Als „äußerst kritisch“ bewertet Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) die Entscheidung einer Berliner Waldorfschule, das Kind eines AfD-Abgeordneten nicht aufzunehmen. Nach dem, was man derzeit über den Vorgang wisse, sei die Privatschulaufsicht eingeschaltet worden, teilte Scheeres’ Sprecherin Beate Stoffers auf Anfrage am Sonntag mit. Diese lasse sich jetzt genau erklären, was hinter der Entscheidung stehe.

In der Verwaltung gab es am Wochenende zunächst unterschiedliche rechtliche Bewertungen. Denn einerseits legt Paragraf 100 des Schulgesetzes fest, dass die Aufnahme von Schülern an Privatschulen nach den Regelungen erfolgen sollte, die auch an staatlichen Schulen gelten. Andererseits hätten Privatschulen durchaus ein bestimmtes Recht, sich die Schüler aufgrund ihres Schulprofils auszusuchen. Womöglich verstoße die Entscheidung aber auch gegen das Antidiskriminierungsgesetz, hieß es weiter.

Detlef Hardorp kritisiert Entscheidung ebenfalls

Das Aufnahmegremium der Waldorfschule hatte nach einer Elternversammlung und einer Befragung des AfD-Politikers und seiner Frau durch etwa 20 Lehrer entschieden, das Kind nicht aufzunehmen, obwohl es dort bereits die Waldorf-Kita besucht. Die Meinungsverschiedenheit innerhalb der Eltern- und Lehrerschaft seien in dieser Frage so groß, dass eine Aufnahme des Kindes für fortwährendes Konfliktpotenzial an der Schule gesorgt hätte, teilte der Geschäftsführer vom Trägerverein der Waldorfschule mit. Zumal die Elternbeteiligung an diesen Schulen traditionell sehr ausgeprägt sei.

Erstmals nahm am Sonntag auch Detlef Hardorp, der bildungspolitische Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg, Stellung zu den Vorgängen. Dabei kritisierte er die Entscheidung ebenfalls. „Menschen aller politischen Einstellungen sollten ihre Kinder auf Waldorfschulen schicken können“, sagte Hardorp. In der Stuttgarter Erklärung gegen Diskriminierung hätten die Waldorfschulen im Jahr 2007 ausdrücklich festgestellt, dass sie alle Menschen als frei und gleich an Würde und Rechten ansehen, „unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung“.

Insgesamt 110 Kinder abgelehnt

Fakt bleibe aber im konkreten Fall, dass bei 140 Anmeldungen auf 30 Plätze 110 Kinder abgelehnt werden mussten, sagte Hardorp. Generell gebe es einen deutlichen Elternwillen für mehr Waldorfschulen in der Stadt. Dennoch müssten Neugründungen oft fünf Jahre auf staatliche Zuschüsse warten. Hier forderte Hardorp eine Änderung des Schulgesetzes.

Der Geschäftsführer der betroffenen Schule wies am Sonntag darauf hin, dass der Umgang mit der AfD nicht nur an einer kleinen Waldorfschule schwierig sei, sondern auch im Großen. So habe der Bundestag bekanntlich beschlossen, dass jede Fraktion einen Vize-Präsidenten stellen dürfe. Dennoch hätte man dort die AfD-Kandidatin in einem zweiten Wahlgang abermals durchfallen lassen.

Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Auseinandersetzung hat sich die Berliner Zeitung entschlossen, über den Fall zu berichten – allerdings anonymisiert, um das Kind zu schützen.