Deutsch-ukrainische Schule in Berlin: „Wir müssen mit Integration anfangen“

Ein einzigartiges Pilotprojekt will es geflüchteten Kindern ermöglichen, weiterhin in ihrer Muttersprache zu lernen – und gleichzeitig für Integration sorgen.

Schüler der deutsch-ukrainischen Begegnungsschule an der Aziz-Nesin-Grundschule in Berlin-Kreuzberg
Schüler der deutsch-ukrainischen Begegnungsschule an der Aziz-Nesin-Grundschule in Berlin-KreuzbergBenjamin Pritzkuleit

Im Flur der Aziz-Nesin-Grundschule in Kreuzberg erklingen normalerweise zwei Sprachen, Deutsch und Türkisch. Jetzt kommt noch eine dritte dazu: Ukrainisch. Denn die Räume dieser Europaschule werden seit einigen Wochen für ein einzigartiges Projekt genutzt. Eine deutsch-ukrainische Begegnungsschule entsteht hier.

Am Mittwoch wurde die Schule feierlich eröffnet – mit Redebeiträgen und Liedern der ukrainischen Schülerinnen und Schüler. Viele trugen zu diesem Anlass die bestickten Hemden der ukrainischen Nationaltracht. Nach der Flucht aus ihrem Heimatland werden sie hier jetzt zweisprachig auf Deutsch und Ukrainisch lernen. Unterricht in ukrainischer Literatur und Geschichte wird es auch geben. 20 Kinder im Grundschulalter werden in der Aziz-Nesin-Grundschule lernen, 62 Jugendliche werden die siebte und achte Klasse an der Helene-Lange-Schule in Steglitz besuchen; wegen knapper Schulraumkapazitäten verteilt sich die Begegnungsschule erst mal auf zwei Standorte.

Langfristig sei es das Ziel, die Kinder sowohl auf den mittleren Schulabschluss als auch für die ukrainischen Schulabschlüsse in der neunten und elften Klasse vorzubereiten. Das sollte den Kindern möglichst viele Perspektiven geben, so die Berliner Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD). „Ganz klar wünschen wir uns, dass alle Kinder so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren können, aber wir wissen es nicht“, so Busse. „Wir müssen also mit der Integration anfangen.“ In diesem Schuljahr lernten fast 7000 ukrainische Kinder und Jugendliche in Berliner Schulen. Sie hoffe, dass im Laufe der Zeit weitere Schulen in Berlin an diesem Projekt teilnehmen.

Erst mal befindet sich das Projekt für das Schuljahr 2022/23 in einer „Vorbereitungsphase“, in der die ukrainischen Unterrichtsinhalte in Abstimmung mit dem Bildungsministerium der Ukraine vorbereitet und geplant werden. Das Projekt soll aber wachsen: Wollen die ukrainischen Jugendlichen nach Abschluss der elften Klasse Abitur machen, soll ihnen das am Steglitzer Hermann-Ehlers-Gymnasium ermöglicht werden.

Die Begeisterung der Kinder, Eltern und Lehrkräfte ist bereits hoch. Die 13-jährige Marina aus Odessa und der zwölfjährige Artem aus Tscherniwzi sind jetzt Klassenkameraden der siebten Klasse. Das Schulleben gefällt ihnen sehr. „Früher war ich bei einer anderen deutschen Schule, aber es war nicht so gut wie hier“, sagt Artem. Ihm gefällt vor allem, dass er sich mit den Lehrerinnen sowie mit Klassenkameraden auch auf Ukrainisch austauschen kann. „Mir gefällt Deutsch sehr“, sagt Marina. „Dank unserer Lehrerinnen fällt das mir ziemlich leicht.“

In der Nationaltracht der Ukraine sangen die Erstklässler Lieder auf Deutsch und Ukrainisch.
In der Nationaltracht der Ukraine sangen die Erstklässler Lieder auf Deutsch und Ukrainisch.Benjamin Pritzkuleit

Ihre Mutter, Irina Shabelko, findet das nicht überraschend. „Meine Tochter hat schon Englisch und Spanisch in der Ukraine gelernt“, sagt die 43-Jährige etwas stolz. „Diese Erweiterung ist für sie aber natürlich sehr wichtig.“ Spätestens mit diesem Angebot fühle sich ihre Familie sehr gut in Berlin eingebunden. „Wir waren schon vor dem Krieg zu Besuch hier, aber jetzt fühlen wir uns nicht mehr wie Touristen“, sagt Shabelko. Ihre ältere Tochter hat sich vor Kurzem als Germanistik-Studentin an der Freien Universität eingeschrieben.

Das Thema Bildung für geflüchtete Kinder wurde schon früh nach Kriegsbeginn kontrovers diskutiert. In März lehnte die Generalkonsulin der Ukraine in Deutschland, Iryna Tybinka, die Idee einer Integration der ukrainischen Kinder in das deutsche Schulsystem ab. Sie sollten, so Tybinka, am besten weiterhin wie zu Hause lernen – in ukrainischer Sprache und nach dem ukrainischen Schulplan.

So kategorisch will sich Maksym Yemelianov, Gesandter-Botschaftsrat der ukrainischen Botschaft, am Rande der Eröffnungsfeier nicht zu dem Thema äußern. „Es ist zum Vorteil dieser Kinder, dass sie jetzt die Möglichkeit haben werden, in zwei Sprachen zu lernen“, sagt er. „Gleichzeitig können wir dafür sorgen, dass sie ein bisschen Heimatgefühl haben und ihre ukrainische Identität behalten können.“ Er sieht die Eröffnung der Schule als positive Entwicklung in der jahrelangen Kampagne der ukrainischen Botschaft für eine ukrainische Europaschule in Berlin – und erhofft sich, dass das Projekt in Kürze als Muster für andere Bundesländer dient.

Dazu beitragen werden nicht nur neu eingestellte ukrainische Lehrkräfte, sondern auch Lehrerinnen und Lehrer, die bereits an den beiden teilnehmenden Schulen beschäftigt sind. Lehrerinnen wie Melanie Freier, die nicht Ukrainisch spricht, aber Artem und Marina in der siebten Klasse in Deutsch und Kunst unterrichtet. Das sei eine „schöne Herausforderung“: „Man will einfach Perspektiven liefern, damit das für die Kinder eine möglichst große Bereicherung wird“, sagt sie.

Die Zeichnungen der Erstklässler an der deutsch-ukrainischen Begegnungsschule schildern Erinnerungen an die Heimat.
Die Zeichnungen der Erstklässler an der deutsch-ukrainischen Begegnungsschule schildern Erinnerungen an die Heimat.Benjamin Pritzkuleit

Ihre Kollegin Natalia Stützer stammt aus der Ukraine, lehrt aber seit mehreren Jahren an der Helene-Lange-Schule und wird dort den Jugendlichen Mathe beibringen. Sie ist froh, ihnen auf Deutsch wie auf Ukrainisch helfen zu können – aber noch ist es ungewohnt für sie, die Sprache ihres Heimatlandes „in einer normalen deutschen Schule“ zu hören. „Wer hat gedacht, dass das passieren könnte?“, fragt sie. Die Belastung durch die Kriegssituation für die Kinder sei manchmal im Klassenzimmer spürbar, sagt Melanie Freier; ein Team von Sozialpädagogen ist in das Projekt eingebunden, um die Kinder bei solchen Schwierigkeiten zu unterstützen.

In seiner Rede vor den Schülerinnen und Schülern bat Maksym Yemelianov sie auf Ukrainisch, dieses Projekt trotz allem als Chance zu ergreifen – und zwar nicht nur, um eine neue Fremdsprache zu lernen, sondern auch, um neue Freunde kennenzulernen. Eine Botschaft, die Artem und Marina sich schon zu Herzen genommen haben. „Sicher – wir sind jetzt ganz gute Freunde“, sagt Marina. Beide grinsen breit.