Köln - Für Eltern ist es das Horrorszenario: Ein Fremder spricht das eigene Kind auf dem Schulweg an und lockt es mit einem süßen Bild von einem Hundewelpen zu sich nach Hause. Und das Kind – es freut sich und geht einfach mit.

Kinder sind in solchen Situationen meist arglos und neugierig und erkennen nicht, wann Gefahr droht. Natürlich hat nicht jeder Fremde böse Absichten: Das Risiko, dass ein Kind Opfer eines Verbrechens wird, ist gering, auch wenn die großen Entführungsfälle, die immer wieder durch die Medien geistern, anderes suggerieren. Von 100.000 verschwundenen Kindern im Jahr, so schreibt es die „Initiative Vermisste Kinder“, tauchen 98 Prozent wieder wohlbehalten auf. Nichts desto trotz kann es nicht schaden, Kinder grundsätzlich auf den Umgang mit Fremden vorzubereiten.

Wie sollen Eltern das Thema Fremde ansprechen?

Das Thema Fremde überhaupt zur Sprache zu bringen, ist für Eltern nicht leicht und braucht Fingerspitzengefühl. Schließlich sollen die Kinder weiter offen, neugierig und hilfsbereit bleiben und nicht misstrauisch und angstvoll durch die Welt gehen. Ein Gespräch muss deshalb frei sein von Dämonisierungen und Angstszenarien.

„Auf keinen Fall sollten Eltern von pädophilen Tätern und Kindesentführungen sprechen“, sagt Gewaltpräventionsexperte Ralf Schmitz von der Initiative Sicher-Stark. „Lieber sagt man: Es gibt Menschen, die es nicht gut mit dir meinen, und da gibt es Möglichkeiten, dich zu schützen.“ Eine lockere Atmosphäre und einfache, kindgerechte Worte könnten einen angstfreien Zugang zum Thema begünstigen.

Vermeiden sollte man, so Schmitz, verallgemeinernde Sätze aus eigenen Kindheitstagen wie „Du sollst nie mit Fremden sprechen!“ Schließlich sei es ja nicht das Ziel, die Kinder völlig abzuschotten. Lieber sollten sie für bestimmte Situationen sensibilisiert werden.

Ab welchem Alter sollte man das Thema behandeln?

In welchem Alter Kinder sich das erste Mal für Fremde interessieren oder Eltern das Gefühl haben, ihr Kind vorbereiten zu müssen, ist ganz individuell. Wenn Kleinkinder Fragen stellen, dann müssen Eltern natürlich antworten, sagt Ralf Schmitz. Zum Beispiel könne man ihnen ein Bilderbuch zum Thema zeigen. „Wir raten aber, das Thema Fremde erst konkret zu behandeln, wenn das Kind die Schulreife hat.“ Realitätsbezogene Rollenspiele, in denen man Situationen übt, könnten bei zu jungen Kindern auch Ängste wecken.

„Erst ab dem Schulalter können Kinder solche Situationen von ihrem Wissen und ihrer Erfahrung richtig verarbeiten und umsetzen“, sagt Schmitz. Viele Grundschulen oder Sportvereine bieten inzwischen Sicherheitsschulungen und -trainings zum Thema an.

Was können Eltern für die Sicherheit ihrer Kinder tun?

Mit ein paar kleinen Dingen können auch Eltern schon die Sicherheit erhöhen. „Ein Tipp ist das Familienpasswort“, erläutert Schmitz. Hier vereinbart die Familie ein Passwort, das nur die Familienmitglieder kennen. Wenn das Kind nun vor der Schule steht und ein Bekannter hält an und will es nach Hause zu fahren, dann fragt das Kind nach dem Passwort. Weiß die Person es nicht, steigt das Kind auch nicht ein.

Für Schüler, die bereits ohne Eltern den Schulweg gehen, sei es sinnvoll, sich in kleinen Gruppen an einem vereinbarten Punkt zu treffen. „Sollte das Kind zum Beispiel auf dem Weg von einem pädophilen Täter angesprochen werden, ist es natürlich alleine mehr gefährdet, als wenn es mit vier oder fünf anderen Kindern zur Schule unterwegs ist.“

Welche Fähigkeiten braucht ein Kind, um Nein zu sagen?

Die Begegnung mit Fremden fängt für Kinder schon früh an: Wenn die unbekannte Oma in der U-Bahn begeistert das Kind herzen oder der Bekannte der Mutter es auf den Schoß nehmen will. Damit Kleine schon in solchen alltäglichen und erst recht in schwierigen Situationen Nein sagen können, brauchen sie ein gesundes Selbstbewusstsein. Und das können Eltern bei ihren Kindern auf jeden Fall stärken. „Ein Kind, das selbstbewusst ist, das einen aufrechten Gang hat, den Erwachsenen in die Augen guckt, ist weniger gefährdet wie ein schüchternes Kind, das noch nicht gelernt hat, Nein zu sagen“, sagt Gewaltpräventionsexperte Ralf Schmitz.

Es helfe dabei auch, wenn Kinder Konflikte verbal lösen und sich mit Worten wehren können. Das lässt sich, so Schmitz, in der Familie auch konkret üben. Man könne das Kind etwa auf einen Stuhl setzen und von Papa im Spiel beleidigen lassen. „Danach muss gemeinsam analysiert werden, wie das Kind ganz konkret reagieren und was es antworten kann.“

Wie viel Schutz ist nötig – wie viel Sorge ist zu viel?

Für Eltern ist die Frage, wie sie ihr Kind schützen-möchten oft ein schmaler Grat. „Prävention könne man nie genug machen“, sagt Ralf Schmitz von Sicher-Stark. Eltern sollten ihre Kinder aber nicht überbehüten und zu viel Verantwortung von ihnen wegnehmen. Das bedeutet auch: Lieber dem Kind beibringen, die Gefahren zu meiden, als das Kind jeden Tag mit dem Auto überall hinzubringen. „Kinder müssen Selbständigkeit erfahren. Und Eltern sollten ihnen etwas zutrauen.“

10 Sicherheitstipps für Eltern (Initiative Sicher-Stark)
Tipps und Verhaltensweisen für Kinder und Eltern (Polizei NRW)