Schwarzmärkte mit gestohlenen Ersatzteilen florieren wieder. Und in Berlin verschwinden die meisten Autos.

Berlin hat nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) die höchste „Belastungszahl“. Das heißt: Je hunderttausend Autos kamen dort im vergangenen Jahr 260 Fahrzeuge dauerhaft abhanden. Übersetzt in reale Zahlen waren dies 3229 Autos, wie aus einem aktuellen Lagebericht des BKA hervorgeht.

Dass die Zahlen in Berlin derart hoch sind, erklärt die Polizei mit der Nähe zu Polen und den osteuropäischen Absatzmärkten. Hierarchisch organisierte und international arbeitsteilig agierende Banden stehlen die Fahrzeuge und fahren sie über die Autobahn innerhalb einer Stunde nach Polen.

Deutsche Qualitätsarbeit ist weltweit beliebt

In anderen Fällen werden die Fahrzeuge in illegalen Werkstätten in Brandenburg „umfrisiert“, wie Berliner Ermittler berichten: Unter anderem werden die Fahrzeugidentifikationsnummern (FIN) im Rahmen weggeschliffen und an ihrer Stelle neue Ziffern gestanzt. Oft wird auch nur eine Ziffer verändert.

Wegen der Pandemie waren die Diebstahl-Zahlen zwischenzeitlich gesunken. Das lag an den zeitweiligen Grenzschließungen und Grenzkontrollen. Das änderte nichts daran, dass deutsche Qualitätsarbeit weltweit beliebt bleibt.

Diese vier Marken sind am meisten betroffen, doch andere holen auf

So sind bei Kfz-Dieben die begehrtesten Marken VW, Audi, Mercedes und BMW. Diese liegen in der Statistik weit vorn und machten im vergangenen Jahr einen Gesamtanteil von rund 37 Prozent aus. Gleichwohl holen laut BKA andere Marken auf. Einen Anstieg bei den Diebstählen gab etwa bei Renault, Mazda, Fiat, Hyundai und Kia.

Anhaltend hoch ist auf dem Schwarzmarkt die Nachfrage nach Autoersatzteilen. Die Berliner Polizei weist hier im vergangenen Jahr mit mehr als 31.534 Diebstählen an und aus Kfz eine Zunahme um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr aus. Gestohlen werden zum Beispiel Navigationssysteme, LED-Scheinwerfer, Airbags und komplette Radsätze.

International agierende Banden haben sich im Handel mit Autoteilen ein lukratives Betätigungsfeld erschlossen. Gestohlene Fahrzeuge werden dafür sogar zerlegt. „Mit dem Vertrieb von Einzelteilen können die Tätergruppierungen einen vielfach höheren Gewinn als beim Verkauf eines komplett entwendeten Fahrzeugs erzielen“, heißt es in dem Bericht.

Berliner Polizisten stellten in den vergangenen Jahren auch fest, dass Abgaskatalysatoren an älteren Fahrzeugen immer häufiger abgesägt werden. Vor allem ältere Autos wie Opel Astra oder VW Polo, wo der Kat unter dem Wagenboden ist, sind betroffen. Laut ADAC enthält ein Katalysator bis zu fünf Gramm Edelmetalle wie Palladium und Platin. Und so kann der Wert der Edelmetalle in einem Katalysator bis zu 200 Euro betragen.

Wenn es das selbe Fahrzeug zweimal gibt ...

Eine bedeutende Rolle im kriminellen Geschehen spielen nach Angaben des BKA inzwischen sogenannte Fahrzeugdubletten. Dabei handelt es sich um entwendete Fahrzeuge, die mit real existierenden Identifizierungsmerkmalen, etwa den Fahrzeugnummern baugleicher Modelle, verfälscht und mit gefälschten Fahrzeugpapieren versehen werden, um sie offiziell zuzulassen.

Aus deutschen Zulassungsbehörden sind schon mehrfach Blanko-Dokumente gestohlen worden. In diese tragen die Täter die falsche Fahrzeugnummer ein und lassen die gestohlenen Autos dann meist im Ausland zu.

Ein Berliner LKA-Mitarbeiter berichtete dieser Zeitung, wie eine Mitarbeiterin der Berliner Zulassungsstelle einem Kunden ein Schockerlebnis bereitete: Der 5er-BMW, den dieser angeblich so günstig gekauft hatte, fuhr bereits in Belgien herum. Seinen Wagen war er los – und auch sein Geld. Denn in Deutschland kann man kein Eigentum an gestohlenen Dingen erwerben.

Eine gute Nachricht für Besitzer von Elektroautos

Einigermaßen beruhigt sein können die Eigner von Fahrzeugen mit Hybridantrieb und reinen Elektrofahrzeugen. Derzeit sind in Berlin rund 16.700 Fahrzeuge mit Elektroantrieb zugelassen – rund 7600 mehr als im vergangenen Jahr. Trotz ihrer rasant steigenden Zahl werden nach Angaben des Bundeskriminalamtes nur selten Diebstähle solcher Fahrzeuge gemeldet.

Dass gestohlene Autos in Deutschland wieder auftauchen könnten, diese Hoffnung ist gering. Denn die Fahrzeuge und Autoteile werden in die ganze Welt verschoben – über drei Hauptrouten: Eine geht per Fahrzeugcontainer, Lkw-Transport oder Autokurier auf eigener Achse über Osteuropa nach Zentralasien, zum Beispiel nach Tadschikistan und Usbekistan.

Autos werden über Arabien nach Kambodscha verschoben

Eine zweite Route führt über den Balkan in die Türkei und von dort aus, meist über den Landweg, in den Nahen Osten, nach Syrien und darüber hinaus.

Eine dritte Route sind die Häfen Antwerpen und Rotterdam sowie Bremen und Hamburg, wo Autos und Fahrzeugteile nach Algerien, Marokko und Tunesien sowie in westafrikanische Länder verschifft werden.

Ein großer Absatzmarkt für diese dritte Route sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Von dort aus werden die gestohlenen Autos und Autoteile auf dem Seeweg nach Südostasien, etwa Kambodscha, verschoben.