Als Martina Sprockhoff im Jahr 2000 das Nikolaiviertel zum ersten Mal besucht hat, habe sie sich sofort verliebt. „Mitten in der City ist es wie auf einem kleinen Dorf – mit Straßen aus Kopfsteinpflaster.“ Das findet sie reizvoll, zumal das Gebiet rings um die Nikolaikirche von 1230 der Gründungsort Berlins ist. Die Zehlendorferin hat sich gesagt, hier müsse sie ein Geschäft haben. In der Propststraße führt sie nun schon seit anderthalb Jahrzehnten den Raumausstatter „fröhlich wohnen“, seit vier Jahren ist sie zudem die Chefin des Vereins Nikolaiviertel. Heimisch fühlt sich Martina Sprockhoff hier – „wegen der Gemütlichkeit, wegen des entspannten Charakters“.

Geht man durch das Viertel, fallen einem deutliche Veränderungen auf. Viele Geschäfte wirken moderner und ansprechender als noch vor ein paar Jahren. Es gibt nicht nur Mode- und Taschenläden, sondern auch exquisite Geschäfte, Tigertörtchen Cupcakes zum Beispiel. Swarovski ist schon einige Zeit da, alteingesessene Geschäftsleute präsentieren ihre Angebote prominenter.

Lettische Spezialitäten

Das Nikolaiviertel wirkte lange Zeit verschlafen. Jetzt macht es einen Sprung hin zu mehr Attraktivität, zu einem attraktiven Ort nicht nur für Touristen, sondern auch wieder für Berliner. Indizien gibt es weitere: Am Spreeufer hat Gastronom Holger Zurbrüggen sein zweites Restaurant eröffnet (siehe Artikel unten), auch das Restaurant Schwalbennest an der Rathausstraße hat neue Betreiber.

Die neuen Wirte dort heißen Edmunds Siksne und Vilnis Cirulis. Sie haben sich nach 23 Jahren Gastronomie in Lettland nun für ihr erstes Lokal in Berlin entschieden. Die Tische sind aus Eichenholz, das Parkett und die dezente Wandtäfelung auch. Das wirkt edel, dennoch aber leicht und gemütlich. Wie Geschäftspartner Martin Birnbaum sagt, wird seit dieser Woche europäische Küche mit einigen lettischen Spezialitäten, wie zum Beispiel Pfannkuchen, geboten. „Die Ostberliner verbinden mit dem Nikolaiviertel gute Gefühle und haben schöne Erinnerungen. Die Westberliner sehen es eher als Touristenfalle“, sagt er. Doch Letzteres wird dem Gebiet nicht mehr gerecht.

Das Balthazar und das Schwalbennest sind Beispiele dafür, wie sich die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) die Zukunft im Nikolaiviertel vorstellt. Der WBM gehören dort die meisten Häuser. „Wir haben die Quartiersverantwortung“, sagt Bereichsleiter Fred Sommermeier. Und die Verantwortung dafür, dass dieser Ort belebt bleibt. So wurde schon vor Längerem ein historischer Pfad mit 19 Tafeln angelegt, auf denen Anekdoten aus der Geschichte Berlins erzählt werden. Die WBM hat auch dafür gesorgt, dass das Nikolaiviertel trotz jahrelanger Baustellen an Rathausbrücke, Schloss und U-Bahn für Fußgänger erreichbar bleibt. Zudem bewirtschaftet sie knapp 800 Wohnungen. „Jetzt wollen wir in der Gastronomie internationaler werden“, sagt Sommermeier. Wobei die Ur-Berliner Lokale natürlich weiterbestehen sollen. Zugleich werden frühere Lagerflächen zu Wohnungen oder neuen Läden umgebaut, kleine Fenster in Fassaden durch große Glasfronten ersetzt, damit Passanten besser erkennen können, was hinter den Schaufenstern los ist.

Die Arkaden abreißen?

Zwei bis drei Millionen Euro hat die WBM in den vergangenen Monaten in Umgestaltungen investiert. Und sie denkt darüber nach, die typischen Arkadengänge in Post- und Propststraße abzuschaffen und die Geschäfte bis zur Straße zu vergrößern. Das aber will der Bezirk nicht, die Arkaden seien ein Alleinstellungsmerkmal.

Auch neue Ladenkonzepte probiert Sommermeier aus, etwa einen Pop-up-Store. Das Geschäft teilen sich seit Oktober zehn Designer – Mode, Schmuck, und T-Shirts gibt es. Andrea Speer ist Fotografin und hat rustikale Marmorsteine mit ihren Fotos bedruckt. „Die Leute lieben es, dass es bei uns bunt gemischt ist“, sagt sie. Die Arkaden aber müssten bleiben, sie seien eine schöne und gemütliche Passage.

Das Nikolaiviertel ist jedoch ein künstliches Gebilde – flankiert von überbreiten Straßen und der Spree – das dem Besucher vorgaukelt, einen Teil der Berliner Altstadt zu zeigen. Tatsächlich sind die meisten alt wirkenden Häuser Nachbauten. Doch das stört niemanden: „Hier ist die Berliner Geschichte beheimatet. Hier trifft man in den Geschäften noch Individualität. Hier nimmt jeder Besucher ein Erlebnis mit nach Hause“, sagt Martina Sprockhoff.