Berlin - Er reist extra aus Bayern nach Berlin, um ins Kino zu gehen. Günter Wetzel (63) wird sich Donnerstagabend in den Zoo-Palast setzen. Dort läuft die Berlin-Premiere von „Ballon“ – dem neuen Film von Michael Herbig (50). Wetzel weiß bereits, dass die Zuschauer keinen Klamaukstreifen wie „Der Schuh des Manitu“ zu sehen bekommen, wie man sie sonst von „Bully“ kennt.

Spaßmacher Herbig hat mit „Ballon“ erstmals einen ernsten Film gedreht. Es geht um zwei DDR-Familien, die vor 39 Jahren mit ihren Kindern in einem selbst gebauten Heißluftballon in den Westen flüchten wollen. Zwei Anläufe scheitern, der dritte muss klappen. Die Stasi ist den Familien schon dicht auf den Fersen ist. So zeigt es der Film (Kinostart: 27. September), dessen Ausgang Wetzel bestens kennt. Denn die Handlung ist ein Teil seines Lebens. „Meine Frau, meine zwei Söhne und ich saßen damals in dem Ballon“, sagt er.

Gemeinsam planen sie die Flucht

Die spektakulärste Flucht aus der DDR: Sie beginnt 1978 in Pößneck (Thüringen). Dort lebt Wetzel mit seiner Familie. Er ist Maurer. Einer der Gründe für ihn, die DDR zu verlassen. „Ich hätte gerne Physik studiert. Das wurde mir aber untersagt, weil ich nicht in die SED eintreten wollte“, sagt Wetzel.

Auch die mit den Wetzels befreundete Familie Strelzyk, die ebenfalls zwei Söhne hat, will raus aus der DDR. Gemeinsam plant man die Flucht von insgesamt acht Menschen über die nahe Grenze nach Bayern.

Ein Heft über Ballonfahrer, das Wetzels Schwägerin im März 1978 aus dem Westen mitbringt, befeuert den Plan. „In einer Ledertaschenfabrik besorgen wir uns Futterstoff, den wir angeblich für den Bau von Zelten brauchten und aus dem wir wochenlang den ersten Ballon nähten“, sagt Wetzel. Doch das Vorhaben scheitert. „Der Stoff war nicht dicht genug, der Ballon ließ sich mit Gas nicht füllen. Wir vernichteten ihn, der Fluchtversuch blieb unentdeckt.“

„Wir mussten abbrechen“

Im Sommer 1979 folgt der zweite Versuch. Günter Wetzel und Peter Strelzyk besorgen sich in einem Kaufhaus in Leipzig 1200 Quadratmeter Taftstoff. Um nicht aufzufallen, gaben sich die Männer als Mitglieder eines Segelvereins aus. Den Stoff benötige man zur Reparatur von Segeln, erzählten sie. Zwei Wochen saßen dann die Männer mit ihren Frauen, um an Nähmaschinen den Ballon herzustellen. Im Keller wurde heimlich die Gondel zusammengeschweißt, in einem abgelegenen Waldstück am Brenner experimentiert.

Am 4. Juli 1979 soll die Flucht nachts stattfinden. Alles ist in dem grenznahen Wald vorbereitet. Aber die Kraft des Brenners reicht nicht aus, damit der Ballon mit den acht Flüchtenden an Höhe gewinnt. „Wir mussten abbrechen“, sagt Wetzel. „Dazu kam, dass der Ballon kaputt ging. Aus Angst, dass Grenzsoldaten möglicherweise die Brenner-Flammen gesehen hatten, beschlossen wir, schnell zu verschwinden und ließen die Ballonteile im Wald zurück.“

Freiheit oder Gefängnis

Die Wetzels und Strelzyks wagen den dritten Versuch. „Freiheit oder Gefängnis: Uns war klar, dass uns bald die Stasi finden wird. Wir hatten nicht einmal mehr die Zeit, davor Angst zu haben. Alles musste nun ganz schnell gehen“, sagt Wetzel. Um nicht aufzufallen, reist man nun quer durch die DDR, um in kleinen Mengen Stoff zu kaufen. In fünf Wochen nähen sie den 28 Meter hohen und 20 Meter breiten Ballon, besorgen sich Gasflaschen, bauen eine neue Gondel.

Am 16. September 1979 starten die Familien im Grenzgebiet bei Oberlemnitz in Thüringen. Doch die Flucht beginnt mit einer Katastrophe: Der Ballon fängt Feuer. Peter Strelzyk schafft es, die Flammen zu löschen. Der Ballon steigt auf 2500 Meter, als plötzlich Scheinwerfer der Grenzer aufblitzen. „Wir hatten Glück, dass der Wind günstig stand, unseren Ballon 28 Minuten durch den Himmel trug“, sagt Wetzel.

Fluchtballon blieb erhalten

Im bayerischen Naila landen die Flüchtlinge auf einem Feld. „Wir wussten gar nicht, dass wir im Westen waren“, so Wetzel. „Erst als wir später einen Polizei-Audi sahen, war uns klar, wir haben es geschafft.“

Die Geschichte ist kinoreif. Hollywood verfilmt sie 1981 erstmals unter dem Titel „Mit dem Wind nach Westen“. Nun kommt Michael Herbig mit „Ballon“. Als Hauptdarsteller verpflichtete er unter anderem David Kross („Der Vorleser“), Karoline Schuch („Ich bin dann mal weg“) und Thomas Kretschmann („Operation Walküre“).

„Ich bin auf die Neuverfilmung sehr gespannt“, sagt Wetzel, der bei Hof lebt, Ausbilder bei Autofirmen war, nun Rentner ist. Peter Strelzyk starb 2017 mit 74 Jahren, seine Familie lebt heute wieder in Thüringen. Der Fluchtballon blieb erhalten, kommt ins Museum für Bayerische Geschichte, das 2019 in Regensburg eröffnet wird.