Berlin - Zehn, neun, acht. Die etwa 350 Menschen auf den Stufen des Pamukkale-Brunnens im Görlitzer Park zählen am Freitagnachmittag den Countdown, dann nehmen sie alle gleichzeitig einen tiefen Zug. Rauch steigt auf, ein süßlicher Geruch strömt in die Luft. Hier wird gekifft. Mit Erlaubnis der Polizei. Und zwar aus Protest.

Dieser Freitag, der 20. April, ist weltweiter Marihuana-Tag. Mit etlichen Aktionen fordern die Aktivisten, Cannabis zu legalisieren und Konsumenten nicht länger zu stigmatisieren. Denn einige von ihnen beziehen das Gras als Medizin auf Rezept. Das ist in Deutschland seit März 2017 legal. Dennoch fühlen sich Patienten in der Öffentlichkeit oft mit argwöhnischen Blicken bedacht.

SPD fordert kontrollierte Abgabe

Ginge es nach der Berliner SPD könnten die Rauchzeichen am Freitag im Görlitzer Park bald zum städtischen Alltag gehören. Öffentliches Kiffen wäre dann nicht mehr strafbar. „Es geht uns um die Entkriminalisierung von mehreren Millionen Menschen in Deutschland“, sagt SPD-Fraktions-Chef Raed Saleh der Berliner Zeitung. Durch „erlaubtes Kiffen“ werde die Gesellschaft nicht gefährlicher, sondern sicherer.

„Wir fordern eine kontrollierte Abgabe an Erwachsene, um den unkontrollierten Schwarzmarkt mit all seinen negativen Begleiterscheinungen endlich zu beseitigen“, sagt Saleh. Denn das Cannabis-Verbot habe sich nicht bewährt, Strafen hätten nichts bewirkt. Im Koalitionsvertrag haben SPD, Linke und Grüne festgelegt, ein wissenschaftlich begleitetes Modellprojekt zu erarbeiten.

„Ein Signal der Normalisierung“

SPD-Fraktionschef Saleh sagt, eine regulierte Legalisierung würde dem Schwarzmarkt die Grundlage entziehen und zugleich mehr Verbraucherschutz bieten. Die CDU verteidigt ihre Null-Toleranz-Politik. Cannabis sei eine Einstiegsdroge. „Wir lehnen das entschieden ab, denn die Gesundheit der Berliner liegt uns am Herzen“, sagt Fraktionschef Florian Graf.

Als die Kiffer am Freitag ihre Joints anzünden, schauen acht Polizisten zu ohne einzugreifen. Sie haben keinen Grund. „Wir haben die Kundgebung mit medizinischem Cannabis angemeldet“, sagt Florian Rister, Vize- Geschäftsführer vom Deutschen Hanfverband. Man wolle „ein Signal der Normalisierung“ setzen. „Vielen Menschen ist das neue Gesetz nicht bekannt, sie wissen nicht, dass Cannabis-Blüten für Patienten legal sind.“

Cannabis gegen die Schmerzen

In schätzungsweise 30.000 Fällen haben Krankenkassen bisher die Kosten für Marihuana auf Rezept übernommen. Vor allem bei chronischen Schmerzen, Muskelspastiken und gegen Übelkeit im Zuge einer Chemotherapie kommt die Substanz zum Einsatz.

114 Euro kosten fünf Gramm der Blüten in der Apotheke, sagt der Aktivist Ernst Schmidbauer. Er leidet unter Fibromyalgie, einer Krankheit mit chronischen Muskelschmerzen. „Ich habe jahrzehntelang starke Schmerzmittel genommen und unter den Nebenwirkungen gelitten: Schlaflosigkeit, Übelkeit, Juckreiz“, sagt er. Heute nehme er nur noch ein Drittel der Dosis, rauche dazu Cannabis und sei beinahe schmerzfrei.“

Gefahr für Minderjährige

Solche Geschichten hört man von einigen, die am Freitag in den Görlitzer Park gekommen sind. Doch die Aktivisten wissen auch um die Gefahren von Cannabis für Jugendliche. Ordner kontrollieren, dass sich keine Minderjährigen unter die Teilnehmer mischen.

Darin sind sich auch die Parteien einig, die eine Freigabe fordern. Doch die Berliner SPD weiß, dass so eine Regelung auf Bundesebene entschieden wird. Im Bundestag haben FDP, Grüne und Linke Ende Februar ihre Entwürfe für ein Cannabiskontrollgesetz vorgelegt, von Cannabisfachgeschäften ist da die Rede. Fraktions-Chef Saleh spricht konkret von Apotheken mit seriöser Kundenberatung.