Berlin - Einen „großen Tag“ für Eltern hat Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bei einer Pressekonferenz am Mittwoch angekündigt.  Eine neue Webseite aus ihrem Haus, der „Kita-Navigator“, soll Eltern auf der Suche nach einem Kita-Platz das Leben leichter machen. Doch die Hilfe für gestresste Eltern könnte sich  zu einem handfesten Problem für die Berliner Bildungssenatorin entwickeln. Denn der „Kita-Navigator“ glänzt vor allem mit Fehlinformationen.

Eigentlich sollte die neue Software das System vereinfachen: Statt sich wie bisher bei Dutzenden Kitas auf Vormerklisten setzen zu lassen, regelmäßig per Email und Telefon nachzuhören, ob es denn jetzt was gebe, sollte die Webseite alle 2600 Berliner Kitas sowie Infos zu Größe und Konzept auflisten und vor allem: mit wenigen Klicks die Angabe liefern, welche Kitas freie Plätze haben. 10.800 freie Plätze gebe es derzeit im System, so Scheeres, 1400 mehr seien das als im November 2018, frohlockte sie. Doch ein erster  Test am Mittwoch zeigt das Desaster: Die Webseite ist gespickt mit falschen Informationen.

Webseite weist freie Plätze aus, wo es gar keine freien Plätze gibt

Mehrfach weist der „Kita-Navigator“ Kitas, die bereits ausgebucht sind, mit einer grünen Ampel, also mit freien Plätzen aus. Ein Beispiel: Bei der Kita „Kitaträumer“ im Prenzlauer Berg  leuchtet die Ampel grün. Von diesem Monat bis zum Juli 2020 sind dort angeblich Plätze frei. Doch das ist nicht korrekt. „Wir sind voll“, sagt ein Mitarbeiter am Telefon. Ein Kind käme im Dezember noch zur Eingewöhnung – dann seien die Plätze für ein Jahr lang vergeben.

Nächster Anruf, dieses Mal bei der Kita „Traumzauberbaum“ in der Nähe des Alexanderplatzes, ausgelegt auf mehr als 200 Plätze. Auch sie ist bis zum Juli 2020 mit freien Plätzen vermerkt. Aber gibt es freie Plätze im „Traumzauberbaum“? Der Mitarbeiter am Telefon schnaubt. „Das ist eine Utopie. Für die nächsten ein bis anderthalb Jahre haben wir keine Plätze frei.“

Die Senatsbildungsverwaltung war am Abend für ein Statement und eine Erklärung nicht zu erreichen. Klar aber ist: Was laut Scheeres die Transparenz für Eltern erhöhen sollte, wird in dieser Form nur für noch mehr Verwirrung sorgen – nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Träger der Einrichtungen, die nun vermutlich hoffnungsvolle Eltern reihenweise werden abwimmeln müssen.

Kita-Experte hält schlechte Datenpflege der Einrichtungen für möglichen Grund

Roland Kern vom Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS) – Interessensvertretung für 800 Berliner Kitas – hält es für möglich, dass der Fehler nicht bei der Verwaltung liegt, sondern bei den Kitas. Möglicherweise hätten viele Einrichtungen ihre Daten nicht gepflegt. So könne es zum Beispiel sein, dass eine Kita auf 25 Plätze ausgelegt sei, aber aus pädagogischen Gründen nur 23 Plätze vergeben wolle – das müsse sie der Verwaltung aber auch mitteilen.

Auch Plätze für Geschwister könnten schon Monate im Voraus fest vergeben worden sein, aber noch nicht im System vermerkt sein. „Das System zwingt Kitas jetzt, ihre Angaben zu pflegen“, sagt Kern. Das sei an sich begrüßenswert: „Ein besserer digitaler Überblick ist fällig gewesen.“

Mehr Arbeitsaufwand für und Druck auf Kitas

Für Kitas bedeute das neue Onlinesystem allerdings eine erhebliche Umstellung, so Kern. Zwar sollen die Kitas seit Längerem mit einem ähnlichen System arbeiten, viele aber hätten das bisher vernachlässigt.  Vor allem kleinere Kitas hätten bisher vieles auf Papier oder in einem eigenen System geregelt. „Unsere Leute stöhnen alle, es bedeutet für die Kitas mehr Aufwand“, so Kern.

Mit dem Start des neuen Tools hat Scheeres’ Verwaltung nach eigener Aussage den Druck auf die Kitas erhöht. Das System zu benutzen, sagte Scheeres am Mittwoch, sei „eine Verpflichtung, nicht mehr freiwillig“. Vertraglich seien die Träger dazu verpflichtet, so Scheeres. Bedeutet: Im Ernstfall könnten ihnen Leistungskürzungen drohen. 

Eine halbe Million Euro hat die Entwicklung des „Kita-Navigators“ gekostet

Zwei Jahre Arbeit und eine halbe Million Euro hat die Senatsbildungsverwaltung nach eigener Aussage in die Entwicklung des „Kita-Navigators“ gesteckt. Er soll Infos zur Lage der Kitas, Konzept und den aktuell verfügbaren Plätzen auflisten. Eltern sollen im ersten Schritt über eine Suchmaske nach Kitas in ihrer Nähe, konkreten Einrichtungen oder inhaltlichen Ausrichtungen suchen.

In einem zweiten Schritt können Eltern sich digital um einen Platz bewerben. Dafür benötigen sie allerdings ein Service-Konto beim Land Berlin. Danach sollen Eltern die Kita-Suche fast komplett über die Webseite  steuern können – zum Beispiel Anfragen nach einem Platz bei Kitas stellen und überprüfen, ob diese Anfragen bereits bearbeitet wurde.

Berlins größtes Problem aber wird der „Kita-Navigator“, selbst wenn er funktioniert, nicht lösen: Zurzeit geht die Bildungsverwaltung  davon aus, dass Berlin zum Sommer 2021 weitere 16 000 Kita-Plätze schaffen muss.