Kindergefägnis in der DDR: Hunger, Durst und keine Hoffnung in Bad Freienwalde

Bad Freienwalde - „Kindergefängnis! Wir werden es nie vergessen“, steht auf der Tafel, die Roland Herrmann am Freitagvormittag an dem Gebäude hinter dem Amtsgericht von Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) enthüllt.

Der 51-Jährige lächelt. Es ist ein Etappensieg, den Herrmann und seine Mitstreiter errungen haben. Gegen das Vergessen, gegen das Verleugnen jenes Heimes, das es bis 1987 hier gegeben hat. Ein Schritt in Richtung Rehabilitierung. In einigen Wochen soll hier ein Gedenkstein aufgestellt werden. Der Landrat will den Stein finanzieren.

„Das war kein Heim, das war ein Gefängnis“, sagt Herrmann. Er ist Vorsitzender des Vereins Kindergefängnis Bad Freienwalde, den es seit vier Jahren gibt.

In diesem Gebäude, in das demnächst die Polizei einziehen soll, seien Kinder und Jugendliche gebrochen worden. „Auch ich“, ergänzt Herrmann. Der Mann mit dem Cowboyhut, dem hageren Gesicht und den markanten Gesichtszügen wird still, atmet tief durch und erzählt seine Geschichte.

Monatelang hinter Gittern

Roland Herrmann stammt aus Fürstenwalde. Seine Eltern trennten sich. Mit dem Stiefvater, einem überzeugten SED-Mann, kam Herrmann als Jugendlicher nicht klar. Er schwänzte die Schule, als er 14 war.

Eines Tages wurde er abgeholt. „Ich dachte, ich komme in ein ganz normales Kinderheim“, erzählt er. Man brachte ihn nach Bad Freienwalde ins „Durchgangsheim der Jugendhilfe Frankfurt (Oder)“, wie es offiziell hieß.

Nach DDR-Recht hätten Kinder und Jugendliche nicht länger als 18 Tage festgehalten werden dürfen. Herrmann verbrachte ein halbes Jahr und neun Tage hinter vergitterten Fenster. Die meisten Insassen waren mehrere Monate dort.

„Mit dieser Prozedur wollte man die Jugendlichen erniedrigen“

Herrmann sagt, dass er seine Kleidung abgeben musste, dafür bekam er eine Anstaltskluft, abgetragene Sachen, die ihm nicht passten. „Damit wollte man wohl erreichen, dass die Insassen schnell erkannt werden, wenn sie abhauen“, erzählt er.

Es folgten drei Tage Einzelhaft. Er durfte den verriegelten Raum nicht verlassen, seine Notdurft musste er auf einem Metalleimer verrichten. Für Neuankömmlinge gab es dreimal am Tag versalzene Schmalzstullen.

„Mit dieser Prozedur wollte man die Jugendlichen erniedrigen“, sagt Brigitte Schreiber vom Vorstand des Vereins, die selbst nicht in dem Heim war, sich aber für die einstigen Insassen engagiert.

Rund Tausend Kinder in Bad Freienwalde

Brigitte Schreiber schätzt, dass von 1968 bis 1987 rund tausend Kinder in Bad Freienwalde eingesperrt waren. Das jüngste sei drei Jahre alt gewesen. Zweimal die Woche wurden die Kinder und Jugendlichen auf dem Dachboden unterrichtet. Als Schreiber 2012 erstmals mit einstigen Heimkindern ins Gebäude kam, fanden sie die Schultafel und eine Rolle Stacheldraht.

Roland Herrmann musste Lampenbuchsen zusammenbauen. Er sagt, wer nicht gespurt habe, sei geschlagen und in Einzelhaft geschickt worden. „Es gab Hunger, Durst und Hoffnungslosigkeit.“

Ein Jahr Jugendhaft

Herrmann gelang mit einem Mitinsassen die Flucht. Sie klauten ein Moped, dann stellten sie sich. Das Urteil: ein Jahr Jugendhaft. Er kam in den Jugendwerkhof, mit 18 wieder frei. „Ich habe versucht zu leben, bin aber in der DDR nicht wieder auf die Beine gekommen“, sagt er.

Er wurde Hilfsschlosser. Nach der Einheit erwarb er einen Schweißerpass und wurde Berufskraftfahrer. Heute ist Herrmann berufsunfähig. Der Vater eines Sohnes hat Alpträume, kann sich nach Angaben einer Bekannten nicht in geschlossenen Räumen aufhalten.

Rehabilitierung gefordert

Zweimal hat Roland Herrmann vergeblich versucht, vor Gericht rehabilitiert zu werden. „Das ist mit der Begründung abgelehnt worden, dass er nicht aus politischen Gründen weggesperrt wurde“, sagt Vorstandsmitglied Brigitte Schreiber. Nun wolle man im Bundestag für die Rehabilitierung aller Heimkinder aus Bad Freienwalde kämpfen.

Die Unterstützung wächst – auch aus der Politik. Die Landtagsabgeordneten Dieter Dombrowski (CDU), Jutta Lieske (SPD) und Clemens Rostock (Grüne) befürworten einen Gedenkstein für die ehemaligen Heiminsassen.

„Das Schlimmste für Menschen, die so etwas mit sich herumtragen, ist die Gleichgültigkeit“, sagt Dombrowski. „Hier wegzuschauen und zu leugnen, dass es dieses Heim gab, wäre der falsche Weg“, ergänzt Lieske. „Es muss eigentlich viel mehr passieren“, sagt Rostock. Diese Menschen müssten rehabilitiert werden.