Stets soll das Wohl des Kindes im Mittelpunkt stehen. Doch die leiblichen Eltern sind nicht in allen Fällen eine Garantie dafür.
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BerlinEin Kind von seiner Familie zu trennen – das ist der äußerste Schritt, den Jugendämter gehen dürfen. Die Ultima Ratio. In der Regel geht kein Amt diesen Weg gern. Manchmal aber ist er notwendig – um die Kinder vor den eigenen Eltern zu schützen. Weil diese Eltern drogensüchtig, alkoholabhängig oder gewalttätig sind, weil sie selbst Traumata zu verarbeiten haben – oder weil sie schlichtweg überfordert sind.
   

Eigentlich soll die Unterbringung im Heim und die Trennung von der Familie nur eine kurzfristige Maßnahme sein. Im Optimalfall soll solch ein Heimaufenthalt nur kurz sein, maximal ein paar Monate. In Paragraf 34 des Sozialgesetzbuches heißt es zur Heimerziehung: Die „Rückkehr in die Familie“ sei das erste Ziel. Mit den Eltern soll in der Zwischenzeit pädagogisch gearbeitet werden, um sie soweit zu stabilisieren, damit sie wieder in der Lage sind, die Kinder gut zu betreuen. Doch genau das scheitert häufig. Ende Dezember 2018 lebten in Berlin insgesamt 4436 Kinder und Jugendliche getrennt von ihren Eltern in Heimen oder betreuten Wohngemeinschaften. 

Davon wiederum waren 2535 Kinder schon länger als ein Jahr dort untergebracht – mit 57 Prozent also mehr als die Hälfte. Das geht aus einer Antwort der Senatsbildungsverwaltung auf eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Marcel Luthe hervor, die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegt. Die meisten Plätze zur stationären Unterbringung bieten die Bezirke Lichtenberg, Mitte und Pankow an, gefolgt von Reinickendorf und Marzahn-Hellersdorf.

Schlechte Chancen zur Rückkehr in die Familie

Das Fatale: Bleibt ein Kind zu lange im Heim, klappt eine Rückkehr in die Familie selten. Experten sagen: Ist ein Kind länger als ein halbes Jahr stationär untergebracht, sinken die Chancen zur Rückkehr in die Familie rapide. Wenn sich bis dahin die Lage bei den Eltern nicht verbessert hat, ist kaum noch etwas zu machen. Andererseits haben sich die Kinder an die neue Stabilität gewöhnt, und es könnte kindeswohlgefährdend sein, sie dort wieder herauszunehmen.

Soweit die Theorie. Aber was sagen Experten dazu, zum Beispiel Tobias Giebenhain von der AWO Pro Mensch. Er ist Diplomsozialpädagoge und -soziologe. Lange hat er in der Jugend- und Berufshilfe gearbeitet. Seit 2015 ist er bei der AWO Bereichsleiter für die „Hilfen zur Erziehung“ – also für Heime, für die stationäre Unterbringung, für die ganz harten Fälle. Drei der Heime hat die AWO mit insgesamt 33 Plätzen, alle drei befinden sich in Marzahn-Hellersdorf. Warum ist es so schwer, die Kinder rasch zurückzubringen in ihre Familien? Woran mangelt es?

Giebenhain hat sehr viele Antworten. Mehr als eine Stunde lang erklärt er, steht immer wieder auf, um Tabellen auszudrucken, Richtlinien zu verdeutlichen, Kostenberechnungen zu zeigen. Es ist ihm wichtig, dass sein Gegenüber versteht: Es lässt sich nicht so einfach mit dem Finger auf einen Einzelnen zeigen. „Das System steht extrem unter Druck“, sagt er. Und: „Unsere Kinder haben keine Lobby.“ Es wäre leicht für Giebenhain, mit dem Finger auf die Eltern zu zeigen. Denn wahr ist auch: Manche Familien sind so kaputt, zerrüttet, die Eltern so überfordert, dass eine Rückkehr für die Kinder einfach nicht möglich ist, weil ihre Gesundheit, ihre Psyche, ihr Wohlergehen in Gefahr ist. Doch Giebenhain zeigt nicht mit dem Finger. Er sagt: „Wenn Kinder stationär untergebracht werden, sind die Eltern oft schon ganz weit von uns weg.“ Und: „Es müsste viel stärker gearbeitet werden mit den Eltern.“

Dafür aber bräuchte es auch viel mehr Angebote, als Berlin sie zurzeit zu bieten hat, sagt Giebenhain. Mehr Sozialarbeiter in Schulen, mehr ambulante und präventive Angebote. Mehr Sozialarbeiter an Schulen zum Beispiel schaffen es, den Heimaufenthalt zu verkürzen, sagt Giebenhain. „Es gibt da Korrelationen.“

Sind mehr Sozialarbeiter eine Lösung?

Ende Oktober hat Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) angekündigt, dass sie die Zahl der Sozialarbeiter erhöhen will, 300 neue Stellen sollen geschaffen werden. Giebenhain nickt. Ein guter Schritt, soll das wohl heißen. Doch es ist ja nur der eine Punkt auf seiner Liste.

Es folgen: der Fachkräfte- und der Schulplatzmangel. Beides sind Probleme in Berlin, mit denen viele Firmen und Familien zu kämpfen haben. Doch die Jugendhilfe trifft es besonders hart. Kitas, Schulen und Heime reißen sich um Erzieher und Pädagogen. Die Ansprüche der Bewerber sind hoch. Schon bei Vorstellungsgesprächen fragen Praktikanten Giebenhain: „Was können Sie mir als Unternehmen bieten?“

Doch die Arbeitsbedingungen in den stationären Unterkünften sind hart, man muss bereit sein zu Schichtdienst und Nachtarbeit. Ähnlich ist es bei den Schulplätzen: Sie sind knapp, viel zu knapp. Kinder, die wie Giebenhains Schützlinge oft mehrfachen Förder- oder Therapiebedarf haben, sind schwer unterzubringen in den ohnehin schon vollen Klassen. „Wir hatten schon einen Jungen, der drei Monate lang nicht zur Schule konnte, weil es keinen Platz gab“, sagt Giebenhain. Oft tingeln die Kinder eine ganze Stunde durch die Stadt bis zu ihrer Schule – eine Herausforderung für jene, die schon so viele Herausforderungen zu meistern haben. Wer es nicht zur Schule schafft, wird suspendiert. „Doch die Schule ist ganz zentral für die Kinder“, sagt Giebenhain. Falle sie weg, drohe der endgültige Bruch in der Biografie. Ein Teufelskreis.

Giebenhain nennt das System, in dem er arbeitet, ein System, das seine Möglichkeiten gar nicht voll ausschöpft. Wie ein Auto, das mit angezogener Handbremse fährt. Nur hat dieser Defekt eine bittere Konsequenz: Erst fühlen sich die Kinder von den eigenen Eltern verstoßen, dann werden sie im System hin- und hergeschubst. Giebenhains Mitarbeiter versuchen alles, um sie aufzufangen, um ihnen Stabilität zu geben und Vertrauen zu schenken. Egal, wie oft ein Kind den Teppich im Heim anzündet oder die Schule schwänzt. „Wir nehmen sie an, wie sie sind.“ Doch es ändert wenig an den seelischen Folgen der Langzeitaufenthalte: „Was ich sehe, das sind tieftraurige Kinder, die nur nach ihren Eltern suchen.“