Symbolbild
Foto: imago images/Roland Mühlanger

BerlinSexueller Kindesmissbrauch findet in allen sozialen Schichten statt, in allen gesellschaftlichen Bereichen. Auch im Sport, wie der aktuelle Fall in einem Berliner Judoverein zeigt. Welche Möglichkeiten gibt es, die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren? Und welche Hindernisse gibt es für Betroffene, die Hilfe und Unterstützung suchen? Darüber sprachen wir mit Sabine Andresen, der Vorsitzenden der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Frau Andresen, worin besteht die Aufgabe Ihrer Kommission?

Die Kommission ist eingerichtet worden, weil die gesamte Gesellschaft verstehen muss, wie viele Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt erlebt haben, was Missbrauch für sie bedeutet, welche Erfahrungen sie mit den Tätern, aber auch mit dem sozialen Umfeld gemacht haben und wie sehr dadurch ihr Leben geprägt wird. Häufig berichten uns Betroffene, dass sie gesprochen haben, dass ihn aber nicht geholfen wurde. Aufarbeitung zielt darauf, dass die Folgen sexuellen Missbrauchs, das Leid anerkannt werden und die Gesellschaft für dieses Thema und seine Tragweite sensibilisiert wird.

Sabine Andresen

53, ist Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität Frankfurt/Main und Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Seit 2016 untersucht  das siebenköpfige Gremium Missbrauch in Institutionen, familiären und sozialen Kontexten und in der DDR. Mehr als 2 000 Betroffene haben sich bislang an die Kommission gewandt. Im Mai startete der Aufruf, der sich gezielt an Betroffene aus dem Sportbereich richtet.

Im April haben Sie einen Bilanzbericht veröffentlicht und darin erste Empfehlungen zur Aufarbeitung gegeben. Welche?

Wir müssen verstehen, was in einem Heim, einer Schule oder eben in einem Sportverein dazu geführt hat, dass Täter es vergleichsweise leicht hatten, sich Kindern zu nähern, Grenzen zu überschreiten,   Täterstrategien einzusetzen und schließlich gewalttätig zu werden. Wir müssen auch verstehen, warum das Kind keine Anlaufstelle hatte. Für uns ist dieses Verstehen ein zentraler Schlüssel zur Prävention und Intervention. Dabei ist es uns wichtig, dass die Betroffenen, die uns schriftlich berichten oder denen wir vertrauliche Anhörungen anbieten, einbezogen werden.

Es gibt keine breite gesellschaftliche Debatte über besseren Kinderschutz. Was wünschen sich Betroffene von sexualisierter Gewalt?

Betroffene wünschen sich, dass  sie ernst genommen werden, dass sexueller Kindesmissbrauch nicht bagatellisiert wird nach dem Motto: Das ist doch nicht so schlimm. Betroffene wünschen sich auch, dass die Gesellschaft zu einer Sprache findet, damit sie sich trauen darüber zu sprechen, was geschehen ist. Und sie wünschen sich, dass diejenigen, mit denen sie sprechen, etwa eine Trainerin im Sportverein oder ein Lehrer, dass die auch in der Lage sind zu helfen oder wenigstens wissen, an wen sie sich wenden müssen. Ein anderer Wunsch zielt darauf, dass sich an der Versorgung etwas ändert. Ab einem gewissen Alter sind viele Betroffene nicht mehr erwerbstätig, tragen hohe Therapiekosten, sie mussten teils unwürdige Prozeduren der Begutachtung über sich ergehen lassen und haben in nur sehr wenigen Fällen eine Opferentschädigung erhalten.

Im Mai haben Sie einen Aufruf gestartet, der sich gezielt an Betroffene aus dem Sportbereich richtet. Wie groß ist dort die Überwindung, über sexualisierte Gewalt zu sprechen?

Auf Basis von Studien, Medienberichten und Meldungen bei der Kommission wissen wir, dass es Betroffene gibt. Wir hatten aber den Eindruck, dass es  eher eine Zurückhaltung gab, eine hohe Hemmschwelle über die sexualisierte Gewalt zu sprechen. Diese und andere spezifische Strukturmerkmale wollten wir mit dem Schwerpunkt Sport in den Blick nehmen.

Der Sport betont gern das Familiäre, und Menschen halten gern am Ideal einer heilen Familie fest, auch wenn es bereits Hinweise für Gewalt gibt.

Man kann tatsächlich diese Parallele ziehen. Gerade der Breitensport ist eine Art erweiterte Familie, wenn viele Familienmitglieder in das Vereinsleben involviert sind. Beim Spitzensport kann große Leidenschaft für den Sport zu Abhängigkeiten zu den Trainern führen oder zu einem Erpressungspotenzial. Man muss wissen, dass die Täter insgesamt eine große Macht haben und auch Möglichkeiten, ihre Taten zu vertuschen. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass der Schutz einer Institution oder eines Vereins oft höher gewichtet wird als der Schutz des Kindes oder dass – wie in der Katholische Kirche – es zu einer Versetzungspraxis kommt.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Aufmerksamkeit in den Vereinen zu schärfen?

Wir sehen, dass immer mehr Fälle an die Öffentlichkeit kommen. Eine Hoffnung ist, dass Eltern in Zukunft so sensibilisiert sind, dass sie bei den Vereinsvorständen ein Schutzkonzept einfordern oder einen Handlungsplan, der bekannt ist, wenn ein Verdachtsfall auftritt, und dass Betroffene sich dann an eine Ombudsperson wenden können.

In Berlin haben sich 72 Verbände und 217 Vereine dazu verpflichtet, Kinderschutz „zu einer wichtigen Aufgabe unserer Arbeit im Sport zu machen“. Wie werden diese Verpflichtungen umgesetzt?

Das ist die große Frage. Ein Konzept, das nur auf dem Papier steht und nicht gelebt wird, wird im Zweifel wenig bewirken.

Bei aktuellen Missbrauchsfällen im Berliner Sport werden Opfer gebeten, sich beim LKA zu melden. Wie gut sind Mitarbeiter von Behörden vorbereitet auf den Umgang mit traumatisierten Menschen?

Eine Qualifizierung ist ganz wesentlich, gerade in der Justiz. Ein Punkt, der uns sehr umtreibt, ist die Verhörsituation von Kindern. Wichtig ist, dass sie nicht erneut eine Traumatisierung erleben, eine Aussage nur einmal machen müssen, die dann trotzdem gerichtsfest ist. Es darf nicht vom Zufall abhängen, ob ein Kind auf eine geschulte und sensible Person trifft. Die Verantwortung für den Schutz von Kindern liegt bei allen Erwachsenen.

Infotelefon Aufarbeitung: 0800 403 00 40 (anonym und kostenfrei)