Elise Hanrahan sitzt auf dem Boden des Wohnzimmers ihrer kleinen Plattenbau-Wohnung in Mitte und zieht eine Holzeisenbahn hin und her. Sie spielt mit ihrer zwölf Monate alten Tochter Marta.

Es ist kurz vor zehn Uhr am Freitagmorgen, eigentlich würde Elise Hanrahan um diese Zeit gerne auf ihrer Arbeitsstelle sein. Wenn sie denn wüsste, wo sie ihre Tochter unterbringen könnte. Denn eigentlich sollte Marta schon in der Kita sein, aber das hat sich immer wieder hinausgezögert.

„Einen Vertrag habe ich immer noch nicht unterschrieben“, sagte Elise Hanrahan. Ursprünglich wollte sie bereits im März wieder an die Akademie der Wissenschaften zurückkehren, wo sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt ist. Dann sollte es im April sein, jetzt ist die Rückkehr für Mitte Juni geplant.

Kitasuche wird zum Stresstest

Die 32-Jährige US-Amerikanerin ist dafür verantwortlich, dass am Sonnabend vermutlich Tausende empörte Eltern und Erzieher auf die Straße gehen werden. Sie hat die Demonstration für mehr und bessere Kita-Plätze initiiert und angemeldet.

Schon einen Kita-Platz für ihren heute zweijährigen Sohn August zu finden, war ein echter Stresstest. Sie wurde von etlichen Kitas abgelehnt oder landete auf undurchsichtigen Wartelisten. Elise Hanrahan merkte, dass es vielen Freunden und Bekannten genauso ging. „Ich hatte das Gefühl, keiner hilft uns.“ Sie kam auf die Idee, eine Demonstration zu organisieren, um auf das Problem aufmerksam zu machen.

Viele Treffen der Eltern

Verzweifelt suchte sie im Internet nach Unterstützung und schrieb E-Mails, darunter an den Landeselternausschuss Kita und an die Gewerkschaft GEW. Inzwischen ist die Rede von der größten Elterndemo seit zehn Jahren, der Begriff „Kitakrise“ machte die Runde.

Immer mehr junge Mütter und Väter meldeten sich bei ihr, oft aus Mitte, Friedrichshain oder Neukölln. Dort fehlen besonders viele Kita-Plätze, in ganz Berlin gibt es derzeit knapp 3000 Betreuungsplätze zu wenig – obwohl für Kinder ab dem ersten Geburtstag ein Rechtsanspruch gilt.

Zur Vorbereitung der Demo trafen sich die Eltern fast jeden Sonntagvormittag. Christine Kroke, eine von Elise Hanrahans neuen Bekannten, startete die Online-Petition „Wir brauchen Kitaplätze! Jetzt!“, die bereits mehr als 68.000 Bürger unterzeichnet haben. Aus der Idee einer jungen Mutter war plötzlich eine große Sache geworden.

Ausgerechnet in Deutschland

Wer mit Elise Hanrahan spricht, stellt schnell fest, dass sie keinesfalls eine übernächtigte Dauernörglerin ist. Sie lacht viel und ist immer noch ein großer Berlin-Fan. „Ich finde das Kita-Angebot in Berlin eigentlich wahnsinnig toll“, sagt sie. In den USA und anderswo wären eine kostenfreie Kita-Betreuung und ein Rechtsanspruch undenkbar, das weiß sie. „Ich finde es nur schade, dass ausgerechnet Deutschland diesen Rechtsanspruch nicht umsetzen kann.“

Ausgerechnet Deutschland, wo doch sonst alles gut organisiert werden kann. An der Kita ihres Sohnes endete die Betreuungszeit sogar zeitweise um 14 Uhr, weil nicht genug Erzieher gefunden wurden. Die Frau, die aus Kalifornien stammt, hat es am Telefon ihrem Vater erzählt. Er habe es zunächst gar nicht glauben können, sagt sie.

Krisensitzung der Verwaltung

Vor zehn Jahren kam Elise Hanrahan nach Berlin. Ihr Mann ist in der Plattenbauwohnung in Mitte aufgewachsen. „Ich liebe diese Stadt“, sagt sie. Die Offenheit, die Freiheit, die Verschiedenartigkeit der Menschen hier. Es sei hier auch sicherer und sozialer als in den USA. Für sie war Berlin ein guter Ort, um Kinder zu bekommen. Bis die Kita-Krise kam.

Ein paar Hundert Meter von hier diskutieren am Freitag die für Kitas zuständigen Jugendstadträte in der Bildungsverwaltung. Sie sind sich weitgehend einig, dass der geplante Personalschlüssel in Kitas wohl nicht gehalten werden kann, dass die geplanten Verbesserungen beim Betreuungsschlüssel derzeit nahezu utopisch erscheinen – und dass Soforthilfe wohl nur durch systematische Überbelegung möglich ist.

Angesichts des akuten Mangels an qualifizierten Erziehern wird sogar über den Einsatz von Erzieherhelfern nachgedacht, wie zu DDR-Zeiten. Es ist eine Krisensitzung, die Politiker spüren am Vortag der Demonstration den Druck, den Elise Hanrahan entfacht hat.

„Wir wollen unabhängig sein“

Die Demonstration unter dem Motto „Kitaplätze schaffen, Erzieher*innen unterstützen“ beginnt um 10 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße, von dort geht es zum Brandenburger Tor. Elise Hanrahan hofft, dass sich viele Erzieher beteiligen.

Die Demonstration musste kurzfristig um einen Tag vorverlegt werden, weil die AfD und Gegendemonstranten zeitgleich in der Gegend auf die Straße gehen. Deshalb druckte man neue Flyer und Plakate. Das ging ins Geld, nun sammeln die Organisatoren Spenden auf einer Online-Plattform.

Offiziell angemeldet sind nur gut 2000 Demonstranten, mehr will die Polizei nicht auf den Platz vor dem Brandenburger Tor lassen. Drei Betroffene werden bei der Abschlusskundgebung sprechen, ebenso die GEW-Landesvorsitzende Doreen Siebernik, selbst Erzieherin. Politische Parteien hatten im Vorfeld gefragt, ob auch sie Redner stellen dürfen. Doch die Initiatoren lehnten das ab. „Wir wollen unabhängig sein“, sagt Elise Hanrahan.