Vor mehr als 27 Jahren starb die zehnjährige Stephanie Drews aus dem thüringischen Weimar. Das Mädchen war sexuell missbraucht und lebend von der Teufelstalbrücke 48 Meter in die Tiefe gestoßen worden. Am Freitag wurde Stephanies Mörder, der 66-jährige Lkw-Fahrer Hans-Joachim G. aus Berlin, vom Landgericht Gera zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Eine besondere Schwere der Schuld stellte das Gericht nicht fest. Die Tat sei nicht geplant gewesen, argumentierten die Richter.

Mit seinem Urteil folgte die Schwurgerichtskammer um den Vorsitzenden Richter Uwe Tonndorf dem Antrag der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage. „Die Verteidigung des Angeklagten hatte einen Freispruch gefordert“, sagte Gerichtssprecherin Silke Hollandmoritz der Berliner Zeitung. Alle zur Last gelegten Taten – außer Mord – seien verjährt gewesen. Und einen Mord habe man Hans-Joachim G. nicht nachweisen können, hatte die Verteidigung argumentiert.

Er stieß Stephanie von der Brücke

Stephanie Drews war ihrem Mörder am 24. August 1991 begegnet. Das Kind spielte an jenem Sonnabend in den Sommerferien nach dem Mittagessen mit seinen beiden jüngeren Geschwistern und einer Freundin im Goethepark in Weimar. Dabei wurde sie von dem Angeklagten beobachtet und unter dem Vorwand, sie möge ihm für 50 Mark den Weg zum Schloss Belvedere zeigen, ins Auto gelockt.

Laut Gericht wurde Stephanie missbraucht und fing dann im Auto des Angeklagten an zu weinen. Hans-Joachim G. fühlte sich dadurch genervt und wollte das Kind loswerden. Deswegen verabreichte er Stephanie die Beruhigungstabletten Diazepam und Diphenhydramin, wie es im Urteil heißt. Weil er davon ausging, dass die Tabletten tödlich wirken würden, stieß er das Kind von der Brücke.

Bis 2013 im Maßregelvollzug

Dass der Mord an Stephanie doch noch gesühnt werden konnte, ist der Arbeit der Sonderkommission Altfälle der thüringischen Landespolizei zu verdanken, die im November 2016 gegründet worden war. Die Ermittler hatten noch einmal alle Ermittlungsakten dreier ungelöster Kindesmorde aus der Region akribisch durchforstet. Letztlich stand im Fall Stephanie Drews der Name des mehrfach wegen Kindesmissbrauchs vorbestraften Hans-Joachim G. ganz oben auf der Liste.

Der Lkw-Fahrer war bereits 1987 wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden. 1994 hatte er erneut mehrfach Kinder angesprochen, sie in sein Auto gelockt, sie missbraucht und später zurückgebracht. Für diese Taten war er 1996 vom Landgericht Gera zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Nach der Verbüßung der Freiheitsstrafe kam G. in den Maßregelvollzug, aus dem er 2013 entlassen wurde. Zudem stammte er aus Weimar und war erst kurz nach der Wiedervereinigung nach Berlin gezogen.

Angeklage widerrief das Geständnis

Ende Februar fuhren die Thüringer Ermittler nach Berlin. Eineinhalb Wochen observierten sie den Tatverdächtigen, der in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Reinickendorf lebte und noch immer als Lkw-Fahrer in ganz Deutschland unterwegs war.

Am 4. März dieses Jahres rückte das SEK aus Jena an. Hans-Joachim G. wurde festgenommen. Bei seiner Vernehmung durch die Polizei gab er zu, die Schülerin von der Brücke gestoßen zu haben. Im Prozess widerrief er dieses Geständnis. Er habe die Angaben unter starken Schmerzen abgegeben, behauptete er. Der Angeklagte gab lediglich zu, sich an Stephanie vergangen und ihr Beruhigungstabletten gegeben zu haben.

Dann aber, so erzählte er vor Gericht, habe er das Mädchen lediglich auf der Teufelstalbrücke abgesetzt. Als er noch einmal vorbeischaute, sei Stephanie verschwunden gewesen – offenbar selbst in den Tod gestürzt.

Drei Jahre und drei Monate bereits verbüßt

Diese Angaben wurden jedoch von Gutachtern widerlegt. Die Leiche des Kindes war acht Meter von der Brücke entfernt gefunden worden, was eindeutig dafür spreche, dass Stephanie nicht gefallen, sondern kräftig gestoßen worden sei.

Nach Angaben der Gerichtssprecherin kann Hans-Joachim G. nicht erst nach 15 Jahren Haft einen Antrag auf vorzeitige Entlassung aus dem Strafvollzug stellen, sondern bereits 39 Monate zuvor. Drei Jahre und drei Monate gelten bereits als verbüßt. Der Angeklagte war nach der Ermordung Stephanies wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Damals wäre – so der Mord mitverhandelt worden wäre – eine Gesamtfreiheitsstrafe gebildet worden.