Berlin - An der Fensterscheibe der Trarbacher Klause in Weißensee hängt ein bunt gemaltes Bild. „Deddi, wir vermissen dich“ steht darauf. Deddi, also Detlef Marx, der Besitzer der Gaststätte, sitzt im Schankgarten und versucht zu erzählen, wie es ihm in diesen Tagen geht. Er will unbedingt danke sagen, denn seine Stammgäste haben ihn, die Quasselstrippe, gerührt und mit einer heimlichen Sammelaktion sprachlos gemacht.

Doch Detlef Marx kommt einfach nicht dazu, von dem Gänsehautmoment zu berichten. Immer wieder laufen an diesem sonnigen Tag Passanten vorbei und grüßen. Alle paar Minuten schleckt ein Hund aus dem bereitstehenden Napf, sagt ein Herrchen ein paar Worte der Aufmunterung. Dann wieder springt Marx auf, weil das Telefon klingelt, und winkt mitten im Satz übern Damm. Unweit des Weißen Sees ist die Trarbacher Klause so etwas wie das Wohnzimmer des Kiezes. Touristen verirren sich selten hierher ins Wohngebiet, wo es noch unsanierte Häuser mit Bröckelputz gibt. Die anderen Kneipen in der Gegend haben längst geschlossen. Doch an der Stelle, wo Detlef Marx heute hinterm Tresen die Stellung hält, gibt es schon seit 1912 eine Kneipe. Das verpflichtet.

Stammkneipe mit Molle und Bouletten in Weißensee 

Die Trarbacher Klause ist im besten Sinne eine Stammkneipe. Der Wirt schenkt am Neujahrsmorgen eine Reparatur-Molle aus, im Ein-Mann-Betrieb brät er Bouletten. Die Soljanka ist nicht aus der Dose. „Ich bin hier der Lehrer, der Bürgermeister, der Kummerkasten und Kumpel“, sagt Detlef Marx, als eine Gruppe von Schulkindern wieder abgezogen ist. Die Kinder bekommen Süßigkeiten aus dem Bonbonglas und die Väter ein Bier. Und damit das so bleibt, haben an die 40 Stammgäste zusammengelegt und ihrem Wirt einen Scheck mit 1500 Euro überreicht. „Für die kleine Kneipe in unserer Straße“, haben sie darunter geschrieben. Noch beim Erzählen bekommt Marx Gänsehaut. „Kinder, das ist nicht euer Ernst“, habe er gesagt.

Foto: Thomas Uhlemann
Die Trarbacher Klause ist im Viertel so etwas wie das zweite Wohnzimmer. Die Kinder haben bunte Bilder fürs Schaufenster gemalt.

Marx ist fest entschlossen, alles dafür zu tun, dass der Laden die Corona-Politik und die verordneten Schließungen übersteht. „Mensch, Kleene, alles dreht sich seit 21 Jahren um diesen Laden“, sagt er. Schon vor einem Jahr hat er sich starkmachen müssen für sein Lebenswerk. Das Haus wurde verkauft, die Schwaben kamen. Und mit ihnen kam die Kündigung. Mit viel Reden und gutem Willen haben sie sich dann doch noch zusammengerauft, die Herren aus Tübingen und die harte Nuss aus Ost-Berlin. „Ein schöneres Kompliment hätten ’se mir nicht machen können“, sagt Detlef Marx.

Mietminderung und Solidarität der Stammgäste

Mittlerweile sind Besitzer und Mieter sich einig: Die Klause gehört dazu und muss bleiben. Im November sind ihm die Vermieter sogar mit einer Mietminderung entgegengekommen. „Kannste nicht meckern“, sagt Detlef Marx. Der Solibeitrag seiner Gäste aber rührt ihn: „Das ist nicht gewöhnlich, sondern sehr warmherzig und überraschend.“

Dennoch würde er viel dafür geben, wenn er endlich wieder seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen könnte. Die Summe federt die Härten etwas ab. Schließlich muss der Abschlag an die GEZ weiter gezahlt werden, die Gema-Gebühren, selbst die Mülltonne bekommt man nicht so einfach abgemeldet. Die Politik sei so hilflos, sagt Marx. „Mensch, Mäusebeenchen, is doch keen Zustand nich.“ Auf die grüne Tafel neben der Tür hat er schon mal seine Öffnungspläne gepinselt: „Wir öffnen wieder: 16 Uhr nach Corona“ steht da.