Bad Liebenwerda - Manchmal genügt eine tote Fliege. Ähnlich wie ein Vogelnest in einem Kaminschacht sorgt sie für Verstopfungen. Nur, dass sie keine Rauchschwaden erzeugt, sondern Misstöne. Die kleinen Pfeifen einer Kirchenorgel werden durch Verschmutzungen schnell verstimmt, die Töne dadurch tiefer – zum Leidwesen von Musikern und Zuhörern. Normalerweise werden solche Missklänge durch einen Orgelstimmer behoben. Markus Voigt und Axel Thomaß aus Bad Liebenwerda (Elbe-Elster) konstruieren eine Orgel, die nicht mehr per Hand und nach menschlichem Gehör gestimmt werden muss, sondern mit Hilfe hochmoderner Computertechnik.

Die Montagehalle der Firma Mitteldeutscher Orgelbau A. Voigt am Stadtrand von Bad Liebenwerda ist schmal, dafür aber etwa zwölf Meter hoch. Sie ist das Herzstück der Firma, die eines von gerade mal etwa zehn Orgelbauunternehmen in Brandenburg ist. In der Halle werden die Orgeln fertig zusammengebaut. Der Bau eines solchen Großinstruments ist ein langer Prozess. Ein ganzes Jahr benötigen Geschäftsführer Markus Voigt (51) und seine 14 Mitarbeiter im Schnitt zum Fertigen einer einzigen Orgel, fünf bis zehn weitere werden pro Jahr restauriert. Die Firma ist eine der wenigen, die außer den Holzteilen auch die Pfeifen selbst herstellt, und das seit etwa 50 Jahren. Sie hat eine eigene Zinngießerei, in der das flüssige Metall zunächst in dünne Platten gegossen wird. Später werden daraus die Orgelpfeifen gerollt.

310 Pfeifen aus Fichtenholz

Axel Thomaß steht in der Montagehalle mitten in einem Rohbau aus Fichtenholz, an dem allerlei Elektronik hängt. Der 27-jährige Orgelbauer aus Finsterwalde ist zuständig für die Konstruktion des Hightech-Prototyps, der mit seinen mehr als 310 Pfeifen künftig für mehr Harmonie in der Kirche sorgen soll. Keine Angst mehr vor toten Fliegen haben zu müssen, das sei allerdings nur einer der Effekte, erklärt sein Chef Markus Voigt. „Wir wollen das Urproblem der fixen Stimmung lösen“, sagt er. Mit „fixer Stimmung“ ist ein Dilemma gemeint, mit dem Kirchenmusiker seit Jahrhunderten kämpfen und das lange als unlösbar galt. Ähnlich wie ein Klavier kann eine Orgel nur in einer bestimmten Tonart genau gestimmt werden. In einem Konzert mit einem Orchester müssen sich Streicher und Bläser immer auf die Orgel einstellen.

Wer einmal genau hingehört hat, kennt sie, diese leichten Disharmonien zwischen Orgel und Orchester bei bestimmten Halbtönen. „Das hat man bisher nur mit Kompromissen lösen können“, sagt Voigt, der nicht nur Orgelbaumeister, sondern auch promovierter Kirchenmusiker ist. Thomaß kann ein Lied davon singen. Seit 20 Jahren spielt er Posaune in mehreren Orchestern. „Als Bläser sind wir es gewohnt, diese Misstöne korrigieren zu müssen“, sagt er. Die Klänge aus einem Blasinstrument können in ihrer Höhe korrigiert werden, Töne von Tasteninstrumenten mit ihren festgelegten Halbtonschritten nicht. „Wenn die Orgel dabei ist, gibt es immer einen Zwiespalt: Richtet man sich nach den Orchesterkollegen oder nach der Orgel?“, sagt Thomaß. Immer gebe es unsaubere Klänge, „bei der Orgel noch drastischer als beim Klavier“. Eine computergesteuerte Stimmanlage, eingebaut in die Orgel, soll dieses Dilemma nun lösen.

Und das geht so: Der Organist spielt einen Akkord an, ein eingebauter Computer ermittelt die Tonart und gibt – gesteuert über eine Software – ein Signal an die Pfeifen, sich einzustimmen. Kleine Elektromotoren und Magnete sorgen dafür, dass Trichter vor den Öffnungen der Pfeifen aufklappen oder sich schließen, je nachdem, ob die jeweilige Pfeife höher oder tiefer gestimmt werden soll. „Das passiert innerhalb von 30 Millisekunden“, erklärt Markus Voigt. In dieser kurzen Zeit kann das menschliche Gehör die Veränderung des Tones nicht wahrnehmen.

Eulen in den Pfeifen

Ihre neue Orgel bauen die Mitarbeiter von Hand. Axel Thomaß ist dabei für alle Bereiche zuständig: die Holz- und Metallverarbeitung, für die Elektronik, das Schweißen und die Lackarbeiten. Der Bau der Orgel ist ein Forschungsprojekt, finanziell gefördert durch die Europäische Union und das Bundeswirtschaftsministerium. Beteiligt ist auch die Hochschule Mittweida in Sachsen, wo die Software entwickelt wurde. Im Sommer, hoffen Voigt und Thomaß, könnte ein erster Teil der Orgel vorgestellt werden. „Wenn alles funktioniert, ist das für Kirchenmusiker eine große Erleichterung“, sagt Thomaß. „Manche sagen, Elektronik habe in einer Orgel nichts zu suchen. Auch ich mag die alte solide Technik, aber das hier ist ein echter Fortschritt, und den sollte man nutzen.“

Trotz aller Computertechnik wird auch das neue Hightech-Instrument einmal pro Jahr gewartet werden müssen. Denn bei der Überprüfung der Orgeln finden Axel Thomaß und seine Kollegen neben Fliegen auch größere Kirchenbewohner, die in den Pfeifen festhängen. „Wir haben dort sogar schon Eulen, Ratten und Fledermäuse entdeckt“, sagt er 27-Jährige. Und da nützt dann auch die modernste Technik nichts.