Berlin - Mit „Vom Winde verweht“ hat sich die „Kurbel“ einigen Ruhm verschafft - der Klassiker aus dem Jahre 1939 lief in dem Kino in der Giesebrechtstraße in Charlottenburg von 1954 bis 1956 immerhin 28 Monate am Stück. Und mit dem US-amerikanischen Vier-Stunden-Epos soll die Kinogeschichte der Kurbel auch ihr Ende nehmen. Am 21. Dezember wird das Meisterwerk von Regisseur Victor Fleming dort zum letzten Mal zu sehen sein. Dann ist Feierabend, und Kinobetreiber Tom Zielinski wird sich ans Verkaufen machen. Zur Disposition stehen die fast 600 Kinostühle und natürlich auch die gesamte Technik des Drei-Säle-Filmtheaters.

Für Kinochef Zielinski ist das natürlich ein herber Schlag: „Wir hatten hier von Arthouse bis zu den großen Blockbustern so ziemlich alles im Programm.“ Aber für den Hausbesitzer waren die Renditen wohl doch zu mager, er wollte mehr Miete. Das sagt Zielinski nicht so deutlich. Aber der Hausbesitzer habe ihm deutlich gemacht, dass es in der Giesebrechtstraße definitiv kein Kino mehr geben wird. Stattdessen soll es nach der Grundsanierung des Hauses Geschäfte geben. „Das Kino wird zurückgebaut“, sagt der Kurbel-Chef vorsichtig. Dass sich sein Kino jetzt vom Markt verabschieden muss, hat für Zielinski aber auch andere Gründe: „Berlin ist überkinoisiert.“ Multiplexe und große Ketten graben den Kleinen das Wasser ab.

Ablesen mag man das derzeit rund um den ansonsten so boomenden Kurfürstendamm. Die Filmbühne Wien, die Lupe, das Marmorhaus, der Royal Palast, das Broadway und andere Traditionshäuser haben in den vergangenen Jahren schlapp gemacht. Dabei gibt es in der Gegend um die alte West-Berliner Einkaufsmeile gar keine Großkinos. Von „Überkinoisierung“ also nicht wirklich eine Spur.

Hoffen auf Synergieeffekte

Wohl auch deshalb hat sich Regina Ziegler zusammen mit ihrer Tochter Tanja Ende vorigen Jahres entschieden, das zum Kauf stehende „Filmkunst 66“ in der Bleibtreustraße zu übernehmen. Nur ein paar Straßen weiter. Die beiden Frauen sind bislang zufrieden. „Unsere Filme sind gut besucht“, sagt Mutter Ziegler.

Dass sich das Geschäft für die beiden Filmproduzentinnen rechnet, liegt aber vor allem am moderaten Mietvertrag. „Wir haben mit der Eigentümergruppe einen vernünftigen Vertrag ausgehandelt“, sagt Regina Ziegler. Zu hohe Forderungen würden viele Kinos kaputt machen. Weil aber Mutter und Tochter an das Geschäft mit den Kiezkinos glauben, sind sie durchaus an Zukäufen interessiert. „Wenn die Kurbel zur Disposition gestanden hätte, hätten wir uns das überlegt“, sagt Regina Ziegler. Aber so...

Dass man sich mit einem kleineren Kino sehr wohl neben den ganz großen Ketten etablieren kann, hat übrigens auch Hans-Joachim Flebbe bewiesen. Der frühere Vorstand der Cinemaxx-Kette, die in den vergangenen Jahrzehnten das ganze Land mit Großkinos überzogen hat, machte nach seinem Ausscheiden aus dem Konzern einen radikalen Bruch. Flebbe erwarb den traditionsreichen Film-Palast Berlin am Kudamm Ecke Joachimstaler Straße, schaffte verstellbare Ledersitze und Fußhocker heran, nannte das Kino Astor Film Lounge, und feiert seitdem Erfolge. Seine Preise sind zwar höher als anderswo, dennoch ist das Haus stets gut gefüllt. Filmemacher lassen ihre Schauspieler bei Premieren dort gerne über den roten Teppich laufen.

Gegen das Kinosterben in West-Berlin haben sich auch Karlheinz Opitz, Peter Latta und Martin Erlenmaier gewehrt. Das Trio eröffnet an diesem Sonntag das Studio am Bundesplatz in Wilmersdorf wieder, in dem 1919 der Betrieb aufgenommen wurde. Der 44-jährige Opitz betreibt seit 2006 auch die Eva Lichtspiele in der nahegelegenen Blissestraße. Zusammen mit dem Studio Bundesplatz hofft er auf einen Synergieeffekt. Denn wer zwei, statt nur ein Kino betreibt, hat bei den Verleihern bessere Chancen, schneller an ganz neue Filme heranzukommen, sagt er. An den Mieten ändert das aber auch nichts.