Röddelin - Schon wieder geht die Tür. Ein junges Paar schiebt sich in den Raum, in dem Kostüme über Kostüme hängen und bereits vier Kunden scheinbar wahllos nach etwas Passendem suchen. Es ist warm in dem Raum mit den vielen bunten Kleidern, Jacken, Hosen und Hüten. Wo soll man da anfangen? Etwas ratlos sehen sich Diana Freyer und ihr Freund um. Sie suche etwas für den Fasching am Sonnabend, erklärt die 24-Jährige der Chefin des Hauses, Annette Abert „Ein Dirndl wäre nicht schlecht“, ergänzt die junge Frau. Da habe sie was da, sagt Annette Abert und kommt schon bald mit dem Gewünschten zurück. „In diesem Jahr gehen Dirndl besonders gut“, sagt sie. Oder die Wildecker Herzbuben. Aber auch Kostüme der 70er-Jahre sind Renner.

Es herrscht keine Not in der Kostümwerkstatt von Annette Abert im uckermärkischen Röddelin, einem Ortsteil von Templin. Noch nie ist wohl ein Kunde hier mit leeren Händen wieder gegangen. Über 5 000 Kostüme lagern im Erdgeschoss und in der ausgebauten Dachetage. 98 Prozent davon haben Annette Abert und ihre drei Mitarbeiterinnen, darunter eine Auszubildende, selbst geschneidert.

Kunden auch in Bayern

Es ist Faschingszeit, das heißt Hochkonjunktur für den Kostümverleih. Aber auch danach haben die Frauen alle Hände voll zu tun: Kostüme für Mittelaltermärkte, Stadtfeste, Spielmannszüge, historische Umzüge und private Feiern wollen gefertigt, geändert, ausgeliehen und gereinigt werden. Die Kleider gehen bis nach Bayern, sie werden gewaschen, wenn sie von den Kunden zurückgebracht oder zurückgeschickt werden. Vier Waschmaschinen stehen dafür zur Verfügung. „Nur Trockner haben wir hier nicht, weil das nicht gut wäre für den Stoff“, erklärt Annette Abert. Leinen, Brokat, Seide – es gibt wohl kein Textilmaterial, das es hier nicht gibt.

Die Kostümwerkstatt und der Verleih der 50-jährigen Frau sind eine kleine Erfolgsgeschichte in dieser sonst zwar naturschönen, aber arbeitsplatzarmen Gegend. Die gelernte Schneiderin arbeitete im Bekleidungswerk in Templin, machte dort auch ihren Meisterbrief. Nach der Wende wurde das Werk geschlossen. 400 Menschen verloren ihre Arbeit – auch Annette Abert. „1993 hat man mir eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme angeboten“, erzählt sie. Sie schneiderte mit einstigen Kolleginnen historische Kostüme für Stadtfeste, forschte nach einer Templiner Tracht, veranstaltete Modenschauen. Es habe ihr unheimlich Spaß gemacht, sagt sie. So hat sie dann auch weitergenäht, als die Maßnahmen ausliefen, und sich schließlich selbstständig gemacht. Das war 1998.

Auf Wunsch auch maßgeschneidert

Annette Abert verleiht nicht nur zur Faschingszeit ihre vielen Kostüme, zu denen auch mehr als 1.000 Hüte und etliche Perücken gehören. Die Schneiderin fertigt auf Wunsch auch maßgeschneiderte Kostüme an. Derzeit nähen die Frauen im Hinterzimmer des Verleihs für die Musikschule Hennigsdorf neun Kleider. Die müssen bis Pfingsten fertig sein – dann sollen die Musikschüler in ihren neuen Gewändern im Schlosspark Oranienburg beim Open-Air-Konzert auftreten.

Nach der Faschingszeit fährt Annette Abert erst einmal an die Ostsee. Nicht, um Urlaub zu machen. Sie muss im Ostseebad Binz auf Rügen Maß nehmen für die diesjährige „Zeitreise in die Binzer Sommerfrische“. Mit diesem Fest vom 28. April bis zum 1. Mai beginnt in dem Ostseebad die Badesaison. Dann schlüpfen Einwohner und Geschäftsleute während des Markttreibens in historische Gewänder, die ihnen Annette Abert zur Verfügung stellt, und flanieren wie in der Zeit der Jahrhundertwende über die Promenade. „Im vergangenen Jahr haben wir dort 200 Leute eingekleidet, vom Hut bis zum Spazierstock“, erzählt Annette Abert.

Seit eineinhalb Jahren macht Sarah Voigt in der Werkstatt ihre Ausbildung zur Schneiderin. „Es ist mein Traumberuf“, erzählt die 17-Jährige. Schön sei auch der Publikumsverkehr im Haus. Was sie machen werde, wenn die drei Jahre Lehre vorbei sind, wisse sie noch nicht.

Die Chefin als Überraschungsei

Diana Freyer hat sich unterdessen für das Dirndl entschieden. Nun sucht sie noch eine zünftige Lederhose für ihren Freund. Die sind wirklich schon alle ausgeliehen. Stattdessen muss der junge Mann mit einer Latzhose aus Stoff vorlieb nehmen. Dass die Träger zu kurz sind, stört nicht. Edith Lehmann-Hanusa nimmt sich der Hose an, macht die Träger länger und setzt, wie vom Kunden gewünscht, noch eine Borte auf den Latz. „Was wir hier machen können, das machen wir auch“, sagt die Schneiderin.

Einmal im Jahr zur Faschingszeit ist die Chefin auch selbst Kundin in ihrem Fundus. In diesem Jahr hat sie sich ein besonderes Kostüm ausgewählt. „Mein Mann und ich hatten die gleiche Verkleidung. Wir sind als Überraschungseier gegangen.“