Berlin - Nicht mit der Polizei reden! Das ist einer der ehernen Grundsätze, der in der Parallelgesellschaft krimineller arabischer Familienclans gilt. Doch jemand hat dagegen verstoßen. Und deshalb konnten Polizisten am Dienstag morgen acht Männer verhaften, die der berüchtigten libanesisch-kurdischen Familie Z. und ihrem Umfeld angehören. Den Beschuldigten im Alter von 20 bis 56 Jahren werden illegaler Besitz scharfer Schusswaffen, Anstiftung zum Auftragsmord und schwerer Raub vorgeworfen.

Mordversuch nahe des U-Bahnhofs Johannisthaler Chaussee

Hintergrund ist unter anderem ein Vorfall vom Oktober 2015, bei dem sich nach Informationen der Berliner Zeitung folgendes abspielte: Damals wurde in der Severingstraße nahe des U-Bahnhofs Johannisthaler Chaussee ein 42-Jähriger angeschossen. Unter Araber-Clans ist ein Schuss ins Bein eine Verwarnung. „Markieren“ wird das genannt.

Doch dieses Mal geht die Polizei von einem Mordanschlag aus. Weil der 42-Jährige einem Mitglied der Familie Z. die Frau ausgespannt hatte, heuerten Familienmitglieder einen Killer an, der den Mann erschießen sollte. Der Schütze traf das flüchtende Opfer aber nur ins Gesäß. Die Auftraggeber setzten den Pistolenmann unter Druck und forderten von ihm, den Auftrag zu vollenden. Der Killer ging daraufhin zur Polizei und sagte gegen die Familie Z. aus. Gegen fünf Mitglieder stellte ein Richter nun Haftbefehle aus.

Redseligkeit war ein Segen

Auch in einem zweiten Fall war die Redseligkeit eines Mitglieds einer arabischen Großfamilie ein Segen für die Ermittler. Drei Haftbefehle wurden am Dienstag gegen Männer der Familie Z. vollstreckt, die mit dem spektakulären Überfall im Kaufhaus des Westens im Dezember 2014 zu tun haben sollen. Ein mutmaßlicher Täter steht bereits seit einigen Monaten vor Gericht.

Einem anderen, dem Fahrer des Fluchtautos, wurden mildernde Umstände zuerkannt – nicht nur, weil er nur Beihilfe leistete, sondern weil er die Namen der Mittäter und Hintermänner nannte. Hussein M. gehört einer libanesisch-kurdischen Großfamilie an, die eigentlich als mit der Familie Z. verfeindet gilt. Dass Mitglieder dieser unterschiedlichen Clans gemeinsam einen Bruch begehen, ist ungewöhnlich. „Es musste damit enden, dass einer die anderen verpfeift“, sagt ein 33-Jähriger, der zu einem konkurrierenden Clan gehört.

Basierend auf den Aussagen des Auftragskillers und Husein M. liefen die Ermittlungen auf Hochtouren. Telefone wurden abgehört, Zeugen befragt. In der Nacht zum Dienstag fuhren 220 Polizisten, darunter 60 SEK-Beamte, nach Neukölln, Lankwitz und Hermsdorf. Nachts darf die Polizei keine Wohnungen durchsuchen. Das verbietet die in der Strafprozessordnung festgelegte sogenannte Nachtzeitschranke, die in den Herbst- und Wintermonaten von 21 bis 6 Uhr gilt und von April bis September von 21 bis 4 Uhr. Also warteten die Beamten bis 4 Uhr, um die Wohnungstüren aufzubrechen und die Haftbefehle zu vollstrecken.

Für die Polizei war es schwer, Mitgliedern der Familie Z. etwas nachzuweisen. Umso größer ist die Freude bei Innensenator Frank Henkel (CDU). „Dass es Aussagen von Zeugen gibt, ist ungewöhnlich für dieses Milieu“, sagt er. „Fällt die Mauer des Schweigens, können die Sicherheitskräfte noch konsequenter handeln. Es wäre gut, wenn dadurch auch andere ermutigt werden, über die Szene auszupacken.“

Eine Familie, über 500 Angehörige

Bei der Razzia beschlagnahmte die Polizei im Norden Neuköllns auch einen Porsche, der einem der Verhafteten gehört. „Im Fall einer Verurteilung für den KaDeWe-Raub können wir so Gewinn aus der Straftat abschöpfen“, begründet Polizeisprecher Stefan Redlich.

In dem Haus, neben dem der Porsche parkte, lebt die Familie Z. in mehreren Wohnungen. Sie hat das Haus offenbar unter Kontrolle: Fremde, die sich am Vormittag nach der Razzia auf den Hinterhof verirrten, wurden sofort bedroht und aufgefordert zu verschwinden – assistiert von einem etwa zehnjährigen Jungen, der um diese Zeit in der Schule hätte sein müssen.

Die Polizei schätzt, dass die Familie Z. mehr als 500 Angehörige hat. Sie tragen zum Teil verschiedene Namen. Andere wiederum nehmen den Namen Z. an, obwohl sie nicht blutsverwandt sind. Die Mitglieder der Familie – die bei Weitem nicht alle kriminell sind – kamen in den 80er-Jahren als libanesische Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland. Das Familienoberhaupt Mahmoud Z. gerierte sich viele Jahre als Pate der Unterwelt und verbüßte mehrere Gefängnisstrafen. Eine gemeinsame Ermittlungsgruppe aus Ausländerbehörde und Polizei, die „GE Ident“, sollte die wahre Identität von Straftätern ermitteln, die sich als Libanonflüchtlinge ausgegeben haben. Sie fand heraus, dass Mahmoud Z. nicht aus dem Libanon stammte, sondern aus Anatolien, wo er unter anderem Namen registriert ist. Die Türkei weigert sich, das Oberhaupt und weitere Familienmitglieder zurückzunehmen. Eine Abschiebung scheiterte. Inzwischen wohnt Mahmoud Z., der wie viele seiner Verwandten eine Duldung hat, in Nordrhein-Westfalen. 2008 wurde die GE Ident aus politischen Gründen aufgelöst.