Manche Architekturerlebnisse sind unvergesslich. Etwa, wie sich der glitzernde Vorhang im Kino International satt zur Seite schiebt, das Licht unter der hellen, mit Streifen betonten Wellendecke verdimmt, letzte Schatten in die schmalen Stäbe der holzverkleideten Wände wirft und endlich Lawrence of Arabia grenzenlos über die breite Leinwand durch die Wüste reitet.

Nur der Zoo-Palast am Breitscheidplatz bietet in Berlin Vergleichbares. Kaum verwunderlich, war doch dies 1956 nach Plänen von Schwebes-Schoszberger-Fritsche für die West-Berliner Filmfestspiele gebaute Kino der Maßstab, an dem sich Josef Kaiser und Heinz Aust mit ihrem Kino orientierten. Ulbrichts Hauptstadt der DDR sollte Glamour entfalten können. So, wie ihn Zeitschriften und Filme aus Italien, Schweden und Frankreich, den USA und der Bundesrepublik präsentierten. Nicht zuletzt spornte die Konkurrenz mit Polen an. Dort begann nämlich genau in diesen Jahren der Wiederaufbau Warschaus im International Style, der der DDR, die seit dem Mauerbau 1961 auch unter der künstlerischen Selbstisolierung litt, zeigte, dass auch Sozialismus elegant sein kann.

Es ging aber auch um eine kulturelle Neubewertung des Kinos. Aus dem Volksvergnügen sollte Hoch-Kultur, aus dem Haus ein Monument der neuen sozialistischen Gesellschaft werden. Also kamen im Sockelgeschoss eine Bibliothek unter, außerdem ein gerade von Parteigremien gerne genutzter, repräsentativer Versammlungsraum. Außen zeigte sich der neue Anspruch in den Wandreliefs von Waldemar Grzimek, Hubert Schiefelbein und Karl-Heinz Schamal, in der kraftvollen, frei aufgestellten Architekturform und der breit gelagerten Foyerbar: Alles Elemente, die traditionell Theaterbauten vorbehalten waren. Ihnen entspricht auch, dass die auf den ersten Blick so modernistische Glasfassade beim zweiten mit schlanken goldenen Fensterrahmen und ihrer Gliederung in sehr schmale und ziemlich breite Abschnitte ganz klassisch die Verhältnisse einer Säulenfassade spiegelt.

Vor allem aber ist das International Teil einer städtebaulichen Komposition gewesen, die ohne Weiteres dem „Weltmaßstab“ standhalten kann. Das Café Moskau mit seinen Mosaiken, die Mokka-Milch-Eisbar, die Pavillons des einstigen „Blumenhaus Interflor“ und des „Modesalon Madeleine“ sind Musterbeispiele einer luftigen, leichten, im Westen würde man auch sagen: demokratischen Moderne. Diese Bauten zeigen uns also auch, wie gekonnt gute Architektur lügen kann.