Einst war in dem gelben  Eckhaus an der Neuköllner Weserstraße/Wildenbruchstraße  ein Bordell untergebracht. Jetzt residiert in dem Altbau ein Kiezkino, das „Wolf Filmgehege“.    Draußen, oberhalb der Fenster neben dem Eingang, sind Holzschnitte eines Rudels von Wölfen zu sehen. Drinnen dominiert kühles, aber nicht ungemütliches Grau in einem großzügigen Barbereich mit etwa zwölf  Tischen. Eine  Espressomaschine rattert vor sich hin, letzte Vorbereitungen werden getroffen – für eine doppelte Premiere am heutigen Dienstag.

Das kleine Kino wurde in diesem Jahr als Berlinale Kiezkino ausgewählt, und auch das Kino selbst feiert  mit den Festivalfilmen „Tiger Girl“ von Jakob Lass und „My Happy Family“ des Duos Nana und Simon an diesem Tag seine Eröffnung.

Fernab von Blitzlichtgewitter und roten Teppichen bringt das Filmfestival im Rahmen von „Berlinale goes Kiez“ den Glamour auch in die kleinen Berliner Nachbarschaften. An jedem Abend besucht die Berlinale ein anderes Programmkino und zeigt dort zwei Filme. Am Dienstag nun ist das  „Wolf Filmgehege“ in der Weserstraße in Neukölln an der Reihe.

Gemütlich gehört zum Programm 

Drinnen geben zwei mit schwarzem Stoff bezogene Türen mit der Aufschrift „Saal 1“ und „Saal 2“ die ersten Hinweise auf den Vorführbetrieb. In den Sälen selbst geht es klassisch-schummrig zu. Die Sitze  sind mit rotem Samt bezogen. Gemütlich eben, und das soll auch so sein in diesem kleinen Kiezkino. Dort soll Anspruchsvolles gezeigt werden, Filme, die auf Festivals laufen, aber auch mal ein guter Hollywoodfilm oder eine Billigproduktion.

Für die 39-jährige Kino-Chefin Verena von Stackelberg war es alles andere als einfach, ihr  kleines Kino hochzuziehen. Wie finanziert man heute ein Programmkino? Man sucht sich Unterstützer: „Ich habe Leute, die auch Kino machen oder Kino lieben, davon überzeugt, sich hier zu beteiligen“, sagt von Stackelberg. Das Kino ist ein Gemeinschaftsprojekt von Freunden, Filmliebhabern und Filmprofis, aber auch von Unterstützern aus dem Internet, die Zeit und Geld investiert haben. Mittels einer Crowdfunding-Kampagne wurde im Internet Geld gesammelt. So kamen über 50.000 Euro zusammen, die Räume konnten gekauft und in den vergangenen eineinhalb Jahren umgebaut werden.

Dieser Gemeinschaftscharakter soll sich auch im Namen des Kinos widerspiegeln. Der Wolf ist  für Verena von Stackelberg vor allem ein soziales Rudeltier mit Geschichte, vielfach mystifiziert in Folklore und Popkultur. „Ich wollte immer ein Kino, das lebendig ist, wo es Austausch gibt mit Leuten vor und auch hinter dem Vorhang“, erklärt sie. So hätte man sich auch bewusst für diese Gegend  entschieden, die mit ihren Cafés und Läden typischen Neuköllner Kiezcharakter hat. Auch ein persönliches Motiv spielte bei der Namensgebung eine Rolle: Verena von Stackelbergs Lieblingsfilm ist Juri Norsteins „Das ewige Märchen“, in dem ein kleiner Wolf durch die Kindheitserinnerungen des sowjetischen Regisseurs geistert.

Die Filmenthusiastin arbeitete als Produzentin bei Filmprojekten mit und war bereits Mitglied eines Berlinale-Gremiums, das über die Filmauswahl entscheidet, bevor sie selbst ein Kino eröffnete.

Raum für Produktionen

Das Kino Wolf soll nicht nur ein weiteres Programmkino mit angeschlossener Bar sein: Neben den zwei Kinosälen und der Bar gibt es dort das Studio 6. Ein großes multifunktionales Studio, das durch Kunst- und Videoinstallationen, aber auch durch Lesungen oder Aufführungen dem Publikum einen interaktiveren Zugang zum Medium Film ermöglichen soll. In einem zugehörigen Produktionsraum wird an Filmen gearbeitet, er kann von Filmschaffenden angemietet werden oder das Team des Wolf-Kino tritt selbst als Produzent auf.

Verena von Stackelberg sagt, ein Kino muss heute mehr können, als nur Filme zeigen. „Ich glaube, dass das Kino als Ort im digitalen Zeitalter eine andere Bedeutung bekommen hat. Man kann online alles sehen, was man will, aber man braucht trotzdem Orte, wo man sich kennenlernen und darüber austauschen kann“, sagt sie. Somit sei das Kino heute ein Ort, wo man sich – anders als zu Hause mit dem Handy in der Hand – ganz auf das Medium Film konzentrieren könne. Und genau das wollten sie und ihre Mitstreiter hier umsetzen.