Berlin - Die Streikenden waren selbst überrascht. „Mensch, sind wir viele“, sagte Erzieher Cem Erkisi, als er sich umschaute und die lange Menschenschlange sah, die über die Straße Unter den Linden Richtung Brandenburger Tor schritt. Die Bildungsgewerkschaft GEW sprach am Mittwoch von mindestens 12.000 Landesbediensteten, die sich am ganztätigen Warnstreik beteiligten, die Polizei von mehr als 10.000. Vor allem Erzieher und Lehrer, aber auch Polizeiangestellte, Mitarbeiter von Jugendämtern und andere Landesbedienstete waren dabei. Auf Plakaten warnten Erzieher beispielsweise vor „Kindeswohlgefährdung“ wegen überfüllter Schulhorte.

Bei der zentralen Kundgebung drängten sich die Menschen eng aneinander, die Polizei hatte eigentlich nur 3000 Menschen für den Pariser Platz zugelassen. „Die Arbeitgeberseite muss sich endlich bewegen“, forderte GEW-Landeschef Tom Erdmann. Derzeit verhandeln die Gewerkschaften mit den Bundesländern über einen neuen Tarifvertrag der Länder (TdL), zwei Verhandlungsrunden brachten bisher kein Ergebnis. GEW und Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wollen erreichen, dass die Erzieher- und Sozialberufe in Berlin besser bezahlt werden. In anderen Bundesländern gilt für diese Berufe der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TvöD), das ist lukrativer. Doch beide Gewerkschaften sind keine reinen Erzieher-Gewerkschaften, wollen auch die Interessen ihrer anderen Mitglieder bedienen – das macht die Verhandlungen kompliziert. Die Gewerkschaften fordern sechs Prozent mehr Lohn für alle, mindestens aber 200 Euro monatlich mehr.

Vor allem Eltern von Kita-Kindern waren betroffen

Vom Streik betroffen waren vor allem die Eltern von Kita-Kindern. Viele landeseigene Einrichtungen hatten streikbedingt geschlossen. Allein beim Eigenbetrieb City waren 40 von 56 Kitas komplett dicht. Andere wie die Kita Fürstenberger Straße in Mitte hielten nur einen Notbetrieb aufrecht. 27 von 180 Kindern wurden dort betreut, die meisten Erzieherinnen streikten. Die Kita-Leitung hatte bereits Anfang der Woche klar gemacht, dass nur 27 Plätze zur Verfügung stehen. Eine Mutter, die ihr Kind dennoch am Morgen bringen wollte, musste wieder gehen. Mitsamt ihrem Nachwuchs. Viele Eltern hatten ansonsten untereinander eine Notbetreuung für ihre Kinder organisiert, halfen sich gegenseitig. Manche Eltern nahmen einfach mehrere Kinder zu Hause auf, einige Väter oder Mütter machten home office. Manche mussten sich sogar einen freien Tag nehmen. Trotzalledem zeigten viele Verständnis für den Arbeitskampf der Erzieherinnen Erzieher.

Auf der Kundgebung am Pariser Platz scheuchten Polizisten zwei Streikende weg, die der US-Botschaft zu nahe gekommen waren, weil sie hinter das hüfthohe Absperrgittter geklettert waren. Andere tragen sich flugs in die Streiklisten ein. Cem Erkisi arbeitet seit fünf Jahren als Erzieher in einer Kita in Nord-Neukölln, zuvor hatte er sich als Quereinsteiger ausbilden lassen. In der Kita geht es ihm um Sprachförderung und darum, mit den Kindern kreativ zu sein. Nebenbei sucht er die Schuhe der Kinder, wenn es raus geht. Brutto verdient Cem Ersiki derzeit gut 2900 Euro brutto wie viele seiner Kolleginnen auch. Nicht genug, finden sie. „Wohnen in Berlin wird immer teurer, da können wir kaum mithalten“, sagt Erkisi. Zumal seine Frau und er bald Nachwuchs bekommen. Der Termin für die Geburt per Kaiserschnitt steht bereits: Am Freitag schon soll es so weit sein. Doch Erkisi sorgt sich um den Erzieherberuf. „Viele wechseln nach ein paar Jahren woanders hin“, gibt er zu bedenken. Wer Abitur hat, kann zum Beispiel Grundschullehrer werden und dann alsbald fast das doppelte Gehalt erzielen. 

Kitas würde mehr Personal helfen

Eine Erzieherin aus Lichtenberg berichtet, was in den Kitas in den vergangenen Jahren an Anforderungen noch hinzugekommen ist: Sprachlerntagebuch und Dokumentation. Das Bildungsprogramm, wonach schon den Kleinen Buchstaben, Zahlen und naturwissenschaftliches Basiswissen näher gebracht werden soll. Elterngespräche, Integration, Inklusion und eine enge Kooperation mit Grundschulen.

„Mir geht es aber gar nicht um mehr Geld“, sagte die erfahrene Erzieherin. „Ich wünsche mir Entlastung und mehr Personal in den Kitas.“ Stattdessen müsse sie zusätzlich noch Quereinsteiger in den Kitas ausbilden und womöglich bald noch Hartz IV-Bezieher. Für sie ist das hier also eine Art Gute-Kita-Streik, klingt so ähnlich wie das neue Gesetz. Doch leider mangelt es an qualifizierten Pädagogen.

Unterricht fiel aufgrund des Kita-Streiks aus

Der Streik machte sich auch an den Berliner Schulen bemerkbar. Über 6000 Erzieher und 4000 Lehrer beteiligten sich, allen voran in Neukölln. Viel Unterricht fiel aus. An der Britzer Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule kam der gesamte Unterricht zum Erliegen. Die gut 16.000 angestellten Lehrer stellen inzwischen 60 Prozent der Belegschaft. Anders als jene Lehrer, die verbeamtet sind, dürfen Angestellte streiken. Auch ihnen geht es um eine Art Extrawurst: Weil alle anderen Bundesländer wieder verbeamten, fordern die angestellten Berliner Lehrer Angleichungen an die Beamtenbesoldung bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und der Alterssicherung. Bei Feuerwehr und Polizei hielt sich die Streikbeteiligung in Grenzen, weil die überwiegende Mehrheit dort verbeamtet ist. Laut Finanzverwaltung waren gut 63.000 angestellte Landesbedienstet streikberechtigt.

Aller Voraussicht wird in der nächsten Woche nicht erneut gestreikt werden. Die Gewerkschaften GEW, Verdi, Gewerkschaft der Polizei und IG Bau dürften die Ende Februar beginnende nächste Verhandlungsrunde abwarten. Wird dann kein Ergebnis erzielt, sind mehrtägige Streiks wahrscheinlich.