Berlin - Der Künstler beschreibt sein Werk am besten selbst: „Etwa vier Meter über dem Boden hängt ein Flugzeug mit der Nase nach unten. Ein Sportflugzeug. Dann hat es an den Wänden starke Ventilatoren, die das Flugzeug in Bewegung versetzen, denn es hängt an einem Gelenk, das sich sehr leicht drehen lässt. Der Wind soll dieses Flugzeug also in Bewegung versetzen, so, als ob es in einem Sturzflug drehend nach unten stürzen würde.“

Am Freitagmorgen steht der Schweizer Bildhauer und Konzeptkünstler Roman Signer in bescheidener Haltung im Kesselhaus der Kindl-Brauerei in Neukölln und erklärt mit leiser Stimme sein Kunstwerk „Kitfox Experimental“. Er habe sich das Kesselhaus damals angeschaut und sich überlegt, darin ein Flugzeug aufzuhängen. Erst später habe er erfahren, dass sich nicht weit davon entfernt der Flughafen Tempelhof befinde. Das gelb-rote Flugzeug habe er von einem Flugzeugbauer im Kanton Luzern gekauft, sei aber selbst noch nicht damit geflogen. „Was für ein geiles Ding“, habe der Zöllner gesagt, als Signer das Flugzeug über die Grenze nach Deutschland transportierte.

Der 76-Jährige hat sein Werk eigens für diese fast 20 Meter hohe Industriehalle erschaffen, neun Monate ist es anzuschauen, dann wird aus der 200 Kilogramm schweren Skulptur (ohne Motor) wieder ein gewöhnliches Leichtbauflugzeug (mit Motor). Mit Signers Installation eröffnet an diesem Wochenende ein neuer und ungewöhnlicher Ausstellungsort in Berlin – das Zentrum für zeitgenössische Kunst auf dem Gelände der Kindl-Brauerei. Das Schweizer Sammlerpaar Burkhard Varnholt und Salome Grisard erwarb vor vier Jahren eines Teil des historischen und denkmalgeschützten Industrieareals, damit dort Zeitgenössisches gezeigt werden soll. „Ortsspezifische Interventionen“ nennen sie es. Ihr Konzept sieht vor, dass im riesigen original erhaltenen Kesselhaus einmal im Jahr ein internationaler Künstler oder eine Künstlerin ein Werk ausstellen wird.

Ein Café im Sudhaus

Im kommenden Sommer soll dann auch das auch ehemalige Maschinenhaus der Kindl-Brauerei soweit hergerichtet sein, dass in der ungewöhnlichen Kunsthalle, die über drei Etagen reicht, thematische Ausstellungen internationaler Gegenwartskunst gezeigt werden kann. Eröffnet wird das Maschinenhaus dann mit der Gruppenausstellung „How Long Is Now?“ (es geht um das Thema „Zeitgenossenschaft“) und einer Werkschau mit zum großen Teil noch nie gezeigten Arbeiten des Berliner Künstlers Eberhard Havekost.

Im 38 Meter hohen Turm, dem Wahrzeichen der Kindl-Brauerei, werden Büros und ein Fotolabor eingerichtet, ein Künstlerkollektiv zieht ein. Im Sudhaus stehen noch die sechs riesigen Kupferkessel der Bierbrauer, die alten Schalttafeln und Hebel sind ebenso erhalten, weil das Sudhaus unter Denkmalschutz stehen. Darin soll nächstes Jahr ein Café eröffnen und auf dem Vorplatz ein Biergarten unter Platanen.

Sechs Millionen Euro kostet der privat finanzierte Umbau der alten Industriehallen zum Ausstellungs- und Kunstort, an eine Refinanzierung durch hohe Eintrittspreise oder teure Vermietungen, denken die Eigentümer nicht. Burkhard Varnholt zitiert, darauf angesprochen, den Dramatiker George Bernard Shaw: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“ Die jetzige Ausstellung kostet keinen Eintritt, bei künftigen wird man wohl nicht mehr als fünf Euro verlangen. So großzügig sind wohl nur Mäzene, keine Investoren.

Ärger mit dem Nachbarn

Und so reagiert der künstlerische Leiter des Kunstzentrums, der Schweizer Kunstkritiker Andreas Fiedler, am Freitagmorgen dann auch überraschend gereizt auf eine Aktion seiner Nachbarn. Das Berliner Immobilienunternehmen Ziegert baut neben dem Kunstzentrum einen Wohnkomplex mit 119 Wohnungen. In seinem aktuellen Newsletter wirbt Ziegert unter dem Titel „Zeitgenössische Kunst zum Abheben“ für die neue Ausstellung von Roman Signer und verweist auf die Ausstellungseröffnung am Sonnabendabend. Nun laden gewöhnlich die Aussteller ihre Gäste zu Vernissagen ein, nicht die Nachbarn.

Kurator Fiedler wird nun gefragt, was er denn mit dem Immobilienunternehmer Ziegert zu tun habe, ob dieser womöglich die Vernissage am Sonnabend finanziell unterstütze. „Wir haben mit Immobilienunternehmen in der Umgebung nichts zu tun“, stellt Fiedler klar. „Wir feiern am Sonnabend hier unserer Vernissage. Aber für einen Immobilienstand ist da kein Platz.“

Kindl–Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3, Neukölln. Die Ausstellung von Roman Signer im Kesselhaus dauert bis zum 28. Juni 2015, Öffnungszeiten: Do/Fr 14–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr, Eintritt frei

www.kindl-berlin.de