Zwanzig Prozent der deutschen Eltern sind alleinerziehend. Auch Nina Weser aus Köln. In ihrem Blog Perlenmama schreibt sie über ihr Leben mit zwei Kindern von zwei Vätern. Ihre Töchter sind fünf Jahre und sieben Monate alt. Wir haben sie nach Vorurteilen gefragt, die ihr begegnen – und nach den größten Herausforderungen, die ihr im Alltag mit zwei kleinen Kindern als alleinerziehende Mutter begegnen. 

Nina, Sie haben zwei Kinder von zwei Männern und sind mit beiden nicht mehr zusammen. Welche Vorurteile begegnen Ihnen in Ihrem Alltag?

Nina Weser: Leider hat das Kinderhaben mit mehr als einem Mann einige Stigmata, die man noch immer nicht loswird. Ich verstehe es nicht so ganz, aber ich ernte nach wie vor viele ungläubige, mitleidige oder auch abschätzige Blicke, wenn ich meine Situation erkläre.

Wieso meinen Sie ist das so?

Weser: Das kann ja auf gar keinen Fall geplant oder gewollt gewesen sein. Ersteres war es auch wirklich nicht, letzteres dafür schon. Ich habe mich klar dafür entschieden und bereue es nicht. Und ich finde, das macht mich nicht asozial, sondern mutig. Und auch sehr reich.

Nun sagt man ja: Lasst die Leute reden. Wie schwer fällt es Ihnen, wenn es um Sie und Ihre kleine Familie geht?

Weser: Das kommt ganz auf meine Laune an. Generell bin ich sehr gut darin geworden, darauf zu pfeifen, was andere denken und mache mein Ding. Natürlich tat es mir weh, als eine – nun ehemalige – Freundin mich aufgrund meines Lebensentwurfs „dumm“ nannte, aber das ist ja so auch irgendwie ein guter Filter.

Gibt es noch mehr schwierige Reaktionen, die Ihnen in Ihrem Umfeld begegnen?

Weser: Was ich sehr schwierig finde, ist Mitleid – entweder gegenüber mir oder gegenüber meinen Töchtern. Denn es geht uns gut! Uns fehlt nichts. Wir entsprechen eben nur nicht dem Bild der konservativ gesehenen traditionellen Familie mit Mutter, Vater, Kind. Warum das jetzt so schlimm in den Augen einiger Außenstehender ist, werde ich wohl nie begreifen.

Haben Ihre Kinder Kontakt zu den Vätern?

Weser: Ja, das ist mir sehr wichtig und das habe ich immer gefördert, soweit es mir möglich war. Es hängt ja auch immer davon ab, wie viel Interesse der Vater hat. Ich muss sagen, dass es mir schwer fällt, Frauen zu verstehen, die aus verletztem Stolz heraus den Kontakt zum Vater unterbinden. Kinderherzen sind kein Rachemittel.

Sie verstehen sich also gut?

Weser: Natürlich gibt es da auch immer mal Situationen, in denen die Väter und ich anderer Meinung sind, aber hey, es gibt halt Gründe, warum wir kein Paar sind. Das veranlasst mich aber nie, den Kontakt zwischen ihnen und ihren Kindern zu unterbinden. Ich finde einfach nicht, dass ich das Recht dazu habe.

Was ist für Sie die größte Herausforderung als alleinerziehende Mutter zweier Kinder?

Weser: Das sind die alltäglichen Dinge. Beiden gerecht zu werden ohne irgendwann nur noch auf Energie-Reserven zu laufen. Mit zwei Kindern alle Einkäufe in den ersten Stock kriegen; zu funktionieren, wenn ich selber krank im Bett liege; keinen zu haben, der es in seiner Verantwortung sieht, dass ich mal eine Pause habe. Der sagt: „Okay, ich räume die Küche auf uns bringe die Kinder ins Bett, geh du in die Wanne.“

Gibt es sonst noch Schwierigkeiten?

Weser: Naja, einen Job zu finden zum Beispiel. Bei „alleinerziehend“ und „zwei Kinder“ hören viele Arbeitgeber ja automatisch „kranke Kinder“, „unflexibel“, „fehlt immer“. Stattdessen könnte man halt auch hören: „extrem belastbar“, „sehr gut organisiert“, und „mit Freude bei der Arbeit“, weil sie dann „was Eigenes“ macht. Aber so weit denken die meisten leider gar nicht.

Wo würden Sie sich mehr Hilfe im Alltag wünschen?

Weser: Das ist wirklich unterschiedlich und tagesform-abhängig. Es fühlt sich meistens nach Hinterherrennen an. Man hat eigentlich immer etwas zu tun. Kinder, Job, Haushalt, Einkaufen, oh die Schuhe sind zu klein, wir brauchen noch Hosen und Matschsachen für die Kleine, Kita-Beirat… da bleibt man selber einfach manchmal auf der Strecke. Beizeiten wäre es schön, jemanden zu haben, der einen wieder daran erinnert und es einem dann auch ermöglicht, mal wieder auch an sich selbst zu denken.

Und wo würden Sie sich mehr Hilfen für Alleinerziehende vom Staat wünschen?

Weser: Generell von Staat und Gesellschaft wäre es schon einfach mal ein guter Start, Alleinerziehende nicht mehr als gescheiterte Existenzen anzusehen. Ich habe es so satt, dass all die steuerlichen, strukturellen, gesellschaftlichen und persönlichen Nachteile mit „selber schuld“ oder „du wolltest es ja so“ und einem Schulterzucken abgekanzelt werden. Was macht die „traditionelle“ Familie so anders oder besser als meine, dass sie andere Rechte genießt als ich?

An welchen Punkten denken Sie, verdammt, jetzt will ich aber gerade einfach nicht die einzige Erwachsene in unserer Familie sein?

Weser: Erst gestern wieder, als eine riesige Spinne durchs Wohnzimmer lief und ich am liebsten kreischend alles in Brand gesetzt hätte, aber stattdessen souverän reagieren muss, um meiner Großen keine Angst zu machen oder wenn ich die halbe Nacht gearbeitet habe und morgens der Wecker viel zu früh klingelt, die Große motzt, die Kleine meckert und dann auch noch der Kaffee leer ist. Da habe ich dann keinen, den ich anmeckern kann, denn die einzige Person, die vergessen hat, Kaffeepulver zu kaufen, bin ich.

Was fehlt Ihnen noch?

Weser: Generell ist alles möglich und okay so. Aber auch der Austausch mit einem anderen Erwachsenen über ganz alltägliche Dinge, aber auch über die ganzen großen Entscheidungen fehlt mir manchmal. Das Auskotzen, Lachen, Verantwortung gleichmäßig auf mehr als einer Schulter verteilen, das wäre schon manchmal nett.

Gibt es denn auch positive Seiten?

Weser: Wenn ich ehrlich bin, genieße ich auch die Freiheit, die ich habe. Ich mache mein Ding und muss mich vor keinem als vor mir selbst verantworten oder rechtfertigen. Das ist schon recht cool und ich kann stolz sein – auch wenn das so manch einer nicht so sieht, weil er nicht glauben kann, wie gut unser Leben eigentlich auch ist.

Wenn Sie sich eine perfekte Welt für sich vorstellen würde, wie sähe die aus?

Weser: Für mich ganz persönlich genauso wie jetzt eigentlich. Nur mit besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt, mit flexibleren Kita-Zeiten, und weniger gesellschaftlichen Stigmata. Weniger mitleidiges „Das könnt ich ja nicht“ und mehr verständnisvolles „Soll ich die Kleine mal halten, während du isst?“ oder „Soll ich am Samstag deine Große mit zum Schwimmen nehmen?“. Und nie wieder den Satz hören zu müssen „Also ich bin heute Abend ja auch alleinerziehend.“ Andere Alleinerziehende werden wissen, was ich meine