Kreuzberg - Man soll ja grundsätzlich keine unbezahlte Werbung machen. Und schon gar nicht Leute anpreisen, die man mag. Das vernebelt die nötige journalistische Distanz. Aber die Pulla von Anne-Marie von Löw, die sollte man schon einmal gegessen haben. Und den Kaffee dazu. Pulla, das sind kleine finnische Brötchen aus Hefeteig mit Streuselzucker drauf und immer mit Kardamon im Teig. So wie auch die Korvapuusti, die von Löw im Hinterhof der Kreuzberger Ritterstraße im Haus Mykita seit heute genau einem Jahr anbietet. Es soll gefeiert werden.

Soweit die Lobpreisung. Jetzt die harte Faktennachricht: Dieser „Kioski“ – in Finnland werden so die Büdchen genannt, an denen man von Zeitschriften und Zeitungen über seltsam weiche Gebilde, die als Wurst gelten, bis zum Schnaps unter der Theke den Notbedarf erwerben kann – ist nämlich neben allen olfaktorischen und zungenschmeichelnden Innereien auch ein ästhetisches Meisterwerk, gerettet wortwörtlich vom Schrotthaufen. Ende der 1960er-Jahre glaubten Architekten und Designer in der ganzen Welt, dass die Zukunft im Kunststoff läge, in sanften Plastikformen.

Massengut in Osteuropa: K 67 war der heitere Sozialismus

Pop-Kultur und Hippies wollten keine strenge Moderne mehr, suchten nach dem flexiblen in der Zukunft. Nichts sollte mehr fest und stabil sein, alles sich gleich Blumen im Wind bewegen können. Der jugoslavisch-slovenische Designer und Architekt Sasa Mächtig entwarf K 67 also als kleinen Pavillon für Zeitungs- und sonstige Verkaufsstände mit abgerundeten Ecken, knallgelber Farbe, aufgeständert, sodass etwaige Straßenschäden nichts ausmachten. Ein Modulbau, von dem man theoretisch unendlich viele aneinander schrauben kann, der mit Hubschrauber transportiert werden konnte.

K 67 war einst ein Massengut in den sozialistischen Staaten Osteuropas. Sie standen an Meeresküsten und an Passagen in den Städten, hoch in den Bergen und auch, verbunden zu langen, Perlenkettengleichen Gebilden, als Ferienhaus. K 67 war der heitere Sozialismus, ein bunter, lustiger Bruder der öd mattfarbigenen Schuppenästhetik, die oft das Straßenbild und den Alltag beherrschten. Aber auch ein Bruder jener Montagemöbel wie Lundia, Billy oder Ivar, die seinerzeit ihren Siegeszug in die Wohnungen des Westens begannen.

Ein K 67 gibt es in Berlin in der Ritterstraße

Da K 67 besonders in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, Bulgarien und eben in Jugoslawien Erfolg hatte, war wenig verwunderlich: In diesen Gesellschaften verteidigte die Bevölkerung auch im Sozialismus eisern die privaten Freiräume gegen die Anmaßungen von Staat und Partei, und sei es mit dem Auflegen von nett modernistischen Häckeldeckchen, die genau zum roten Plastegeschirr passten.

Da die Kunststoffoberflächen eigentlich unkaputtbar sind, nur einige Pflege benötigen, sogar gut isoliert werden können, ist K 67 zu einem Monument der heiteren Nachkriegsmoderne zwischen hartem Funktionalismus und ironischer Postmoderne geworden.

Er steht im New Yorker Museum of Modern Art – dass das Berliner Kunstgewerbemuseum nicht auch eine Variation besitzt, zeigt mal wieder, wie weit voraus amerikanische Museen oft sind. In Berlin muss man also in die Ritterstraße gehen, um dieses Kunstwerk anzusehen. Und dabei Korvapuusti zu essen. Die sind übrigens ebenfalls ein finnisches Hefegebäck. „Backpfeifen“ könnte man den Begriff übersetzen, was die Sache nicht einfacher macht.

Warum dieser aggressive Name angesichts eines sattweichen, buttertriefenden Zimtschneckchens? Sicherlich ungesund, so wie die meisten leckeren Sachen nicht besonders gesund sind. Aber lecker. Und so nett anzusehen vor diesem wohlrestaurierten K 67.