Vater Mirko Wiegert ist froh, dass seine Töchter Ida (vorne) und Lotta wieder in ihre Kita in Friedrichshain gehen können, zumindest stundenweise. 
Foto: Markus Wächter

BerlinDie Kita „Spieltraum“ in Friedrichshain hat ein Corona-Tor: ein kleines Holzgatter, das Eingangsbereich und Garderobenraum vom Rest der kleinen Wohnung trennt. In normalen Zeiten bremst das Tor Kleinkinder, die zur Tür flitzen wollen. In Corona-Zeiten signalisiert es den Eltern: Hier geht’s nicht weiter. Wer ankommt, darf mit seinem Kind in die Garderobe gehen, Jacke aus, Hausschuhe an, und dann auf Wiedersehen sagen. Hinter dem Corona-Tor, in den gemütlichen drei Zimmern, sind nur Erzieherinnen und Kinder erlaubt. Dass jetzt immer nur eine Familie in der Garderobe sein darf, habe das Ankommen sogar entspannter gemacht, findet Mirko Wiegert, der gerade seine beiden Töchter Ida (5) und Lotta (1) in die Kita bringt.

„Spieltraum“ in der Kinzigstraße ist eine kleine Kita und in einer besonderen Situation: In der ersten Woche, nachdem die Senatsverwaltung bestimmt hatte, dass neben den Kindern von Eltern in systemrelevanten Berufen auch Vorschulkinder und ihre Geschwister wieder Anspruch auf Betreuung hatten, waren schon 19 von 23 Mädchen und Jungen wieder zurück: viele Notbetreuungskinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, und diese Woche kamen auch noch die Vorschulkinder und ihre Geschwister dazu.

Dass das klappt, geht auf viele Überstunden der Kita-Leiterin Susanne Wegner zurück: Die Mitteilungen der Bildungsverwaltung an die Kitaträger waren in den letzten Wochen oft schwammig und kurzfristig. Die offizielle Nachricht, dass ab 25. Mai auch die Fünfjährigen und ihre Geschwisterkinder wieder einen Anspruch auf Betreuung haben, erreichte die Träger beispielsweise vier Tage vorher, an einem Feiertag. Und vorvergangene Woche hieß es zunächst, alle Kinder, auch die mit „systemrelevanten“ Eltern, hätten nur noch Anspruch auf vier Stunden Betreuung. Dann wurde das nach Elternprotesten wieder zurückgenommen – zwei Tage vor dem Tag, an dem die Vorschulkinder und ihre Geschwister zurückkommen sollten.

Es sind Menschen wie Wegner und Stefanie Schubert, Geschäftsführerin des Kitaträgers „Spieltraum“, an denen es dann hängen bleibt, mit den Eltern zu kommunizieren und irgendwie zu versuchen, es allen recht zu machen. „Die Senatsverwaltung verlässt sich schon sehr darauf, dass die Träger alles tun werden, um ihr Chaos nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen“, sagt Schubert.

Kitaleiterin Susanne Wegner ist bei der Planung nun von 100 Prozent Auslastung ausgegangen und hat alle ihre Schützlinge in drei Gruppen aufgeteilt: Kinder von systemrelevanten Eltern, Vorschul- mit Geschwisterkindern, „und der Rest. Für den muss ich mir noch einen besseren Namen ausdenken“, sagt sie und lacht. Der ersten Gruppe bietet sie sechs Stunden Betreuung pro Tag an, den anderen beiden jeweils drei an zwei oder drei Tagen die Woche.

Viel mehr geht nicht: Eine räumliche Trennung der Gruppen, wie sie der Musterhygieneplan Kita der Bildungsverwaltung empfiehlt, ist in so einer kleinen Kita praktisch unmöglich. „Ich müsste ja sicherstellen, dass die Kinder sich im Bad, im Hof und im Flur nicht treffen“, sagt Wegner. „Das macht die pädagogische Arbeit kaputt.“ Deshalb achtet „Spieltraum“ nur darauf, dass sich nicht mehr als zehn Kinder gleichzeitig in der Kita befinden. In der Pause, bevor die Nachmittagsgruppen kommen, säubern die Erzieherinnen selbst alle Tische, Klinken und Griffe. Und bei der Ankunft wird bei jedem Kind Fieber gemessen, mit einem Stirnthermometer. Wer 37,4 Grad oder mehr hat, darf nicht rein.

Wegner vermisst bei den Plänen des Senats die Berücksichtigung des Bildungsgedankens: „Die Geschwisterkinder haben uns ziemlich von den Füßen gehauen“, sagt sie. Weil Geschwister wegen des Infektionsschutzes möglichst in einer Gruppe betreut werden sollen, kann sie zum Beispiel keine reine Vorschulgruppe gründen. „Da sitzt jetzt bei den Sechsjährigen halt noch ein einjähriges Geschwisterkind dabei“, so Wegner resigniert. „Ob das pädagogisch sinnvoll ist, fragt ja niemand.“

Auch „wenigstens eine Woche Vorlaufzeit“ wäre nett, sagt Wegner und klingt fast flehentlich. Viele ihrer Mütter zum Beispiel sind selbst Lehrerinnen und Erzieherinnen, die in Notbetreuung und eingeschränkten Regelbetrieb eingebunden sind – wenn plötzlich ein neuer Brief der Senatsverwaltung die Wochenplanung in der Kita zerschießt, setzt das auch an anderen Einrichtungen eine Kettenreaktion in Gang. Zum Glück sei man an so einer kleinen Kita mit den Eltern in engem Kontakt, sagt Wegner: „Unsere Eltern vertrauen uns, dass wir für sie aus dem System rausholen, was geht. Aber ich würde ihnen trotzdem gerne wenigstens zwei Wochen Planungssicherheit geben können.“

Das Problem ist auch, dass die Bedürfnisse und Ängste sehr unterschiedlich sind und außerdem derzeit noch unklar ist, was der richtige Weg ist, auch medizinisch gesehen. Welche Rolle Kinder und Jugendliche bei der Verbreitung des Coronavirus spielen, ist nicht vollständig geklärt. Berlin eröffnet wie die meisten anderen Bundesländer Schulen und Kitas gestaffelt; in den vergangenen Tagen sind Stimmen lauter geworden, die die langsame Wiedereröffnung für einen Fehler halten. Vier große medizinische Fachgesellschaften fordern die Wiedereröffnung von Schulen und Kitas für alle Kinder und Jugendlichen: Die Datenlage über geringe Infektionsraten gebe das her, die nötigen Regeln seien auch den Kleineren vermittelbar.

Der Dachverband der Kinder- und Schülerläden sieht das ganz anders: Dem Papier merke man an, dass es von Leuten stamme, die keine Ahnung von Kita haben, sagte Sprecher Roland Kern. Ihm falle besonders die Anspruchshaltung gegenüber den Erzieherinnen auf: „Über die wird da einfach verfügt, das macht mich stinkig.“

Berlin hält an den vorsichtigen Öffnungen erst mal fest. Viel wird aber von den Testungen abhängen, die Charité und Vivantes ab Anfang Juni durchführen sollen: Mindestens 60 Kitas und Schulen in Berlin sollen dann repräsentativ ausgewählt und eine festgelegte Gruppe darin immer wieder getestet werden. Der Senat erhofft sich belastbare Erkenntnisse über die Ansteckungsgefahr bei Kindern und Jugendlichen – Antworten auf die Frage, wie es eigentlich ab August weiter gehen soll, brauchen nicht nur die Kitaträger.