Jasser* geniert sich ein wenig. Am liebsten möchte er sein Zimmer nicht herzeigen, er hat nicht aufgeräumt. Auch sein Freund Mahmoud*, mit dem er sich den Raum im Jugendwohnhaus in Rummelsburg teilt, hat überall alles herumliegen lassen. Die Betten sind nicht gemacht, Sportzeug, Fußballschuhe und Kleidungsstücke liegen wild verstreut am Boden. Wie es in Zimmern pubertierender Jungs oft aussieht, das wissen Eltern nur zu gut.

Aber Jasser und Mahmoud leben ohne ihre Eltern in Berlin. Sie sind syrische Flüchtlinge. 2015, auf dem bisherigen Höhepunkt der Welle, sind 60.000 minderjährige Jugendliche nach Deutschland gekommen. Sie werden über eine Quotenregel bundesweit verteilt wie erwachsene Flüchtlinge. Aber sie genießen besonderen Schutz. Die Jugendämter sind verpflichtet, unbegleitete Minderjährige zu betreuen und unterzubringen. Doch diese Aufgabe ist nicht befriedigend gelöst. In Berlin gibt es noch mehr als 1000 Jugendliche, die nicht in Wohngruppen oder Gastfamilien leben können.

Glückliche Situation

Der 14-jährige Jasser weiß, dass er in einer vergleichsweise glücklichen Situation ist. „Hier ist es schön“, sagt er über das Wohnheim, das von der Lichtenberger Sozdia-Stiftung betrieben wird. Seit einem Jahr gibt es die Einrichtung, seit einem halben Jahr ist der pädagogische Leiter Andreas Höll dabei. Er und seine Mitarbeiter haben ein großes Ziel. Sie sollen dafür sorgen, dass es die 19 Jugendlichen schaffen, sich in Berlin zu integrieren.

Das Jugendwohnhaus ist mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Die Jugendlichen werden von zehn Sozialpädagogen und Erziehern an sieben Tagen in der Woche betreut, im Schichtbetrieb. Und dennoch fühlen sich bei weitem nicht alle so wohl wie Jasser. „Einige haben den Krieg hautnah erlitten, bevor sie fliehen konnten,“ sagt Höll, „andere sind traumatisiert, weil sie gefoltert wurden, und die nächsten kamen mit völlig falschen Vorstellungen von Deutschland. Die haben sie aus dem Internet oder aus den Erzählungen von Bekannten oder Schleppern.“ Damit umzugehen sei eine Herausforderung für die Mitarbeiter, so Höll. „In ihrer sozialpädagogischen Ausbildung sind sie darauf nicht wirklich vorbereitet worden. Also setzen wir sie hier fort – in der täglichen Praxis.“

Betreuung heißt nicht Rundum-Service. „Wir machen die Jungs alltagstauglich“, sagt Höll. Das sei die eigentliche Herausforderung. Sie haben Küchendienst und müssen ihre Wäsche selbst waschen. Das sei die größte Herausforderung, meint der Heimleiter schmunzelnd. Arabische Jungs sind zu Hause Prinzen.

Alles dreht sich um die Schule

Jasser sitzt am Tisch in der Gemeinschaftsküche. Der 14-Jährige hat einen langen Tag hinter sich. Um sechs klingelte der Wecker, eine knappe Stunde fuhr er mit Bus und S-Bahn nach Steglitz. Dort geht er in die 9. Klasse des Gymnasiums. Halb drei war Schulschluss, eine Stunde zurück, dann Hausaufgaben. Derzeit hat Jasser kaum Freizeit, alles dreht sich um die Schule.

Er sei vor einem Jahr nach Deutschland gekommen, erzählt Jasser. Auf der Balkanroute, die es inzwischen so nicht mehr gibt: „Türkei, eine griechische Insel, griechisches Festland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland.“ Jasser zählt die Länder auf, ohne zu stocken. Ein Onkel hat die Flucht organisiert. Seine Eltern sind mit den drei kleinen Geschwistern, zwei Brüder und eine Schwester, im Libanon geblieben. Dorthin waren sie schon 2012 geflohen. Aber auch er habe in Damaskus Furchtbares erlebt, sagt Jasser knapp. Dann jedoch schweigt er beharrlich.

Seine Eltern hätten ihn nicht geschickt, versichert der 14-Jährige. Das habe er selbst entschieden und sich gegen den anfänglichen Widerstand seiner Eltern durchgesetzt. Das mag man zuerst nicht glauben, wenn man den bescheidenen, zurückhaltenden Halbwüchsigen so am Küchentisch sieht. Auch das Bild, das er von Deutschland vor seiner Ankunft hatte, scheint ein wenig naiv. Entfernte Verwandte, die hier leben, hätten erzählt, in Deutschland hätten alle Respekt. Egal, ob man Christ sei oder Moslem wie er selbst. Inzwischen weiß Jasser: „Es ist so. Aber nicht alle sind so.“ Jasser hat einen klaren Blick.

Aber das positive Bild von seinem Gastland lässt er sich nicht nehmen. Die Fernsehnachrichten schaue er nicht, sagt Jasser. „Es ist sehr widersprüchlich“, ist Hölls Erfahrung. „Viele haben diese Vermeidungshaltung. Gleichzeitig aber informieren sie sich im Internet.“ Im Wohnheim gibt es WLAN, ganz früh und dann am späten Nachmittag und abends.

Über das Netz hält Jasser auch den Kontakt zu seinen Eltern. „Früher haben wir uns jeden Tag über WhatsApp ausgetauscht, seit ich aufs Gymnasium gehe nur noch jede Woche“, sagt er. Eigentlich sollten seine Eltern nach Deutschland nachkommen, so war der Plan. Doch inzwischen weiß er, dass er nach deutschem Recht gar kein Flüchtling ist. Er genieße lediglich „subsidiären Schutz“, hat ihm die Behörde mitgeteilt. Er wird nur derzeit aus humanitären Gründen nicht abgeschoben. Das macht eine Familienzusammenführung unmöglich. Jassers Vormund, ein ehrenamtlicher, hat dagegen geklagt. Die Zahl solcher Klagen ist sprunghaft gewachsen, hieß es kürzlich in einer Mitteilung des Berliner Verwaltungsgerichts.

Probleme mit den Gedichten

Jasser versteht das alles nicht wirklich, obwohl er die Sprache inzwischen bewundernswert gut gelernt hat. Der ehrgeizige 14-Jährige will das Lob jedoch nicht gelten lassen. Gerade die Sprache bereite ihm Probleme, meint er. Er geht am Gymnasium in eine ganz normale neunte Klasse. Da ist es sehr schwer, dem Unterrichtsstoff in allen Fächern zu folgen. Aber in einem Fach hätten auch seine Mitschüler manchmal so ihre Probleme, sagt Jasser mit beinahe diebischer Freude: im Deutschunterricht. Dann nämlich, wenn ein Gedicht zu lernen sei. „Einige der alten Wörter kennen selbst die Deutschen nicht oder sie können nicht erklären, was sie bedeuten“, hat er erfahren.

Jasser will studieren, Zahnarzt werden und dann nach Syrien zurück. Eines Tages, wenn Frieden ist.

*Namen von der Redaktion geändert.