Köln - Eine typische Szene auf einem Spielplatz. Der dreijährige Ben erklimmt die Stufen des großen Holzschiffs. Er klettert hinauf bis ganz nach oben, stellt sich an den Rand, winkt begeistert hinunter und ruft: „Mama, guck mal!“ Diese erwidert: „Super, mein Schatz! Ganz toll hast du das gemacht.“

Eine Situation, die jeder schon beobachtet hat. Wo ist das Problem?

Kleinkinder wollen nicht bewertet, sondern gesehen werden

Anerkennung ist immer auch Bewertung. Und wenn wir unsere Kinder ständig, auch für Kleinigkeiten, bewerten, hat das Folgen.

Im schlimmsten Fall sind sie auf Dauer fixiert auf unser Wohlwollen, abhängig von der Süße des Lobes. „In der Spielplatzsituation liegt ein Missverständnis vor“, sagt Uta Allgaier, Elterntrainerin aus Hamburg.

„Kleinkinder wollen nicht bewertet werden, wenn sie sich den Eltern bemerkbar machen. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass das Heraufklettern auf ein Gerüst eine Leistung sein könnte.“ Wenn Sie „Guck mal!“ rufen, wollen sie nur in ihrer Existenz bestätigt werden. Sie möchten in Kontakt treten und gesehen werden in ihrem Tun. „Mit unserer Bewertung bringen wir das Kind erst auf die Idee, es könnte beim Klettern etwas falsch oder schlecht machen.“

Kinder sollen innere Stärke entwickeln

Kontrolle mit Zuckerguss – so nennt Rheta DeVriess, Pädagogikprofessorin an der Universität Iowa, den Hang von Eltern zur exzessiven Belobigung. Natürlich gibt es Schlimmeres, als den Kleinen im Alltag permanent zu schmeicheln. Trotzdem ist übermäßiges Lob tückisch. Kinder müssen das Selbstgefühl erst nach und nach entwickeln. Wenn Eltern sie im Alltag immer wieder durch Komplimente steuern und zu positivem Verhalten bewegen möchten, verlieren Kinder auf Dauer das Gespür für sich selbst und ihre eigenen Gefühle. Ihnen wird suggeriert, dass es besser ist, sich immer rückzuversichern, anstatt ihrer eigenen Einschätzung zu trauen. Die Frage, „War das jetzt gut?“ und der ständige unsichere Blick zu anderen kann dann ihr Verhalten dominieren.

„Das alles sollte uns Eltern nicht dazu verleiten, jetzt Angst zu haben vor dem, was wir sagen. Im Alltag rutscht uns eben viel raus“, sagt Uta Allgaier, die im Internet einen Blog für „entspanntes Familienleben“ betreibt. Aber das Loben nach dem Gießkannenprinzip habe sich bei vielen eingebürgert, obwohl das Selbstbewusstsein des Kindes dadurch gerade nicht gefördert werde. „Wir wollen doch, dass unsere Kinder innere Stärke entwickeln, dass sie unabhängig werden. Man muss ihnen nicht ständig applaudieren.“

Wie geht es besser? Ein schlichter Dank reicht manchmal schon aus, glaubt die Buchautorin. „Anderen Erwachsenen danken wir ja auch. Lob, vor allem für Kinder, kommt eher von oben herab. Danken ist ebenbürtiger, es macht den Beitrag klar, den der andere für mich geleistet hat.“

Lob muss von Herzen kommen

Kleine Kinder helfen oft gerne im Haushalt. Das muss man nicht großartig loben, sondern kann es mit einem herzlichen „Danke“ quittieren, wenn die Tasse abgespült oder die Windel eigenhändig zum Mülleimer getragen wurde. Kinder brauchen auch keinen Fünf-Euro-Schein für eine Eins in der Schule. Erinnerungswürdiger sind feste Familienrituale, etwa der halbjährliche Besuch im Lieblings-China-Restaurant, immer zum Zeugnistag. Selbst wenn der Notenspiegel einmal nicht so ausgefallen ist wie erhofft.

Besonders die pädagogisch bemühten Eltern wollten alles richtig machen und lobten oft ohne Unterlass, hat Johanna Graf, Psychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, beobachtet. Diese ständige Verzückung wirke aber künstlich und übertrieben. Und Kinder spüren so etwas deutlich. Lob sollte aufrichtig und realistisch sein, beschreibend und differenziert.

Besonders wichtig sind Tonfall und Körpersprache. „Ich freue mich, dass mein Kind mir beim Ausräumen der Einkäufe hilft. Ich freue mich über sein gemaltes Bild. Das Kind bemerkt meine aufrichtige Freude, das ist eigentlich Anerkennung genug“, findet Graf.

Und: Lob muss von Herzen kommen. Nichts ist erreicht, wenn die Erzieherin im Kindergarten, die im Stress zwischen Tür und Angel gar nicht richtig auf das Wasserfarben-Gekleckse schauen kann, bei jedem Bild ausruft: „Oh, wie schön hast du das gemalt!“

Keine Vergleiche anstellen

Echte Anerkennung braucht Zeit. Sie braucht Achtsamkeit oder einen ruhigen Moment des Innehaltens. Uta Allgaier hat ihrer Tochter zum Beispiel vor einiger Zeit gesagt: „Ich finde es toll, dass du so flexibel bist.“ Denn sie hat bemerkt, dass ihre Tochter oft von sich aus einlenkt: Wenn alle in der Familie bei einem Ausflug Currywurst essen wollen, die 14-Jährige aber lieber ein Eis, dann gibt sie sich trotzdem mit einer Wurst zufrieden. „Das ist eine Wesensart, die man auch einmal ehrlich anerkennen kann.“ Auch ein Streicheln über den Kopf, eine spontane Umarmung zeigen Wertschätzung. Es müssen nicht immer die großen Worte sein.

Gift für jede gut gemeinte Form der Anerkennung sind Vergleiche. Natürlich sind Eltern neugierig, welche Note der beste Freund des Kindes in der Mathearbeit hat. Aber was sagt das wirklich aus über das eigene Kind? „In der Pubertät vergleichen sich die Kinder ohnehin andauernd; auch in der Schule wird ständig verglichen. Das sollte man als Eltern nicht noch befeuern, das macht es für die Kinder nur schwerer“, glaubt Allgaier. Wenn überhaupt, dann sollte die Leistung des Kindes nur mit seiner früheren verglichen werden, etwa: „Wow, in diesem Diktat hast du dich ja deutlich verbessert, zeig mal her.“

Jeder hört gern etwas Nettes über sich selbst. Trotzdem wollen Kinder – genauso wie die Erwachsenen – keinen Dauerkommentator, keine ständige Jury, die den Daumen hebt oder senkt wie bei der RTL-Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“.

Kinder brauchen Anerkennung

Erziehen durch Loben mag in vielen Fällen gut gemeint sein: „Super, wie du dich allein angezogen hast.“ Die netten Worte zeigen kurzfristig häufig Wirkung, aber sie haben eben fast auch immer Nebenwirkungen. Weil die Kleinen, noch unbewusster als Erwachsene, ständig auf der Suche nach Wertschätzung sind.

„Kinder hungern nach Anerkennung. Wir tragen die Verantwortung dafür, diese Abhängigkeit nicht für unsere eigene Annehmlichkeit zu missbrauchen“, erklärt Alfie Kohn, US-amerikanischer Erziehungsexperte. Ein „Gut gemacht!“, um ein Verhalten zu verstärken, das unser Leben vielleicht ein kleines bisschen einfacher macht, sei ein Beispiel dafür, wie wir einen Nutzen ziehen aus der Abhängigkeit von Kindern, glaubt er. Kinder können sich manipuliert fühlen. Auch wenn sie selbst vielleicht noch gar nicht genau erklären können, warum.