Die neuen Kindersitze bieten mehr Sicherheit und Komfort. 
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BerlinEines Tages sagte mein Vater: „Komm, Krümel, wir woll’n zum Opa fahren!“ Er holte das Fahrrad aus dem Keller, setzte mich in den Kindersitz, und wir sausten los: zum Bahnhof und weiter auf der Bahnhofstraße in Richtung Alt-Köpenick, wo mein Opa lebte. Doch wir kamen nie dort an. Was war passiert? 

An der Strecke hat es jedenfalls nicht gelegen. Sie ist von der Länge her ideal für eine kleine Radtour. Und das hat historische Ursachen. 1842 nämlich schloss man Köpenick an die Eisenbahnstrecke an, die nach Breslau führte. Da man keinen Knick hin zur Altstadtinsel machen konnte, lag der Bahnhof zwei Kilometer von der Stadt entfernt. Mit Fahrrädern konnte man die Strecke damals noch nicht befahren.

Denn es gab noch keine, nur Vorformen wie das „Velociped“ mit seinem riesigen Vorderrad. Vom Sattel aus erreichte man nicht einmal den Boden. Das kettenbetriebene Hinterrad wurde erst 1884 entwickelt. Vom Bahnhof zur Altstadt gelangte man mit Kutschen und Pferdeomnibussen. Sie wurden „Schinderkarren“ genannt, so rumpelte es. 1882 entstand eine Pferdebahnlinie.

Überraschendes Ereignis

Und als 1903 die erste elektrische Straßenbahn fuhr, war die Straße zum Bahnhof bereits dicht besiedelt. Auf dieser Bahnhofstraße nun fuhren viele Jahrzehnte später mein Papa und ich mit dem Fahrrad zu meinem Opa. Das heißt: Er strampelte und ich saß still. Es holperte gewaltig, denn die Straße bestand aus Kopfsteinpflaster. Einen Fahrradweg gab es nicht. Und der Kindersitz hatte so seine Eigenheiten.

Es war ein lederner Mini-Sattel, festgeschraubt an der Fahrradstange. Ich saß vor meinem Vater, die Hände in der Mitte des Lenkers. Meine Sandalen-Füßchen standen auf ausgeklappten Fußpedalen, angebracht an der Gabel des Vorderrads. Eigentlich konnte nichts passieren. Alle Leute fuhren so. Plötzlich jedoch kam das Fahrrad auf dem Holperpflaster ins Schlittern. Es kippte weg. Ich rutschte vom Sitz und geriet mit dem Fuß in die Speichen – schrrr!

Ich merkte, wie mein Vater mich hochhob, das Rad liegenließ und mit mir zum Kinderarzt rannte. Die Fahrt zu meinem Opa war damit schlagartig beendet. Was soll man sagen: Der Strumpf wurde entfernt, ein paar Hautfetzen am Knöchel weggeschnitten. Ein Verband kam um den Fuß. Nichts war gequetscht oder gebrochen. Ich vergaß auch völlig das Heulen, so sehr hatte mich das Ereignis überrascht.

Neue Straßen verhindern manches

Mein Vater aber machte sich große Vorwürfe. Ihm saß der Schreck in den Gliedern. Ich kann es nachfühlen mit meinen heutigen Vatererfahrungen. Auf diesen zwei Kilometern vom Bahnhof zur Altstadt hat es in den vergangenen Jahrzehnten bemerkenswerte Veränderungen gegeben: Die Straße wurde asphaltiert, das Huckelpflaster ist weg.

Es gibt rote Turbo-Fahrradwege. Und im Konfliktfall sausen die Radfahrer einfach auf dem Gehweg dahin. Außerdem hat die unermüdliche Industrie modernste Kindersitze entwickelt: Schalensitze für hinten und vorn, von allen Seiten geschützt. Manche ähneln den Sitzen für Testpiloten. Es fehlt nur noch die Rakete zum Wegschießen bei Gefahr. Das Kind saust durch die Luft und schwebt irgendwo mit dem Fallschirm nieder. Auf einer fernen schönen Blumenwiese, in Sicherheit. Die Propellereltern fliegen hinterher und sammeln es auf.

Weihnachtstipp: Torsten Harmsen: Der Mond ist ein Berliner. Wunderliches aus dem Hauptstadt-Kaff, be.bra Verlag, Berlin 2019. 224 S., 14 Euro.