Andrew spricht schon fließend Deutsch. Der 22-jährige Ägypter ist seit 17 Monaten in Berlin, hat ein Jahr und eine Woche Sprachkurs am Alexanderplatz gemacht und dann erfolgreich die B2-Deutschprüfung abgelegt. Man sieht ihm an, dass er stolz darauf ist. In Ägypten hat Andrew Journalismus studiert, er möchte sein Studium gerne fortsetzen.

Doch in Deutschland ein Studium aufzunehmen ist für ihn nicht so einfach. Andrew ist ein Flüchtling. Um hier zu studieren, muss er seine Identität, ausreichende Deutschkenntnisse, einen Schulabschluss im Herkunftsland und eine vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geprüfte Schutzwürdigkeit nachweisen.

Fachkräfte-Potenzial für Deutschland

Andrews Asylverfahren läuft seit acht Monaten und außerdem hat er nicht alle Unterlagen, die er in Deutschland für die Aufnahme eines Studiums brauchen würde. Im Internet stieß der junge Mann bei der Suche nach Möglichkeiten zur Weiterbildung auf die Kiron University. Ab Oktober wird er einer von 1000 Studenten sein, die an der Kiron University, der weltweit ersten Universität für Flüchtlinge, ihr Studium aufnehmen.

So viel Potenzial und so hohe bürokratische Hürden: Diese Entdeckung stand am Anfang der Idee, die die Berliner Vincent Zimmer und Markus Kressler vor etwa einem Jahr hatten. Der 25-jährige Psychologie-Student Kressler arbeitete damals mit Flüchtlingen in Berlin zusammen, auf dem Oranienplatz in Kreuzberg, wo er den geflohenen Menschen half, mit deutscher Bürokratie zurechtzukommen. Dabei bekam er mit, wie viele von ihnen in ihren Heimatländern studiert hatten.

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„Da gibt es ein Riesenpotenzial, was im Moment einfach verschwendet wird, in Deutschland und vielen anderen Ländern“, sagt Kressler. Er kann gut reden, das tut er im Moment sehr viel. Gerade kommt er von einem Termin im Auswärtigen Amt, gleich muss er noch ein Konzept schreiben, vielleicht gibt es dann Geld vom Ministerium. Sein Handy klingelt ständig, doch Kressler ist ruhig, wirkt entspannt.

Kressler sagt, dass es Unsinn sei, wenn junge motivierte Menschen nur aufgrund ihres ungeklärten Aufenthaltsstatus und mangelnder Deutschkenntnisse nicht studieren können. An der Kiron University müssen geflohene Menschen erstmal keine Zeugnisse vorweisen, nicht mal ein Ausweis ist nötig. Auch Deutsch müssen sie nicht sprechen können.

Online-Studium an der Harvard-Uni

Die Idee der Kiron University ist simpel: Die Studenten schreiben sich ein und beginnen im ersten Jahr mit einem Studium Generale, bevor sie sich im zweiten Jahr für eine Fachrichtung entscheiden. Bisher können sie dann aus den Studiengängen Computerwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Architektur und Intercultural Studies wählen, alle auf Englisch.

Alle Kurse werden online bei internationalen Plattformen wie edx, coursera, iversity oder dem Anbieter des Potsdamer Hasso Plattner Instituts, openHPI, belegt, sie nennen sich Massive Open Online Courses (MOOCs) und werden von Elite-Universitäten wie Harvard, MIT, Stanford or Yale zur Verfügung gestellt.

Diese Kurse sind auch jetzt schon online zugänglich, das Besondere an der Kiron University ist, dass ihre Partner-Universitäten, darunter die Universität Heilbronn und die University of Westafrica, die Online-Kurse als Teil des Studiums anrechnen und die Studierenden nach erfolgreicher Absolvierung der ersten beiden Jahre das dritte Studienjahr an einer der Universitäten absolvieren können. Bisher steht die Kiron University nach eigenen Angaben mit etwa zwanzig Universitäten wegen solch einer Kooperation in Gespräch.

Davor müssen die Studenten allerdings die Papiere einreichen, die die jeweilige Hochschule verlangt. Je nach Universität sind das verschiedene Dokumente - das Problem, dass Zeugnisse womöglich für immer zerstört wurden oder schwierig aufzutreiben sind, wird so zunächst nur verschoben.

Auch die Macromedia Hochschule Berlin kooperiert mit der Kiron University, indem sie an der Entwicklung von Online-Lernformaten mitarbeitet und gemeinsame Veranstaltungen auf ihrem Berliner Campus organisiert.

Es geht den Initiatoren darum, dass die Flüchtlinge erstmal anfangen können zu studieren und mehr Zeit haben, die Papier nachzureichen. Durch die zwei Jahre Online-Studium sollen die Kiron-Studenten etwa auf das Niveau der normalen Studierenden kommen. Dafür wurden die Online-Kurse mit den Curricula der Partner-Hochschulen abgestimmt.

Unis erhalten durch die Flüchtlinge mehr Geld

Die Partner-Universitäten verleihen den Kiron-Studenten dann auch den Abschluss. Da die Abbruchquoten an deutschen Hochschulen besonders bis zum dritten Jahr hoch sind, entsteht so eine Win-Win-Situation – so die Idee der Kiron University: Geflohene Studierende können freigewordene Studienplätze einnehmen und die Unis erhalten mehr Geld, wenn sie mehr Absolventen hervorbringen. Vorausgesetzt, die Studenten schaffen es, in den zwei Jahren Online-Kursen das geforderte Sprachniveau zu erreichen und alle Leistungspunkte zu erfüllen.

Nicht gerade einfach für jemanden, der sich in seiner neuen Umgebung erstmal orientieren muss, vielleicht traumatisiert ist und sich zudem noch Sorgen um seinen Aufenthaltsstatus machen muss, seine Familie, seine Freunde. Doch Markus Kressler lässt keinen Raum für Zweifel an der Vision der Uni für Flüchtlinge. Wie realistisch es ist, dass wirklich viele von ihnen den Abschluss schaffen, ist eine Frage, die erst mit der Zeit beantwortet werden kann.

15.000 Flüchtlinge haben sich bisher schon an der Kiron University beworben. Und das, obwohl das Team um Markus Kressler noch gar nicht groß Werbung gemacht hat. Die meisten der Bewerber kommen aus Syrien, dann Somalia, Afghanistan, Irak. 1000 von ihnen sollen im Oktober das Studium aufnehmen. Damit das so funktioniert, wie es sich Kressler und die anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter vorstellen, haben sie eine Crowdfunding-Kampagne ins Lebens gerufen. Ihr ehrgeiziges Ziel: 1,2 Millionen Euro.

„Unser Studienkonzept funktioniert im Prinzip für unendlich viele Leute, wir brauchen aber Geld, um unsere Studenten mit Sprachkursen auszustatten, sowie mit Internet-und Bibliothekszugängen. Auch wenn wir zahlreiche Partnerschaften haben, müssen wir zumindest eine Verwaltungsgebühr zahlen. Wir brauchen außerdem Geld, um die Studierenden zu betreuen und für Professoren, die an der Weiterentwicklung der Studiengänge arbeiten“, erklärt Kressler.

„Durch eine Spende für die Crowdfunding-Kampagne gibt man einem Studenten direkt die Möglichkeit, das Angebot der Kiron University wahrzunehmen und auch zum Abschluss zu kommen.“ In den ersten Tagen ist die Spendenbereitschaft groß. Am Dienstag waren auf der Crowdfunding-Website startnext.com bereits knapp 88.000 zusammengekommen.  

Andrew will an der Kiron University jetzt mit Wirtschaftswissenschaften beginnen, weil Journalismus nicht angeboten wird. Fragt man ihn nach seinen Plänen für danach, sagt er: „Ich finde Deutschland sehr gut und würde gerne hier bleiben. Ich bin eigentlich unkompliziert. Ich würde gerne einen Job finden und ein normales Leben haben. Einfach so.“