Berlin - Wenn Benjamin Pritzens die Ein- und Zweijährigen aus der Kükengruppe wickelt, denkt er nicht darüber nach, dass er dies nun als Mann tut.

Nicht einmal jeder zehnte Erzieher ist männlich

Er zieht die Kinder um und läuft im Sommer mit ihnen in Badesachen unter dem Rasensprenger hindurch. Befürchtungen von Eltern, der Körperkontakt könne übergriffig missbraucht werden, hörte der 27-jährige Erzieher nie. „Im Gegenteil: Die Eltern freuen sich, dass ein Mann ihre Kinder betreut. Wir sind ja immer noch eine Minderheit in dem Beruf.“

Nicht einmal jeder zehnte Erzieher in Berlin ist männlich. „Eltern vergewissern sich immer ängstlich, dass ich auch dabei bleibe“, sagt Pritzens, der seit knapp fünf Jahren in der Kita Villa Murkelmaier in Mitte arbeitet.

Was hat Sexualität mit dem Job zu tun?

Gerade sorgt der Fall einer Kita in Reinickendorf für Aufsehen. Eltern haben dort nach einem Bericht des Tagesspiegels gegen die Anstellung eines schwulen Erziehers protestiert. Sie halten es wohl für gefährlich, wenn er ihre Kinder berührt. Sie wollen sie offenbar nicht seinem Einfluss aussetzen, haben vielleicht Angst, dass die Kinder selbst einmal homosexuell würden.

Zur Mittagspause sitzt Benjamin Pritzens im Garten seiner Kita in der Sonne, während seine Schützlinge ein Nickerchen halten. Spricht man ihn auf den Fall aus Reinickendorf an, reagiert er entsetzt. „Ein starkes Stück! Was hat denn Sexualität mit dem Job zu tun?“ Er selbst sei überhaupt noch nie nach seiner sexuellen Orientierung gefragt worden, sagt Pritzens – und hätte auch nicht geantwortet.

Generalverdacht gegenüber schwulen Männern

Doch auch Stephanie Nordt hört immer wieder von Eltern, die nicht wollen, dass männliche Pfleger ihre Kinder wickeln. Sie ist Bildungsreferentin bei der Berliner Initiative Queerformat, die pädagogische Einrichtungen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt weiterbildet. „Der Generalverdacht gegenüber Männern potenziert sich bei schwulen Erziehern“, sagt Nordt.

Dass es sich bei den Eltern aus Reinickendorf mehrheitlich um Muslime handelt, spiele für sie keine wichtige Rolle. „Immer mal wieder berichten uns Pädagogen von Vorbehalten – aus allen Berliner Bezirken und von Eltern aller Glaubensrichtungen.“ Die Angst, dass schwule Erzieher übergriffig oder Kinder homosexuell würden, sei kein muslimisches Klischee. „Eher hängt es davon ab, wie stark die Eltern von traditionellen Geschlechterrollen geprägt sind“, sagt Nordt. Auch das soziale Milieu und der Bildungsgrad werden als Faktoren angeführt, die eine Rolle für die Einstellung der Eltern spielen.

Etwa ein Fünftel hadert mit lesbischen Erzieherinnen

Im Januar veröffentlichte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine repräsentative Umfrage, die die Haltung der Deutschen zeigt. Demnach findet ein Viertel der Befragten es unangenehm, wenn der Erzieher schwul ist. Etwa ein Fünftel hadert mit lesbischen Erzieherinnen. „Würde eine Kita eine Fachkraft aufgrund ihrer Sexualität nicht weiter beschäftigen, verstieße dies gegen das Gleichbehandlungsgesetz und wäre ein Fall fürs Gericht“, sagt Jörg Steinert, Geschäftsführer beim Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg. Die Reinickendorfer Kita reagierte in diesem Sinne: Sie stellte sich hinter ihren Erzieher und ließ die uneinsichtigen Eltern einen neuen Betreuungsort suchen.

Eine Absage erhalten in vielen Berliner Kitas auch Eltern, die ihr Kind nicht von Männern wickeln lassen wollen. „Pflegerische Tätigkeiten sind ein Teil der pädagogischen Arbeit“, sagt Martina Castello, pädagogische Geschäftsleiterin der Kita-Eigenbetriebe Süd-West. „Erzieherinnen wickeln ja auch Jungen, einen Generalverdacht aufgrund des Geschlechts lassen wir nicht zu.“ Man wünsche sich ja mehr männliches Personal. „Da kann man dann nicht sagen, die dürfen aber nicht alles machen.“

Männer als Rollenvorbilder

Die Senatsverwaltung für Bildung sieht das ähnlich. „Wir wollen mehr, nicht weniger Männer in den Kitas. Sie sollen dort als Rollenvorbilder wirken“, sagt Senatorin Sandra Scheeres (SPD) der Berliner Zeitung. „Jegliche Form von Diskriminierung lehnen wir ab.“ Auch Reinickendorfs Schulstadtrat Tobias Dollase (parteilos, für CDU) zeigt sich irritiert über den Vorfall in seinem Bezirk. „In einer weltoffenen und toleranten Stadt wie Berlin bin ich verwundert über die Reaktionen einzelner Eltern gegenüber einem homosexuellen Erzieher. Entscheidend ist seine Arbeit“, sagt Dollase der Berliner Zeitung.

Schwuler Kollege bringt Freund zum Sommerfest mit

In der Kita Villa Murkelmaier in Mitte ist die stadtweite Entrüstung noch nicht angekommen, sie soll auch gar nicht. Schließlich ist man hier froh über die Vielfalt. „Junge Erzieher wollen keine Ausnahme sein“, sagt Monika Zantke, Geschäftsführerin des freien Trägers GFJ, der die Villa Murkelmaier und drei weitere Einrichtungen in Mitte betreibt. Schwule Erzieher gebe es selbstverständlich auch hier. „Aber Sexualität ist weder bei uns noch bei den Eltern ein Thema“, so Zantke. Und natürlich bringe ein schwuler Kollege seinen Freund auch mit zum Sommerfest. (mit mak.)