Berlin - Alexandra Denschs Wünsche sind nicht groß. Eine geräumigere Wohnung, ein neuer Geschirrspüler, eine Woche Urlaub am Meer. Doch daraus wird so schnell nichts. Die 29-Jährige und ihre drei Kinder müssen auf jeden Cent achten. Sie hat drei Kinder, dann ist da noch die Miete für die 84-Quadratmeter-Wohnung im Plattenbau in Marzahn-Nord. Hier wird das sperrige Wort „Kinderarmut“ konkret.

Alexandra Densch und ihre Kinder Lucy, Leny und Lacey leben in einem Sechsgeschosser am Glambecker Ring. Sie sitzt mit den Kindern auf dem Sofa, im Fernseher läuft ein Musikvideo. Feierabend. „Es ist schon hart“, sagt die Mutter. „Seit Anfang des Jahres gehe ich wieder arbeiten. Für ein Subbi.“ Sie meint ein Subunternehmen, das zu einer bekannten Firma gehört.

1200 Euro netto im Monat

Montags bis donnerstags wartet sie Aufzüge, in ganz Berlin ist sie unterwegs. Freitags macht sie mehrere Reinigungsjobs für die gleiche Firma. Jeden Tag hetzt sie am späten Nachmittag nach Hause an den östlichen Stadtrand, um die fünfjährige Lacey von der Kita abzuholen. Dann Abendessen, die Kinder ins Bett bringen, ein enormes Pensum.

1200 Euro netto im Monat verdient sie aktuell, sagt die junge Frau mit den zwei Gesichts-Piercings. Bis sie begann, für die Subfirma zu arbeiten, war sie arbeitslos. „Da bekam ich 920 Euro.“ Natürlich fragt sie sich manchmal, wieso sie sich für knapp 300 Euro mehr einer solchen Belastung aussetzt. Viele in der Nachbarschaft tun das lieber nicht. Doch Alexandra Densch kennt die Antwort. „Wenn ich nur zu Hause wäre, würde ich durchdrehen“, sagt sie. „Ich muss etwas tun.“

Nicht alle haben gleiche Chancen

Das Geld allerdings ist knapp, jeden Monat wieder. Alleine die Miete liegt bei 700 Euro warm, 100 Euro monatlich gehen für Strom drauf, „Waschmaschine und Trockner laufen ja bei drei Kindern ständig“, sagt sie. Der Vater der zwei älteren Töchter zahlt zudem Unterhalt, gut 200 Euro für jedes Kind. Der Vater der kleinen Tochter zahlt weniger. Dafür bekommt sie nun Unterhaltsvorschuss vom Amt, Kindergeld sowieso. Alles zusammen gut 2000 Euro.

Mit dem Vater ihrer kleinen Tochter Lacey ist sie vor fünf Jahren in ihre Marzahner Wohnung eingezogen. Die Wohnungseinrichtung finanzierten sie über einen Kredit. Als ihr Freund vor zwei Jahren die Familie verließ, behielt Alexandra Densch die Sachen und blieb allein auf den Schulden sitzen. Die muss sie jetzt auch noch abstottern. „Wird schon klappen“, sagt sie. Was übrig ist, steckt sie in ihre Kinder, denn denen soll es an nichts fehlen. Und das ist auch gut so.

Kinder und Jugendliche aus der Armut führen

Aus Kindern ohne Geld werden in Berlin wie auch in ganz Deutschland zu oft Erwachsene ohne Chancen. Kinder aus armen Familien haben statistisch schlechtere Noten, schaffen seltener das Abitur und rutschen eher in Kriminalität oder die Drogenszene ab. Der Berliner Senat will diesen Kreislauf künftig stärker durchbrechen. Am Donnerstag hat eine neue Landeskommission zur Bekämpfung von Kinderarmut ihre Arbeit aufgenommen.

Sie soll Strategien entwickeln, um Kinder und Jugendliche aus der Armut zu führen. Das Problem drängt: In Berlin leben so viele Minderjährige von Sozialleistungen wie in keinem anderen Bundesland. Etwa jedes dritte Kind wächst mit wenig Geld auf. Zwar fiel die Kinderarmutsquote seit dem Jahr 2011 von 33,7 auf 32,2 Prozent. Doch das ist immer noch ein bundesweiter Spitzenwert. Man muss schon einzelne Städte, etwa Bremerhaven, Offenburg oder Halle betrachten, um noch höhere Zahlen zu finden.

„Ich habe überlegt, ob ich im Wohnzimmer schlafen soll“

Dabei gelten die Kinder von Alexandra Densch nach der offiziellen Statistik gar nicht als arm, denn die Mutter arbeitet und ist derzeit nicht auf Sozialtransfers angewiesen. In der Wohnung gibt es viel Spielzeug, an der Wohnzimmerwand sind Fotos der Familie angebracht. Im Flur ist noch Platz für ein Aquarium mit Wasserschildkröte und auf dem kleinen Balkon hat Häsin Pauline ihr Revier. „Bei uns sind selbst die Haustiere weiblich“, scherzt Alexandra Densch.