Kindern und der Fahrradverkehr: Drei auf dem Gehweg

Berlin - Jetzt wird es eng. Auf dem Gehweg am Kottbusser Damm sind viele Fußgänger unterwegs, aber der achtjährige Frédéric prescht trotzdem auf seinem lila Jungenrad voraus. Er umkurvt einen älteren Mann, dann eine Frau mit Einkaufstüten. Seine vierjährige Schwester Marie strampelt auf ihrem kleinen Kinderrad langsam hinterher. Schon schieben sich Fußgänger zwischen die Kinder, dann kommen ihnen andere Radfahrer entgegen. „Vorsicht“, ruft Claudia Wiedemer, Frédéric und Maries Mutter. Auch sie fährt mit ihrem Rad auf dem Gehsteig und versucht, ihre Kinder im Blick zu behalten.

„Radfahren mit Kindern – das ist natürlich Stress“, sagt Claudia Wiedemer. Jedenfalls mitten in der Großstadt wie hier in Kreuzberg. „Dauernd muss man Entscheidungen treffen, alles im Blick haben und darauf achten, dass nichts passiert.“ Dennoch sind Claudia Wiedemer (38) und ihr Mann Stefan Düe (41) überzeugte Radfahrer. Egal, ob allein oder mit ihren Kindern: Sie legen fast alle Wege mit dem Rad zurück. Ein Auto können sich die beiden freiberuflichen Schauspieler nicht leisten. Sie würden auch keines wollen, sagt Claudia Wiedemer, schon der Umwelt zuliebe. Wenn es nicht anders geht, leihen sie sich bei einer Car-Sharing-Station ein Auto.

Die Familie wohnt am Kottbusser Damm. „Die meisten Distanzen sind ja ideal fürs Radfahren“, sagt die 38-Jährige. „Nur leider ist die Umgebung nicht ideal.“ Der Kottbusser Damm ist ein Unfallschwerpunkt in Berlin. Entlang der vielbefahrenen Straße gab es im vorigen Jahr 31 Unfälle mit Radfahrern.

Enge Gehwege, unübersichtliche Kreuzungen

Trotzdem steigen Claudia Wiedemer und ihre Familie jeden Tag aufs Rad. Los geht es schon morgens. Frédérics Schule liegt an der Wilmsstraße am Urbanhafen, Maries Kita in der entgegengesetzten Richtung an der Nansenstraße in Neukölln. Eine Fahrt mit der BVG wäre sehr umständlich, sagt Claudia Wiedemer. Etwa 40 Minuten dauert es, bis beide Kinder abgeliefert und die Eltern wieder zu Hause sind. Nachmittags müssen die Kinder abgeholt werden. Außerdem sind noch viele andere Wege mit dem Rad zu bewältigen, etwa zur Musikschule am Mariannenplatz. Bis voriges Jahr saß Marie im Kindersitz auf dem Elternrad oder im Anhänger.

Sobald die Familie vor das Haus tritt, ist sie mitten im Getümmel. Der Gehweg ist meist voller Menschen. Eigentlich müssten die Eltern auf der Straße und die Kinder auf dem Gehweg Rad fahren. So will es die Straßenverkehrsordnung. Claudia Wiedemer findet das „einfach Wahnsinn“. Um notfalls eingreifen zu können, fährt sie auch auf dem Gehweg. Sie hofft, dass die Polizei mal ein Auge zudrückt, und dass Fußgänger Verständnis haben. „Ich weiß, dass wir manchmal eine Zumutung für Fußgänger sind. Aber es geht leider nicht anders.“

Es gibt noch mehr Probleme. Manche Gehwege sind sehr eng. Einige Kreuzungen sind unübersichtlich, oft blockieren Lieferautos die Wege. Und natürlich verhalten sich ihre Kinder nicht immer perfekt – weil sie eben Kinder sind. Da kommt es schon mal vor, dass Frédéric einer Pfütze ausweichen will und auf die Straße fährt. Oder dass Marie beim Bergabfahren vergisst, auf die Bremse zu treten. Dann ruft ihre Mutter laut oder versucht, ihr Kind an der Jacke zu packen.

Immer mit Helm

Damit nichts passiert, hat Claudia Wiedemer ihren Kindern einige Regeln eingeschärft. „Wir bremsen an jeder Kreuzung“, ist eine davon. „Bei alten Menschen fahren wir vorsichtig vorbei“, ist eine andere. „Wenn man die umschubst, müssen die nämlich sofort ins Krankenhaus“, erklärt die vierjährige Marie.

Zu ihrem eigenen Schutz fahren alle Familienmitglieder mit Helm. Wie wichtig der Kopfschutz ist, hat Claudia Wiedemer im Winter 2011 erlebt. An einem Morgen zankten sich die Kinder. Erst wollten sie keine Mützen, dann keinen Helm aufsetzen. Die Zeit drängte. Genervt nahm Claudia Wiedemer ihre Tochter ohne Helm auf dem Kindersitz ihres Rades mit. An einer glatten Stelle rutschte ihr das Rad weg. Marie fiel mit ihm zu Boden und erlitt eine Gehirnerschütterung. Seitdem macht Claudia Wiedemer in Sachen Helm keine Ausnahmen mehr.

Die Mutter sagt, sie würde sich mehr Gelassenheit wünschen. Von den Fußgängern, die sie anblaffen, weil sie auf dem Gehweg fährt, oder den Autofahrern, die keine Rücksicht auf Radfahrer nehmen. Aber auch von sich: „Ich müsste viel öfter absteigen und das Rad schieben. Aber irgendwie ist man immer im Zeitdruck.“

Eigentlich fährt sie gerne Rad – sogar in Berlin. Es sei schön, sich mit den Kindern zu bewegen, sagt Claudia Wiedemer. „Kinder, die nur im Auto herumgekarrt werden, bekommen doch gar nicht mit, wie grün Berlin ist.“ Wenn sie mit Frédéric und Marie zur Schule und Kita radelt, genießen alle drei die Morgenstimmung am Landwehrkanal. Wenn die Wege frei sind, liefern sie sich Rennen, dann sind sie „Kanonenschnecke, Blitzschnecke oder die lahme Schnecke“. Besonders gerne fahren sie aufs Tempelhofer Feld, wo viel Platz und kein Autoverkehr ist. Hier hat Marie Radfahren gelernt. Nur eines findet Frédéric nicht gut. Sein Rad habe ja nur drei Gänge, erzählt der Achtjährige, das seiner Mutter dagegen 21. „So viele will ich auch.“