Potsdam - Als Margit Beier die Einzelzelle mit der Nummer 15 betrat, da hatte sie Tränen in den Augen. Sie befindet sich im Keller des Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB in der Leistikowstraße in der Nauener Vorstadt in Potsdam. Gleich neben dem Türrahmen war im Putz der Name ihres Vater zu lesen: Oskar Blau. Der eingeritzte, fünf Zentimeter lange Schriftzug wurde vor vier Jahren freigelegt. Er ist eines der letzten Lebenszeichen, das Margit Beier von ihrem Vater hat.

Oskar Blau war im Frühjahr 1950 in Berlin wegen Spionage festgenommen worden. Er saß mehrere Monate in dem KGB-Gefängnis, bevor er, zum Tode verurteilt, mit gerade einmal 36 Jahren nach Moskau verschleppt und hingerichtet wurde. Seine Familie erfuhr jahrzehntelang nichts von seinem Schicksal. „Es beruhigt mich ein wenig, endlich zu wissen, was mit meinem Vater passiert ist“, sagt seine Tochter heute. Doch die Vorstellung, wie er auf der Pritsche gelegen hat, wie er gefoltert wurde, das wühle sie noch immer unheimlich auf. „Ich gehe nie wieder in diese Zelle“, sagt die 72-Jährige aus Rudow.

Oskar Blaus Schriftzug ist einer von 1500 Inschriften, davon 900 Textnachrichten, die Häftlinge des KGB-Gefängnisses von 1945 bis in die 1980er-Jahre hinein mit Nägeln aus den Pritschen oder gar den bloßen Fingernägeln in die Wände der kargen Zellen gekratzt haben, um ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Es waren Namen, Adressen, Telefonnummern. Für nachfolgende Häftlinge, die wie sie in den Zellen ausharren mussten, um dann vielleicht irgendwann freizukommen und die Verwandten des unbekannten Namensschreibers zu informieren. Denn wer in das Untersuchungsgefängnis des KGB kam, der war für seine Familie spurlos verschwunden. Oftmals für immer.

Wie ein offenes Buch

Die Inschriften in dem Gefängnis sind für Forschungszwecke von Potsdamer Restauratoren freigelegt und fotografiert worden und gelangten in eine Datenbank. Mitarbeiter der Gedenkstätte haben dann versucht, die Urheber dieser Botschaften zu identifizieren. In 49 Fällen ist es Ihnen gelungen. Bei den 13 Frauen und 36 Männern konnte teilweise erstmals belegt werden, dass sie wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in dem sowjetischen Untersuchungsgefängnis festgehalten, misshandelt und verurteilt wurden.

Die Historikerinnen Ines Reich, gleichzeitig Gedenkstättenleiterin, und Maria Schultz haben nun ein eindrucksvolles Buch über die Botschaften an den Zellenwänden und deren Verfasser herausgegeben. Am heutigen Freitag wird das Buch „Sprechende Wände“ in Potsdam vorgestellt. „Die Inschriften sind in vielen Fällen die letzten Lebenszeichen von Frauen und Männern, die von sowjetischen Militärtribunalen zum Tode verurteilt, dann nach Moskau verschleppt und dort hingerichtet wurden“, sagt Ines Reich.

Die Restauratoren haben in den Zellen Kalender und Zählstriche gefunden. „Sie zeigen das lange Warten der Gefangenen und den Wunsch nach zeitlicher Orientierung“, erläutert die Gedenkstättenleiterin. Entdeckt wurden auch eingeritzte Blumen, Schiffe, Kreuze, Gedichte. Doch das Wichtigste waren wohl die vielen Namen, die sich in meist winzigen Buchstaben für das Auge kaum sichtbar auf den Wänden wiederfanden. Meist in der Nähe der Tür, im toten Winkel des Spions – damit die Gefangenen von den Wärtern nicht beim Schreiben der Nachrichten erwischt wurden.

„Das Haus war eigentlich wie ein offenes Buch, das man nur lesen brauchte. Wir mussten nur dechiffrieren, wer hinter diesen vielen Namen und Botschaften stand“, sagt Ines Reich. Das hört sich einfach an. Ist es aber nicht. „Wir haben uns manchmal wie Kriminalisten gefühlt“, erzählt die Mitherausgeberin des Buches, Maria Schultz. Denn erst, wenn man zu jedem Namen auch ein Geburtsdatum hatte, konnte man bei Einwohnermeldeämtern und in Archiven nachforschen. „Das erklärt auch die lange Recherchezeit“, sagt Ines Reich.

Die älteste gefundene Inschrift hinterließ offenbar Lieselotte Betzner, die von November 1948 bis Herbst 1949 in der Leistikowstraße inhaftiert war und wegen angeblicher Spionage zu 10 Jahren Haftarbeitslager verurteilt wurde. 2011, kurz vor ihrem Tod, konnten die Gedenkstättenmitarbeiter noch einmal mit ihr über ihre Zeit in dem Gefängnis reden. Die jüngste Nachricht stammt von Claus-Dieter Wetzig aus dem Jahr 1954. Wetzig gehörte offenbar zu den letzten Deutschen, die in dem KGB-Knast inhaftiert waren. Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er spioniert haben soll.

Den Historikern gelang es nach und nach, den Schriftzügen an den Wänden Gesichter zu geben. Zu sieben noch lebenden einstigen Gefangenen konnten die Forscher Kontakt aufzunehmen und ihren Leidensweg in dem Buch nachzeichnen. Gefunden wurden auch zahlreiche Angehörige von ehemaligen Inhaftierten. Viele davon wussten noch nicht einmal, dass sich ihre Mütter, Väter oder Brüder nach der Verhaftung für viele Monate in der Leistikowstraße befunden hätten.

„Irgendwo in Sibirien“

So war das auch bei Margit Beier. Sie erzählt, dass ihre Mutter bis zu ihrem Tod 1991 nie erfahren habe, was mit ihrem Mann geschehen sei. „Sie hat immer geglaubt, das er irgendwo in Sibirien ist“, sagt Margit Beier. Sie selbst habe Mitte der 1990er-Jahre beim Roten Kreuz nachgefragt. Dadurch habe sie erfahren, dass er im Oktober 1950 in Moskau hingerichtet worden sei.

Bei der Eröffnung der Wanderausstellung „Erschossen in Moskau“ im Jahr 2006 in der Landesvertretung in Thüringen las Margit Beier dann erstmals unter den Opfern auch den Namen ihres Vaters. Sie erfuhr, dass seine Asche anonym auf dem Donskoje-Friedhof in Moskau vergraben worden war. Und dann stand sie vor kurzem in dieser einstigen Einzelzelle in Potsdam, in der ihr Vater die letzten Monate seines Lebens verbracht hatte.

Margit Beier erinnert sich noch sehr gut daran, wie sie ihren Vater, einen ehemaligen Fallschirmjäger, geholt hatten. Ein Mann mit Ledermantel stand eines Abends in ihrer Wohnung und nahm ihren Vater zur „Klärung eines Sachverhalts“ mit. „Mein Vater hat mich und meinen Bruder noch einmal gestreichelt.“ Er komme bald zurück, habe er noch gesagt. Das war das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hat.

Das Buch „Sprechende Wände“ ist im Metropol Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro.